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20.9.2002 | Von:
Heiner Meulemann

Werte und Wertwandel im vereinten Deutschland

Eine "innere Einigung" der Wertehaltungen im wiedervereinigten Deutschland ist nicht in Sicht. Die Erklärung, so der Autor, liege in der unterschiedlichen Sozialisation und in der schwierigen Situation der Transformation.

Einleitung

Die deutsche Wiedervereinigung war ein asymmetrischer Prozess: Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland - der institutionelle Rahmen Westdeutschlands - wurde auf die DDR übertragen. Die Ostdeutschen mussten und müssen die Situation einer neuen Verfassung vor dem Hintergrund ihrer Sozialisation in der DDR bewältigen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass sie sich in ihren Werthaltungen an die Westdeutschen anpassen. Die neue Verfassung traf und trifft in Ostdeutschland auf eine Bevölkerung, welche naturgemäß die Dinge erst einmal aus der Sicht der Verfassung der DDR bewertet. Wie die Ostdeutschen den Transformationsprozess erleben, was sie in der Situation dieses Prozesses erfahren, interpretieren sie auf Basis ihrer Sozialisation in der DDR. Sozialisation und Situation sind nicht - wie häufig unterstellt - alternative Einflüsse; sie wirken zusammen.


Die Wirkung der Sozialisation in der DDR lässt sich nur ermessen, wenn man die Werthaltungen der West- und Ostdeutschen unmittelbar nach der Wiedervereinigung erfragt. Die Wirkung der Situation der Transformation, genauer der Einübung der Ostdeutschen in die neue Verfassung der Bundesrepublik, lässt sich aber nur vor dem Hintergrund der Sozialisation in der DDR verstehen. Ich will im Folgenden - in Erweiterung zweier älterer Arbeiten [1] - die Wirkung der Sozialisation in der DDR im Hinblick auf Werteinstellungen unmittelbar nach der Wiedervereinigung und das Schicksal dieser Werte in der Situation der nachfolgenden Transformation Ostdeutschlands an Hand ausgewählter Zeitreihen analysieren. Dazu muss ich zunächst begründen, welche Werte überhaupt betrachtet werden sollten und welche Unterschiede zwischen den Landesteilen man unmittelbar nach der Wiedervereinigung und in der Folgezeit erwarten sollte, wenn man für jeden Landesteil eine spezifische Sozialisation unterstellt, die in Ostdeutschland auf die Situation des Anpassungszwangs an den institutionellen Rahmen der alten Bundesrepublik traf.

Fußnoten

1.
Vgl. Heiner Meulemann, Aufholtendenzen und Systemeffekte. Eine Übersicht über Wertunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40 - 41/95, S. 21 - 33; ders., Werte und Wertewandel, Weinheim 1996. - Eine längere Version dieses Aufsatzes erscheint in diesem Jahr als Studienskript der Fernuniversität Hagen.