Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Simone Paganini

Jerusalem, die Heilige

"Why should the Arabs make peace? If I was an Arab leader I would never make terms with Israel. That is natural: we have taken their country. Sure God promised it to us, but what does that matter to them? Our God is not theirs. We come from Israel, but two thousand years ago, and what is that to them?"[1] In diesen Worten, die dem ersten Ministerpräsidenten des modernen Staates Israel, David Ben-Gurion, zugeschrieben werden, mischen sich unterschiedliche Überlegungen, die auch für Jerusalem bis heute relevant sind. Es geht dabei um Land, um verschiedene Ansprüche, um Geschichte und schlussendlich auch um Gott.

Bereits der selbst gewählte Name Ben-Gurion war Ausdruck eines idealistischen politischen Programms. Auf Aramäisch bedeutet er "Sohn des Sternes" und spielt auf den Namen des Simon bar Kochba an, den Anführer der zweiten jüdischen Revolte in Judäa gegen die Römer von 132 bis 135 n. Chr., der ebenfalls "Sohn des Sternes" bedeutet. Doch während bar Kochba scheiterte, war Ben-Gurion erfolgreich. Die "Causa Jerusalem" umfasst damit eine Reihe von Herausforderungen, die sich jedoch auf zwei wesentliche Aspekte reduzieren lassen: die Hoheitsgewalt über die Stadt und die Rolle der heiligen Stätten. Um Erstere streiten sich derzeit hauptsächlich zwei nationale Gruppen. Bei den heiligen Stätten sind drei Religionen und unzählige Konfessionen im Spiel. Beide Aspekte – wie Ben-Gurion korrekterweise sah – sind aber untrennbar miteinander verbunden.

Im Folgenden soll dennoch versucht werden, die Rolle Jerusalems nicht als politische Größe, sondern als heiligen Ort dreier Religionen zu analysieren. Diese Fragestellung auf die Auseinandersetzungen zwischen Juden, Muslimen und Christen zu beschränken, würde allerdings die realen Gegebenheiten verkennen, diese auf eine gefährliche Art simplifizieren und unweigerlich zu einer ideologischen – mehr oder weniger radikalen – Positionierung führen. Es geht nämlich nicht nur um die Auseinandersetzung zwischen Judentum, Islam und Christentum, sondern um eine viel subtilere und differenziertere Problematik.

Der "Kampf" um die Kontrolle der Grabeskirche spielt sich zum Beispiel zwischen dem armenisch-apostolischen Priester und dem griechisch-orthodoxen Mönch ab, während der ebenfalls christliche Franziskaner-Pater zuschaut. Im jüdischen Viertel greift der aschkenasische Oberrabbiner die Vertreter des sephardischen Judentums an, und am Haram al-Sharif ("bedeutendes Heiligtum", so der arabische Name des Tempelberges) wird der von Palästinensern berufene Mufti gegen den aus Jordanien stammenden Imam handgreiflich. Diese Zerwürfnisse sind nicht neu, und es lohnt sich, einen Streifzug durch die religiöse Geschichte dieser Stadt zu machen, um sich von ihrer Vielfalt, aber auch von ihrer Widersprüchlichkeit und pluralistischen Dimension überraschen zu lassen.

Dorf im Bergland Kanaans

Südlich der Mauern der Jerusalemer Altstadt, unterhalb der al-Aqsa-Moschee, wo sich heute der Nationalpark der "Davidsstadt" befindet, liegt eine Quelle – die Gihon-Quelle.[2] Von dem nahegelegenen, von drei tiefen Tälern umgebenen Hügel war sie schon immer gut erreichbar. Auf diesem Hügel entstand vor rund 5000 Jahren – so alt sind die ältesten dort ausgegrabenen Tonscherben und Feuersteine – eine kleine Siedlung, deren Bewohner, die man heute Jebusiter nennt, auch bei Belagerungen uneingeschränkt Zugang zu dieser Quelle hatten. Wer genau damals auf diesem Hügel wohnte, was diese Menschen taten, ob sie eine staatliche Organisation hatten und woran sie glaubten, wissen wir nicht.

Wie diese kleine Stadt damals hieß, ist ebenfalls nicht bekannt. Ein Name tauchte erst sehr viel später auf: auf einer Verwünschungsstatuette aus der Zeit des Pharaos Sesostris III. (um 1850 v. Chr.), zusammen mit 18 weiteren eroberten Städten. Die Statuette wurde von ägyptischen Priestern angefertigt. Sie schrieben darauf die Namen ihrer Feinde, verfluchten die Tonfigur und zerbrachen sie als Zeichen der Verachtung. In der Sprache der Ägypter hieß die Siedlung "Ruschalimum". Die Bezeichnung ist äußerst interessant, enthält sie doch den Namen des kanaanäischen Gottes Schalimu. Ruschalimum bedeutet übersetzt etwa "Haus des Schalimu" und besagt somit, dass die Gründung der Stadt als das Werk einer Gottheit angesehen wurde. Dies ist auch die Bedeutung des Namens Jerusalem.[3] Natürlich waren die strategisch günstige Position und der unerschöpfliche Wasservorrat Grund genug, sich an dieser Stelle anzusiedeln, dennoch sahen die Bewohner in der Gründung dieser Stadt eine religiöse Handlung. Nach Erkenntnis der modernen Religionssoziologie bildet die Verehrung eines heiligen Ortes den Anfang eines religiösen Glaubens und ist mit keiner rationalen Überlegung verbunden. Man glaubte also, der Ort sei durch die Gegenwart eines Gottes geschützt, und das reichte für die Gründung.

Neben der Quelle wies Ruschalimum eine weitere wichtige Besonderheit auf: Im Norden erhob sich ein Hügel, und erhobene Plätze sind schon immer Orte gewesen, an denen eine Form von göttlicher Gegenwart angenommen wurde. Heute ist von diesem Hügel nichts mehr zu sehen, weil die gewaltige Plattform des Tempelberges, die König Herodes im ersten Jahrhundert v. Chr. bauen ließ, ihn komplett einnimmt. Nur der Gipfel, der jahrhundertelang als Opferstelle von jüdischen Priestern gebraucht wurde, ist auch heute noch sichtbar, zumindest für diejenigen, die die mächtige Konstruktion des Felsendoms mit der riesigen vergoldeten Kuppel betreten dürfen. Sobald ein Ort als "heilig" erklärt wurde, bekam er eine gesonderte Stellung, die nichts mehr mit der erfahrbaren Realität zu tun hatte. So wurde dieser Hügel zum Beispiel als "Berg Zion" als der Höchste aller Berge besungen – unbeirrt davon, dass er kein richtiger Berg war und dass die Hügel westlich und östlich davon deutlich höher sind.[4] Die Bestimmung der Heiligkeit eines Ortes hat also nicht mit Wissenschaft, sondern mit Gefühlen, Emotionen und Glauben zu tun.

Man kann davon ausgehen, dass es in Ruschalimum ein Heiligtum gab,[5] in dem kultische Handlungen abgehalten wurden: Blut- und Rauchopfer, Trankopfer (Libationen) und vielleicht sogar Menschenopfer. Es gibt in der Tat Texte in der hebräischen Bibel, die gegen Menschenopfer polemisieren und sie für ungültig erklären. Solche Texte entstanden natürlich als Reaktion auf reale Gegebenheiten. Die Erzählung von Abraham, der seinen Sohn Isaak nicht töten soll, ist eine Erinnerung daran. Diese Geschichte ist zwar nicht historisch zu verstehen, dennoch besitzt sie ein identitätsstiftendes Moment und spielt sich – der Tradition nach – auf ebenjenem Hügel nördlich der Keimzelle Jerusalems ab, den die hebräische Bibel als Berg Moria beziehungsweise später als Berg Zion identifiziert.

Archäologische Spuren menschlicher Besiedlung auf dem Gott Schalimu geweihten Hügel gibt es erst wieder für das 14. Jahrhundert v. Chr., als Ägypten die Obermacht über die Gegend hatte. Das Durchgangsland Kanaan wurde erobert und zum Vasallenstaat gemacht. Der Einfluss Ägyptens war nicht nur politisch und militärisch, sondern auch kulturell und religiös erkennbar, wie die Funde aus dieser Zeit belegen. Es existieren sogar sechs Briefe vom jebusitischen Gouverneur der Hauptstadt Ruschalimum, Abdi-Chepa, an den Pharao Echnaton. Um 1350 v. Chr. bat Abdi-Chepa im Kampf gegen Nachbarvölker um Hilfe für seine Stadt, die noch immer als "Haus des Schalimu" bezeichnet wurde.[6]

Fußnoten

1.
Zit. nach Nahum Goldmann, The Jewish Paradox: A Personal Memoir of Historic Encounters That Shaped the Drama of Modern Jewry, New York 1978, S. 99.
2.
Unter http://www.cityofdavid.org.il/de/virtual_tools« finden sich zahlreiche informative Texte und Videos dazu.
3.
Die rabbinische, auch vom Christentum übernommene Interpretation des Namens als "Stadt des Friedens" ist etymologisch unhaltbar. Dass in Jerusalem das hebräische Wort für "Friede" beziehungsweise "Heil" (shalom) nachklingt, ist reiner Zufall. Der übliche hebräische Name der Stadt ist eigentlich Jeruschalajim. In der hebräischen Bibel wurden sogar alle Vorkommen des Namens ab dem 7./8. Jahrhundert in diese Richtung korrigiert. Jeruschalajim ist aber grammatikalisch gesehen eine Dualform. Auf Hebräisch wird eine solche grammatikalische Form verwendet, wenn man ein Paar bezeichnen will: zwei Hände, zwei Augen, zwei Füße, zwei Himmel (nach der altorientalischen Kosmologie). Die Dualform kann auch als feierliche Form des Namens angesehen werden.
4.
Der Name ist inzwischen "gewandert": Mit Zionsberg ist heute nicht mehr der Tempelberg, sondern ein südwestlich davon gelegener Hügel gemeint.
5.
Zur Geschichte des Tempels in Jerusalem siehe ausführlicher und mit zahlreicher weiterführender Literatur Max Küchler, Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2014, S. 125–277.
6.
Vgl. Trevor Bryce, Letters of the Great Kings of the Ancient Near East. The Royal Correspondence of the Late Bronze Age, London 2003; Matthias Müller, Amarnabriefe, Oktober 2008, http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/13097«.
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Autor: Simone Paganini für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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