Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gil Yaron

Irdische Geschichte einer heiligen Stadt

Knapp tausend Jahre nachdem der Papst mit dem Schlachtruf "Deus lo vult" ("Gott will es") Massen aus Europa in den Kreuzzug gen Osten schickte, um Jerusalem zu befreien, stand die Stadt im Winter 2017/18 wieder im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Als US-Präsident Donald Trump am 6. Dezember 2017 Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, weckte er Ängste vor einem neuen Religionskrieg um die Heilige Stadt. Die palästinensische Autonomiebehörde brach ihre Kontakte zu den USA ab, einem ihrer wichtigsten Geldgeber. Die radikalislamische Hamas rief zu einer neuen Intifada auf. Auch die übrige islamische Welt reagierte mit Empörung, denn für sie gilt Jerusalem als einziger Ort, der ob seiner Vergangenheit als Hauptstadt eines Palästinenserstaates fungieren kann.

Aber auch Israel verweist auf historische Wurzeln in der Stadt und bezeichnet Jerusalem als "einzige, ewige und unteilbare Hauptstadt des jüdischen Volkes". Kein Wunder also, dass Unterhändler beider Seiten sich oft in vielen Punkten näherkamen, außer in der Frage Jerusalems. Viele betrachten sie deshalb als heikelstes und "größtes Hindernis" auf einem Weg zu einer friedlichen Einigung. Wer diesen Konflikt ergründen will, muss also die Bedeutung dieser Stadt kennen. Und das geht nicht ohne ein klares Verständnis ihrer komplexen Geschichte.

Steinzeit und israelitische Königreiche

Jerusalem gilt als eine der ältesten Städte der Welt. Überreste imposanter Bauten belegen eine erste Besiedlung des heutigen Stadtgebietes in der Kupferzeit vor etwa 7000 Jahren.[1] Archäologen datierten Tonscherben aus der Umgebung der Gihon-Quelle auf das Jahr 4500 bis 3500 v. Chr. und fanden so Anzeichen der ersten Besiedlung des heutigen Stadtkerns.[2] Überreste einer 3700 Jahre alten, bis zu acht Meter hohen Steinmauer aus vier bis fünf Tonnen schweren Quadern belegen die Existenz einer bewehrten kanaanäischen Stadt nahe der Quelle.[3]

Im zweiten Jahrtausend v. Chr. dehnte Ägyptens Einfluss sich bis Kanaan aus. Tontafeln aus dem ägyptischen Tel el-Amarna belegen, dass Jerusalem in dieser Zeit von ägyptischen Vasallen regiert wurde, wie dem Statthalter Abdi-Chepa, dessen Briefe an Pharao Amenhotep III. und dessen Sohn Echnaton erhalten blieben. Eine fatale Kombination von Klimawandel, Misswirtschaft und Völkerwanderung führte ab 1200 v. Chr. jedoch zum Zusammenbruch der damals herrschenden Weltordnung. Ägypten zog sich zurück, andere Imperien zerfielen.[4]

Im darauf folgenden Chaos wurde Jerusalem wiederholt belagert, erobert und geplündert. Das Machtvakuum ließ Raum für die Entstehung neuer politischer Strukturen und Kulturen wie die der Israeliten. Laut der hebräischen Bibel, deren Historizität umstritten ist, einte König David etwa 1000 v. Chr. zwölf israelitische Stämme unter seiner Herrschaft, eroberte Jerusalem vom kanaanäischen Stamm der Jebusiter und machte die Stadt zum politischen Zentrum seines Reiches. Sein Nachfolger Salomon machte sie zum spirituellen Zentrum des Stammbundes und errichtete hier einen Tempel.

Keine archäologischen Funde beweisen die Existenz Davids oder seines Nachfolgers Salomon direkt, obgleich eine Stele aus Tel Dan nahelegt, dass ein Königshaus David mit Sitz in Jerusalem im 8. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich existierte. Manche Forscher halten David und Salomon deshalb für später geschaffene Mythen und glauben, das Jerusalem des 10. Jahrhunderts v. Chr. sei ein unbedeutendes Dorf am Rande der Weltgeschichte gewesen.[5] Andere sehen in Überresten bedeutender Bauten aus dieser Zeit Beweise für die Existenz eines mächtigen, zentral von Jerusalem aus regierten Königreiches.[6]

Unumstritten ist, dass im 9. Jahrhundert v. Chr. zwei israelitische Königreiche existierten: das reiche, mächtige Israel im Norden und das ärmere Judäa im Süden. Erst die Zerstörung des Nordreiches im Jahr 722 v. Chr. durch die Assyrer machte Jerusalem zur Hauptstadt aller israelitischen Stämme. Eine Flüchtlingswelle aus dem Norden bescherte der Stadt einen massiven Aufschwung. Es war das einzige Mal in der Geschichte, dass die israelitische Gemeinde in Jerusalem die größte der Welt war.[7] Von Juden zu sprechen, wäre aber noch falsch: Ein großer Teil der Bevölkerung praktizierte heidnische polytheistische Riten.[8]

Beginn des Judentums, Exil und römische Provinz

Die Grundlagen für das Judentum als abstrakte monotheistische Staatsreligion wurden von König Josiah im 7. Jahrhundert v. Chr. mit Tempelreformen gelegt. Seine Priester begannen, die Bibel zu redigieren und etablierten die Überzeugung, Jerusalem sei einziger Sitz des einen Gottes, der das Königshaus David und das Volk der Juden auserkoren habe. Jerusalem wurde nationalreligiöser Fixpunkt und Wallfahrtsort.[9]

Doch als die damaligen Großmächte wieder erstarkten, war es mit Jerusalems Unabhängigkeit vorbei. Im Jahr 586 v. Chr. eroberten die Babylonier die Stadt, zerstörten den ersten Tempel und verschleppten die Elite ins Exil. Die persischen Achämeniden besiegten Babylon 50 Jahre später, und ihr Schah Kyros gestattete einer jüdischen Gesandtschaft 539 v. Chr., nach Jerusalem zurückzukehren. Bis zur Neuerrichtung des Tempels dauerte es aber wahrscheinlich, bis der Exilarch Serubbabel, der Anführer der jüdischen Diaspora in Babylon, 520 v. Chr. zu diesem Zweck nach Jerusalem entsandt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Jerusalem wohl ein unbefestigtes Dorf mit bloß 1000 Einwohnern. Das änderte sich erst, als der persische Großkönig Artaxerxes I. 445 v. Chr. seinen jüdischen Vertrauensmann Nehemia damit beauftragte, die Südwestflanke seines Reiches gegen Ägypten zu sichern und die Stadt aufzubauen. Nehemia baute eine Stadtmauer und siedelte Teile der Landbevölkerung in die Stadt um.

In der Schlacht von Gaugamela 331 v. Chr. zerstörte Alexander der Große schließlich das persische Reich; doch nach seinem Tod 323 v. Chr. zerfiel auch seines. Anschließend kämpften Ptolemäer und Seleukiden um die Vormacht. Zugleich wurden immer größere Teile der jüdischen Bevölkerung hellenisiert. Als der Seleukidenherrscher Antiochus IV. Epiphanes sich anschickte, den Tempel in Jerusalem zu entweihen, starteten die Makkabäer 167 v. Chr. eine Revolte, an deren Ende Judäa 164 v. Chr. unabhängig wurde. Nun herrschten die Hasmonäer in Jerusalem. Doch ihre Herrschaft war von ständigem Erbstreit gekennzeichnet, der das Land schwächte und letztlich dazu führte, dass es zu einer römischen Provinz wurde.

Der römische Senat ernannte den Idumäer Herodes zum König Judäas. Um seine Unbeliebtheit im Volk wettzumachen, erwies er sich während seiner Herrschaft bis zum Jahre 4 v. Chr. als einer der größten Bauherren in der Geschichte Jerusalems.[10] Seine gigantischen Bauwerke machten es laut Plinius dem Älteren zur "berühmtesten Stadt im Morgenland", vor allem dank des erweiterten zweiten Tempels, auf dessen Vorhof 300.000 Menschen Platz fanden. Die Stützmauer dieses Vorhofs steht bis heute. Der südliche Teil der Westmauer ist als "Klagemauer" bekannt und gilt Juden als heiliger Ort.

Im Jahr 66 n. Chr. erhoben die Juden sich gegen Rom. Der Kampf mündete in einer Niederlage und der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70. Als Kaiser Hadrian später die Stadt Aelia Capitolina an der Stelle Jerusalems errichtete und auf dem Tempelberg einen heidnischen Tempel errichten wollte, rebellierten die Juden unter Simon bar Kochba ab dem Jahr 132 erneut. Im darauf folgenden Krieg wurde fast die gesamte jüdische Gemeinde Judäas ausgelöscht. Römische Kartografen nannten Judäa fortan Palästina, um jedes Andenken an Juden auszumerzen.[11]

Die Ausmaße Aelia Capitolinas sind umstritten. Einst wurde angenommen, dass es sich um eine kleine, unbedeutende Kolonie mit maximal 10.000 Einwohnern handelte. Neuere Ausgrabungen deuten indes auf eine größere Stadt hin, die dem Grundriss der heutigen Altstadt entsprach. Juden durften hier nicht mehr leben. Auch Christen war dies eine Zeit lang verboten.

Fußnoten

1.
Vgl. Nir Hasson/Ruth Schuster, Jerusalem Even Older Than Thought: Archaeologists Find 7,000-year-old Houses, 17.2.2016, http://www.haaretz.com/1.5405607« (mit Paywall).
2.
Vgl. Pottery Shards from the Chalcolithic Period, o.D., http://www.cityofdavid.org.il/en/archeology/finds/pottery-shards-chalcolithic-period«.
3.
Vgl. "Massive" Ancient Wall Uncovered in Jerusalem, 7.9.2009, http://edition.cnn.com/2009/WORLD/meast/09/04/israel.wall.discovered/index.html#cnnSTCVideo«.
4.
Vgl. Eric H. Cline, 1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed, Princeton 2014.
5.
Vgl. z.B. Neil Asher Silberman/Israel Finkelstein, The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts, New York 2001.
6.
Vgl. z.B. Philippe Bohstrom, Did David and Solomon’s United Monarchy Exist? Vast Ancient Mining Operation May Hold Answers, 21.11.2017, http://www.haaretz.com/1.5466612«.
7.
Vgl. Gil Yaron, Jerusalem: Ein historisch-politischer Stadtführer, München 2013, S. 22.
8.
Vgl. z.B. Daniel McClellan, Josiah’s Reforms: The Archaeological Evidence, o.D., http://www.academia.edu/396916«.
9.
Vgl. Yaron (Anm. 7), S. 24.
10.
Vgl. Jürgen K. Zangenberg (Hrsg.), Herodes: König von Judäa, Darmstadt 2016.
11.
Vgl. Martin Goodman, Rome and Jerusalem, London 2007.
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Autor: Gil Yaron für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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