Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Jan Busse
Stephan Stetter

Die Jerusalemfrage im israelisch-palästinensischen Konflikt

Jerusalem ist einer der zentralen Streitpunkte in dem seit gut hundert Jahren andauernden israelisch-palästinensischen Konflikt. In diesem Beitrag wollen wir aufzeigen, welche Überlegungen – sei es durch lokale oder externe Akteure – angestellt wurden, um die Jerusalemfrage friedlich zu regeln. Da eine solche Konfliktlösung jedoch bisher nicht erreicht wurde, es sehr wohl aber – oft unter sehr ungleichen Machtverhältnissen – Phasen politischer Stabilität und Koexistenz in Jerusalem gab, wird zudem die Realität des Konfliktmanagements skizziert. Dabei widmen wir uns den diversen Versuchen, Jerusalem zum Ausgangs- beziehungsweise Endpunkt einer Friedensregelung zu machen, sei es durch internationale Aktivitäten oder Initiativen von Israelis und Palästinensern. Wir schließen mit einer Einordnung der jüngsten politischen Initiative der Trump-Administration mit Blick auf Jerusalem und Handlungsmöglichkeiten der EU.

Historische und gesellschaftliche Einbettung

Der Israel-Palästina-Konflikt ist seit vielen Jahrzehnten einer der zentralen Konflikte der internationalen Politik, der aufgrund der ihm unterstellten Bedeutung oftmals auch zum Schlüsselkonflikt des Nahen Ostens erhoben wird.[1] Zwei zentrale Ausgangsprämissen sollten hierbei aber im Blick behalten werden: Erstens ist zu beachten, dass der Konflikt um Jerusalem aus historischen Konstellationen der Neuzeit entstanden ist und keineswegs eine (ungebrochene) jahrtausendealte Kontinuität hat.[2] Zweitens sollte nicht vergessen werden, dass Jerusalem auch eine "normale" moderne Stadt ist, in der Menschen leben, arbeiten und einem Alltag nachgehen.

Es sind insbesondere zwei große Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die den Jerusalemkonflikt geprägt haben. Das ist zum einen die Herausbildung internationaler Herrschaftsansprüche über Jerusalem in der Endphase des Osmanischen Reiches, zum anderen das Entstehen zweier nationalistischer Bewegungen – dem politischen Zionismus einerseits und dem arabischen und palästinensischen Nationalismus andererseits. Oft unter Berufung auf echte oder vermeintliche historische Fakten und religiöse Legitimierungsmuster gingen diese ebenfalls mit Herrschaftsansprüchen einher.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kaum internationale Presseberichterstattung über die Stadt, die sich – auch aus Sicht des Sultans in Istanbul – in einem relativ peripher gelegenen Verwaltungsteil (Sandschak) des Osmanischen Reiches befand. Jerusalem war zweifelsohne religiös bedeutsam, aber hieraus leiteten sich keine direkten politischen Machtansprüche lokaler muslimischer, christlicher oder jüdischer Akteure oder externer Mächte ab. Das himmlische Jerusalem war Bezugspunkt, nicht das irdische Jerusalem, um das es – mit Ausnahme von Napoleons kurzer und gescheiterter Nahostmission 1799 – keinen nennenswerten politischen Streit gab.

Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,[3] vor allem durch Entwicklungen auf internationaler Ebene. Man kann von einer regelrechten Entdeckung Jerusalems durch die europäischen (Groß-)Mächte sprechen, beginnend mit dem zaristischen Russland, Großbritannien, Frankreich und gefolgt vom Deutschen Reich und anderen. Jerusalem wurde in kurzer Zeit zu einer "symbolically loaded site of imperial rivalry" – und europäische Touristen, Gläubige, Intellektuelle und Reiseschriftsteller wurden in den Sog dieser Jerusalem-Begeisterung gezogen.[4] Der Kampf um Einfluss ging der tatsächlichen Inbesitznahme der Stadt deutlich voraus – dabei wurde gar von einem "Krieg der europäischen Konsuln" gesprochen.[5] Diese versuchten einerseits, dem Osmanischen Reich Privilegien abzuringen, andererseits waren sie darum bemüht, ihre europäischen Kontrahenten auszustechen, zum Beispiel, indem sie sich als Schutzmächte bestimmter Bevölkerungsgruppen vor Ort inszenierten.

Ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts kamen weitere Machtansprüche hinzu: namentlich die Ansprüche lokaler Akteure auf kulturelle, politische und bald auch auf nationale Selbstbestimmung gegenüber dem Osmanischen Reich und später Großbritannien. Sowohl die in den 1890er Jahren in Europa entstandene zionistische Bewegung, die im historisch-biblischen Israel einen Ausweg aus den europäischen Nationalstaaten mit ihren fehlenden Integrationsmöglichkeiten für jüdische Staatsangehörige suchte, als auch der seit den 1830er Jahren in Ägypten aufgekommene arabische und dann auch palästinensische Nationalismus führten zu territorialen Machtansprüchen im Sandschak Jerusalem.[6] Allerdings stand zu diesem Zeitpunkt nicht Jerusalem im Zentrum des Interesses, sondern vielmehr das Entstehen genuiner jüdischer und arabischer Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegungen. Dass freilich Jerusalem Teil des jeweils beanspruchten Gebietes sein sollte, stand außer Frage. Zum zentralen Konfliktthema wurde die Stadt aber erst ab den 1920er Jahren.

Hier setzt die zweite Ausgangsprämisse ein – nämlich, dass Jerusalem auch eine "normale" Stadt mit alltäglichem Leben für ihre Bewohner ist. Zu beachten ist hier, dass die Stadt noch weit bis ins 19. Jahrhundert auf den Bereich der heutigen Altstadt begrenzt war. Arabische, jüdische und internationale Besiedlung außerhalb der Stadtmauern fand erst spät statt; aber durch den Bau von Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Universitäten, modernen Einkaufsstraßen, Theatern und Hotels ist Jerusalem zu einer modernen Großstadt geworden. Sowohl für die arabische als auch für die jüdische Bevölkerung ist die Stadt nicht mehr nur ein religiöses, sondern auch ein politisches, kulturelles, intellektuelles und wirtschaftliches Zentrum.

Dies verweist darauf, dass eine etwaige Friedensregelung nicht nur dem Bedürfnis der zwei Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft nach Grenzen und territorialen Ansprüchen gerecht werden muss, sondern auch dem guten alltäglichen (Zusammen-)Leben – oder mit anderen Worten: der human security der vielfältigen Stadtbevölkerung – dienen sollte.

Fußnoten

1.
Vgl. Muriel Asseburg/Jan Busse, Der Nahostkonflikt. Geschichte, Positionen, Perspektiven, München 2016.
2.
Vgl. Stephan Stetter, World Society and the Middle East. Reconstructions in Regional Politics, Houndmills 2008.
3.
Vgl. Simon Sebag Montefiore, Jerusalem. Die Biographie, Frankfurt/M. 2011.
4.
Jan Busse, Deconstructing the Dynamics of World-Societal Order. The Power of Governmentality in Palestine, London 2018, S. 26.
5.
Bernhard Wasserstein, Jerusalem. Der Kampf um die Heilige Stadt, München 2002, S. 31.
6.
Vgl. Michael Brenner, Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates, München 2016; Rashid Khalidi, Palestinian Identity. The Construction of Modern National Consciousness, New York 2010.
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Autoren: Jan Busse, Stephan Stetter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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