Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Gad Lior

Hauptstadt Jerusalem. Eine israelische Perspektive - Essay

Ich war zehn Jahre alt, damals, im Sommer 1963. Mein Vater unternahm, wie an jedem Shabbat, einen Spaziergang durch Jerusalem mit mir. Unser Ausflug an jenem Tag war in mancherlei Hinsicht ungewöhnlich. Vater bestieg mit mir ein niedriges Gebäude, das Jahre zuvor auf einem kleinen Hügel neben dem Notre Dame Komplex errichtet worden war, am Rande des Musrara Viertels. "Ich möchte dir etwas zeigen", sagte Vater. Eine ganze Weile standen wir dort, und Vater wies auf eine hohe Mauer, die einen Teil des Blickfelds versperrte. "Ich will dir heute erzählen, dass unsere Stadt, Jerusalem, geteilt ist. Hier vor uns liegt eine hohe Mauer, welche die Grenze darstellt. Die eine Hälfte von Jerusalem liegt bei uns, auf dem Gebiet Israels, und die andere Hälfte befindet sich unter der Kontrolle Jordaniens, dort hinter der Mauer."

Ich war ein kleiner Junge, der nur wenig über die Ereignisse der Stadt wusste, in der er wohnte. Also erklärte Vater: Mit Kriegsende im Jahre 1948 wurde bestimmt, dass Jerusalem zwischen Israel und Jordanien geteilt werden sollte. Hier, genau in der Mitte der Stadt, wurde zunächst ein Zaun errichtet und später diese Mauer gebaut. Israel und Jordanien seien keine "Freunde", erklärte Vater, sondern zwei miteinander verfeindete Staaten. Ein Kontakt zwischen den beiden Staaten bestehe nicht. Im Gegenteil. Von Zeit zu Zeit werde hier an der Grenze geschossen, vor allem von der jordanischen Seite in Richtung der jüdisch-israelischen. Und zu beiden Seiten der Mauer stünden Soldaten. Uns sei es verboten, hinüberzuwechseln, sagte mein Vater, Arthur Lichtenstein. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an jenen Tag. Ich sah einen der damaligen munter rußenden Omnibusse auf der anderen Seite der Mauer fahren und begriff, dass ich mit diesem Bus niemals würde fahren dürfen.

Episode Im Niemandsland

Bei der Gelegenheit wurde mir auch zum ersten Mal die Geschichte über jenen sonnengefluteten Morgen in den 1950er Jahren erzählt, an dem eine alte Nonne im St. Louis Hospital des Notre Dame Komplex das nach Osten gehende Fenster ihres Zimmers öffnete, von dem aus der schmale Streifen Niemandsland zu sehen war, der zwischen dem Hospital und der Mauer der Altstadt lag. Immer hatte sie ihren Bekannten erzählt, das Niemandsland habe "unmittelbar hinter der Wand meines Zimmers begonnen".

Denn das muss man wissen: Noch während der turbulenten Tage des Befreiungskrieges unterzeichneten Israel und Jordanien 1948 ein Abkommen über eine Feuerpause in Jerusalem. Doch erst im Jahr darauf, als ein Waffenstillstandsvertrag ausgehandelt wurde, zeichneten die Generäle mit schlecht angespitztem Bleistift auf einer staubigen Karte die neue Grenze ein, die Jerusalem fortan teilen sollte: Die Altstadt mitsamt Umgebung verblieb in den Händen der Jordanier, der Westteil Jerusalems ging an den neuen jüdischen Staat, an Israel.

Als sich dann beide Seiten daranmachten, den Grenzverlauf endgültig festzulegen, mussten die Generäle erkennen, dass der dicke Strich, den man auf der Karte gezogen hatte, in realiter ganze Straßenzüge und Häuser bedeckte. Die Meinungsverschiedenheiten darüber gerieten zum ersten Grenzstreit. Doch rasch besannen sich die Vertreter beider Staaten, und da man sich schwertat, zu entscheiden, wem die einzelnen Häuser, Straßen und freien Flächen gehören sollten, die sich unter der groben Linie auf der Karte befanden, wurde am Ende beschlossen, diese zum "Niemandsland" zwischen beiden Staaten zu erklären. Alles, was unter dieser Demarkationslinie lag, sollte zu keinem der beiden Staaten gehören und zu einer Zone werden, in der sich niemand aufhalten durfte. Dies bedeutete, dass man Menschen zwang, ihre Häuser zu verlassen, Straßen unpassierbar gemacht wurden und das Gelände, das fortan keinem mehr gehören sollte, mit Stacheldrahtzäunen und Minen bestückt wurde. Große Schilder wurden aufgestellt, die in riesigen Lettern verkündeten: "Halt – Niemandsland – Grenze".

Und genau an diesen Streifen grenzte das St. Louis Hospital. Als sich die Nonne nun aus dem Fenster lehnte, um sich das Gesicht von den angenehmen Strahlen der Morgensonne bescheinen zu lassen, musste sie plötzlich husten. Und noch ehe sie dazu kam, etwas zu unternehmen, hatte sich bereits ihre Zahnprothese gelöst – und war geradewegs ins Niemandsland gefallen.

Als sie dem Abt des benachbarten französischen Klosters Notre Dame von ihrem Missgeschick erzählte, verstand er wohl ihre Notlage, gab jedoch auch zu bedenken, es handle sich um eine Zone, die schon wiederholt von jordanischen Scharfschützen unter Beschuss genommen worden sei, weshalb kaum Aussicht bestünde, dass irgendjemand sich in dieses Niemandsland wagen würde, um ihr ihre Zahnprothese wiederzubeschaffen. Bälle, mit denen Kinder gespielt und die sich dorthin verirrt hatten, waren dort sich selbst überlassen worden, ebenso Kleider, die es von den Wäscheleinen geweht hatte. Die Nonne brach in Tränen aus, worauf der Abt, der Mitleid mit ihr hatte, schließlich Usi Narkiss anrief, der später – Ironie der Geschichte – als Befehlshaber des Kommandoabschnitts Mitte der israelischen Streitkräfte im Sechstagekrieg 1967 zu den Kommandeuren gehören sollte, die die geteilte Stadt wieder vereinten.

Der israelische Militär wandte sich daraufhin an die Mitglieder der paritätisch besetzten UN-Waffenstillstandskommission und berichtete ihnen von der verzweifelten Ordensschwester. Auch den französischen Vertreter der Kommission, ein Offizier namens Carneaux, rührte das Missgeschick der alten Dame, die ihr Gebiss verloren hatte, weshalb er noch am selben Tag Kontakt zum Vertreter der jordanischen Regierung aufnahm. Und so geschah es, dass sich am nächsten Morgen ein ungewöhnlicher Suchtrupp in das Niemandsland aufmachte – bestehend aus je einem jordanischen und einem israelischen Repräsentanten sowie dem Vorsitzenden der UN-Kommission – und dabei angesichts der Minen und Stacheldrahtrollen kein eben geringes Risiko einging. Stundenlang suchten alle nach der Prothese, bis sich diese schließlich fand, unter dem Beifall Hunderter Schaulustiger, die sich zu beiden Seiten der Grenze versammelt hatten und das sonderbare Geschehen verfolgten.

Das Drama wurde von David Rubinger, den im vergangenen Jahr im Alter von 92 Jahren verstorbenen Träger des israelischen Staatspreises für Fotografie, mit seiner Kamera für das US-amerikanische "Life"-Magazin verewigt.[1] Dort unterscheidet sich die Darstellung allerdings: Tatsächlich hatte wohl keine Nonne, sondern eine Patientin des Hospitals ihre Prothese verloren, die Nonnen hatten sich jedoch für die ungewöhnliche Suchaktion eingesetzt. Aber der Kern der Geschichte, die gemeinsame Aktion der damals eigentlich verfeindeten Israelis und Jordanier im Niemandsland, ist dadurch nicht weniger wahr.

Wenn man so will, ist dies die Geschichte der Stadt Jerusalem. Einer offiziell nur zwischen 1948 und 1967 geteilten Stadt, die aber auch nach ihrer Wiedervereinigung in mancher Hinsicht noch immer zwischen zwei Völkern geteilt ist, die sie beide als ihre Hauptstadt beanspruchen: das jüdische Volk, das jetzt vor genau siebzig Jahren den Staat Israel errichtete, und das palästinensische Volk, das seit Jahrzehnten verlangt, Jerusalem, diese historische Stadt, möge zur Hauptstadt seines eigenen Staates werden.

Fußnoten

1.
Siehe "Tale of Some Teeth. Arabs and Israelis Hold Their Fire for a Lost Denture", in: Life, 2.7.1956, S. 52, https://books.google.co.il/books?id=7UgEAAAAMBAJ&pg=PA52«.
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Autor: Gad Lior für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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