Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Joseph Croitoru

Ausgrabungen als Politikum. Biblische Archäologie und das Davidsstadt-Projekt

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem sich die Archäologie längst als anerkannte wissenschaftliche Disziplin etabliert hatte, entwickelte sich auch die Biblische Archäologie zu einer systematischen Ausgrabungswissenschaft. Westliche Archäologen förderten im damals von den Osmanen beherrschten Palästina wie auch in anderen Ländern der Region neben den Überresten altorientalischer Kulturen nun auch Funde aus biblischer und vorbiblischer Zeit zutage. Die zionistische Bewegung erkannte bereits in ihrer frühen Phase zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der Archäologie als Instrument, mit dem der biblisch begründete Anspruch der Juden auf das Heilige Land legitimiert werden könnte.

1913 riefen die Zionisten, die an den biblisch-archäologischen Forschungen in Palästina bis dahin nicht beteiligt waren, dort die Gesellschaft für die Erforschung von Eretz Israel und seinen Altertümern ins Leben. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges musste sie zwar ihre Aktivitäten unterbrechen. Insgesamt aber hatte der Krieg, in dem die Briten die jahrhundertelange osmanische Herrschaft in Palästina beendeten, für das zionistische Siedlungswerk und die mit ihm verbundenen Altertumsforscher auch positive Folgen. Da sich unter der Ägide des britischen Palestine Exploration Fund englische Archäologen schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in der Region engagiert hatten, war es nur konsequent, dass die britische Mandatsregierung schon 1920 in Palästina eine eigene Archäologie-Behörde schuf. Für die zionistische Archäologie markierte dies einen Neuanfang, zumal ein Teil der jüdischen Forscher dort angestellt wurde und die Briten dem Zionismus ohnehin wohlwollend gegenüberstanden.

Frühe Grabungen

Unter der britischen Mandatsherrschaft konnte die von den Zionisten vor dem Krieg gegründete archäologische Gesellschaft, die im Ausland unter dem Namen Jewish Palestine Exploration Society bekannt wurde, ihre Aktivitäten nun weiter entfalten. Obgleich sie wegen knapper finanzieller Ressourcen nur wenige Ausgrabungen realisieren konnte, richtete sich schon damals ihr forscherisches Augenmerk auch auf Jerusalem. Zwei der ersten zionistischen Altertumsforscher, Eliezer Sukenik (1889–1953) und Leo Mayer (1895–1959), gruben in den 1920er Jahren nördlich der Jerusalemer Altstadtmauer, wo sie auf antike Mauerreste stießen, von denen sie überzeugt waren, dass es sich um Überreste jener "dritten Mauer" handelt, die der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus in seiner "Geschichte des jüdischen Krieges" erwähnt hatte – eindeutig bewiesen werden konnte dies allerdings bis heute nicht.

Im zionistischen Kontext blieb diese Grabung lange ein Einzelfall. Denn der Ostteil von Jerusalem sollte, nachdem er im israelisch-arabischen Krieg von 1948 von Jordanien besetzt worden war, für israelische Forscher in den nächsten Jahrzehnten unzugänglich bleiben. Mit dem Sieg im Sechstagekrieg 1967 brach für die zionistische Biblische Archäologie eine neue Ära an. Nun konnte man sich in und um die Jerusalemer Altstadt auf die Suche nach Spuren jüdischer Vergangenheit begeben. Kaum zufällig wurde die erste Grabung im eroberten östlichen Teil, an der Südwestecke des Tempelberges, von Benjamin Mazar (1906–1995) geleitet, einem der älteren prominenten Mitglieder der Jewish Palestine Exploration Society und Mitbegründer der sogenannten Jerusalemer Schule, die besonders eifrig das biblische Narrativ durch die Archäologie zu bestätigen suchte. Mazars Grabungen in den Jahren 1967 bis 1978 brachten allerdings, anders als erhofft, hauptsächlich Reste aus römisch-herodianischer und byzantinischer Zeit zutage und nur wenige Spuren jüdischer Besiedlung aus der frühislamischen Epoche.

Die Erwartungen der zionistisch ausgerichteten israelischen Archäologen und Öffentlichkeit wurden zwar enttäuscht. Doch kam der durch Mazar erbrachte archäologische Beleg für den einstigen monumentalen Charakter der herodianischen Tempelanlage ausgesprochen gelegen, da er zum Image des neuen "vereinten Jerusalem" passte, das die israelische Regierung und Jerusalems Oberbürgermeister Teddy Kollek damals für die Stadt aufbauten und das bis heute gepflegt wird. In diesen Zusammenhang gehört auch der Abriss der Überreste des einstigen jüdischen Altstadtviertels, das im Krieg von 1948 massiv zerstört worden war. Dessen bald zügig vorangetriebener Wiederaufbau, der als Symbol der Erneuerung jüdischen Lebens in Jerusalem propagiert wurde, war von Rettungsgrabungen begleitet, die von dem israelischen Archäologen Nahman Avigad (1905–1992) geleitet wurden – auf Funde aus biblischer Zeit stieß man jedoch auch hier kaum.

Kontroversen in den 1980er und 1990er Jahren

Als wenig erfolgreich erwiesen sich in den frühen 1980er Jahren auch die von dem damals für die Klagemauer zuständigen Rabbiner Yehuda Meir Getz (1924–1995) unternommenen Versuche, in den Bereich unter dem Moscheenareal des Tempelberges unterirdisch vorzudringen, wo man die Überreste des ersten, des salomonischen, Tempels vermutet. Der Versuch in diese Tabuzone vorzustoßen, wurde von palästinensischer Seite zum Teil auch mit Gewalt abgewehrt. Bei dem späteren sukzessiven Ausbau des Tunnelsystems unterhalb der Klagemauer ab den 1990er Jahren verzichteten die Israelis auf weitere derartige Abenteuer. Aber den Palästinensern lieferten sie damit dennoch genug Munition für die besonders in islamistischen Kreisen verbreitete Verschwörungstheorie, dass Israel die Tempelbergmoscheen vom Berginneren aus zu zerstören trachte. Rabbiner Getz’ Unternehmungen wurden zudem als Teil einer umfassenden Siedlungs- und Grabungspolitik gedeutet, die darauf abziele, den islamischen Charakter der Stadt auszulöschen und sie jüdisch zu vereinnahmen.

Infolge dieser Verwicklungen verlor die Biblische Archäologie in den 1990er Jahren nicht nur an Ansehen, sondern allmählich auch an Bedeutung. Auch begann eine neue Generation israelischer Archäologen die historische Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung zunehmend infrage zu stellen. Es ging dabei besonders um die Frage, wie die Stadt Jerusalem zur Zeit Davids und Salomons tatsächlich aussah. Die jüngeren Forscher wandten sich gegen Benjamin Mazar und seinen Kollegen Yigal Shiloh (1937–1987) – Letzterer hatte zwischen 1978 und 1985 in der sogenannten Davidsstadt südlich des Tempelberges gegraben –, die behaupteten, dass Jerusalem im zehnten Jahrhundert v. Chr., wie in der Bibel beschrieben, eine große Stadt mit mächtigen Bauten war. Am heftigsten wurde diese These von dem Tel Aviver Altertumsforscher Israel Finkelstein bestritten, der die Auffassung vertrat, dass jenes biblische Jerusalem nicht viel größer als ein Dorf war.

Diesem Expertenstreit schenkte die israelische Öffentlichkeit zunächst kaum Aufmerksamkeit. Ihr Interesse an der zionistischen Bibelarchäologie hatte mit der Zeit auch deshalb nachgelassen, weil seit den 1980er Jahren kaum noch sensationelle Funde gemacht wurden. Hinzu kam, dass die neuen archäologischen Befunde die biblische Erzählung nicht selten widerlegten oder auch widersprüchlich waren, sodass ihre wissenschaftliche Bedeutung dem allgemeinen Publikum nur schwer zu vermitteln war. Vor allem im nationalreligiösen Lager in Israel wurden die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ignoriert – hier wollte man nach wie vor nur das biblische Narrativ durch die Archäologie bestätigt sehen. Als jedoch im Oktober 1999 der Tel Aviver Archäologe Ze’ev Herzog in einem mit "Für die biblische Überlieferung finden sich vor Ort keine Beweise"[1] überschriebenen Zeitungsartikel auf den schon länger in der Fachwelt herrschenden Streit aufmerksam machte, entbrannte eine vehemente öffentliche Debatte.

Fußnoten

1.
Ze’ev Herzog, Für die biblische Überlieferung finden sich vor Ort keine Beweise, in: Haaretz, 29.10.1999 (Hebräisch). Für eine englische Version siehe "Deconstructing the Walls of Jericho", o.D., http://www.truthbeknown.com/biblemyth.htm«.
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Autor: Joseph Croitoru für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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