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16.8.2002 | Von:
Christina Klenner

Geschlechtergleichheit in Deutschland?

II. Leben "die Frauen" schlechter als "die Männer"? -Notwendige Differenzierungen

Die bisher verwendeten Durchschnittswerte verdecken, dass es eine Streuung und somit soziale Unterschiede innerhalb der Gruppen der Frauen und der Männer gibt. Dabei ändern die Differenzierungen nichts an der Gültigkeit der dargestellten Benachteiligungen der Frauen als soziale Gruppe. Frauen wie Männer unterscheiden sich jedoch im sozialen Sinne hinsichtlich ihrer Bildung und beruflichen Position, ihres Einkommen, des Familienstandes und des Vorhandenseins von Kindern. Oft spielen Alter, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, eine eventuelle Behinderung oder die Herkunft aus West- oder Ostdeutschland eine Rolle. So ist beispielsweise eine gut ausgebildete Frau in Westdeutschland in einem zukunftsträchtigen Angestelltenberuf deutlich besser gestellt als ein älterer arbeitsloser Industriearbeiter in Ostdeutschland.

Karin Gottschall hat gezeigt, dass die Ungleichheitsstruktur mehrere Dimensionen aufweist. "Angesichts zunehmender sozialer Differenzierungen unter Frauen ... kann man fragen, ob ... Geschlechtszugehörigkeit als ein dauerhafter und alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen prägender sozialer Platzanweiser noch angemessen ist. Insbesondere gewinnt die alte Frage neue Aktualität, wie soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern mit weiteren Formen sozialer Ungleichheit vermittelt ist." [24] Ungleichheitsrelevant ist neben dem Faktor Familienstand die Zugehörigkeit zu Klassen oder Schichten. Hier haben Petra Frerichs und Margareta Steinrücke mit der "Klassengeschlechtshypothese" [25] den theoretischen Rahmen erarbeitet. Cornelia Koppetsch analysierte jüngst die Verschränkungen von Milieu und Geschlecht. [26]

Die Differenzierungen unter Frauen und Männern werden hier anhand von zwei Kriterien aufgezeigt: anhand der Einkommensverteilung sowie der Pluralisierung der Lebensformen. Betrachten wir die Einkommen am unteren und am oberen Rand, so zeigt sich: Erstens sind Frauen nicht durchgehend schlechter gestellt als Männer. Zweitens aber sind mehr Männer reich und mehr Frauen arm; die Wahrscheinlichkeit, der einen oder anderen Gruppe anzugehören, variiert mit dem Geschlecht. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt, dass 1995 unter den etwa 819 000 BezieherInnen höherer Einkommen [27] 30 % Frauen und 70 % Männer waren. Andererseits ist die Sozialhilfequote von Frauen (3,8 %) höher als die von Männern (3,2 %), gravierend ist sie unter allein erziehenden Frauen (28,1 %). [28] Besonders deutlich wird die Asymmetrie nach dem Geschlecht, wenn die Einkommen nach der Höhe in Dezile [29] zerlegt werden: So betrug der Frauenanteil im obersten Dezil [30] 1997 in Westdeutschland 11,6 % (Ostdeutschland 36 %); in den drei unteren Dezilen erreichte er dagegen die höchsten Werte. [31]

Familienstand und Lebensformen erweisen sich für Frauen und Männer als eine wichtige Dimension, die soziale Ungleichheit hervorbringt. Die Menschen können als Single oder in Ehen/Partnerschaften leben, sich für oder gegen Kinder entscheiden und als Paare unterschiedliche Erwerbskonstellationen wählen. Es gibt in Deutschland nicht (mehr) nur ein Lebensmodell, nach dem die überwiegende Mehrheit lebt. Die Pluralisierung von Lebensformen hat dazu geführt, dass neben das traditionelle Ernährermodell der Ehe (Mann als Haupteinkommensbezieher - Frau nicht erwerbstätig) verschiedene Optionen getreten sind. Am verbreitetsten unter Paarhaushalten von ArbeitnehmerInnen im Westen ist das Zuverdienerin/ErnährermodellÜÜÜ [32] (Haupteinkommensbezieher ist der Mann - die Frau arbeitet in Teilzeit). Das Zweiverdienermodell, bei dem Frauen wie Männer in Vollzeit arbeiten und Kinder vorwiegend in öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen betreut werden, ist in Westdeutschland von untergeordneter Bedeutung; in Ostdeutschland ist es der vorherrschende Familientyp.

In welchem Partnerschaftsmodell Männer und Frauen leben, spielt eine entscheidende Rolle für ihre soziale Situation: Die relative Einkommensposition [33] von Zweiverdienerehepaaren ohne Kinder in Westdeutschland liegt an der Spitze, aber auch Paare mit nichterwerbstätiger bzw. teilzeitbeschäftigter Ehefrau stehen sich vergleichsweise gut (Schaubild 3). Das Vorhandensein von Kindern verändert die Einkommensposition. Am unteren Ende der Skala finden sich Alleinernährerehepaare und allein erziehende Frauen mit mehreren Kindern. Schaubild 4 zeigt die generell schlechtere Einkommensposition ostdeutscher Haushalte. Nur ostdeutsche Paare ohne Kinder überschreiten den gesamtdeutschen Durchschnitt. Der häufigste Haushaltstyp Zweiverdienerehepaar mit Kindern erreicht trotz der Vollzeittätigkeit beider Partner nur eine unterdurchschnittliche Einkommensposition.

Familientyp und Erwerbskonstellation bedingen eine vom individuellen Einkommen abgekoppelte soziale Position: Während Männer in allen Konstellationen fast immer in Vollzeit arbeiten, variiert die Erwerbsbeteiligung der Frauen und damit ihr Einkommensbeitrag stark. Ein nur geringer Anteil der Frau am Haushaltseinkommen wird die beruflichen Interessen des Mannes in den Vordergrund rücken und kann sich auf die innerfamiliäre "Verhandlungsposition" der Frau hinsichtlich der Wahrnehmung beruflicher Chancen, aber auch der Verteilung der Haus- und Familienarbeit zwischen den Partnern auswirken. Umgekehrt können Männer sich in Haushalten mit gut verdienender Partnerin von der Ernährerfunktion entlastet fühlen und eher Teilzeitarbeit oder kindbezogene Ausstiege in Erwägung ziehen.

Auch wenn das Geschlecht nach wie vor eine wichtige Strukturkategorie der Gesellschaft ist, sind Ungleichheitsstrukturen mehrdimensional, das heißt, das Geschlecht verschränkt sich mit anderen Faktoren, die sozial strukturierend wirken. Insgesamt liegt auf diesem Feld noch erheblicher Forschungsbedarf.

Fußnoten

24.
Karin Gottschall, Soziale Ungleichheit und Geschlecht, Opladen 2000, S. 15 f.
25.
Petra Frerichs, Klasse und Geschlecht 1. Arbeit. Macht. Anerkennung. Interessen, Opladen 1997.
26.
Vgl. Cornelia Koppetsch, Milieu und Geschlecht. Eine kontextspezifische Perspektive, in: Anja Weiß u. a. (Hrsg.), Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit, Wiesbaden 2001, S. 112.
27.
Hier wird die 200-Prozent-Grenze des durchschnitt"lichen Einkommens zugrunde gelegt. Die Aussage ist "begrenzt auf alleinveranlagende Steuerpflichtige. Vgl. Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2001, S. 38.
28.
Vgl. ebd., S. 79 f.
29.
Dezile sind zehn nach aufsteigendem Einkommen mit Beschäftigten gleich stark besetzte Gruppen, d. h., die Beschäftigten sind unabhängig von ihrem Geschlecht nach aufsteigenden Einkommen sortiert und in zehn gleich große Personengruppen unterteilt. Im Dezil 1 befinden sich die 10 % der Beschäftigten mit den niedrigsten Einkommen, im Dezil 10 die 10 % der Beschäftigten mit den höchsten Einkommen.
30.
Hier nur Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze.
31.
Vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 (Anm. 2), S. 48.
32.
Birgit Pfau-Effinger, die eine Typisierung der Lebensformen vornimmt, nennt das Alleinernährermodell "Hausfrauenmodell der Versorgerehe" und das Zuverdienerin/Ernährermodell "Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe"; vgl. Birgit Pfau-Effinger, Arbeitsmarkt- und Familiendynamik in Europa - Theoretische Grundlagen der vergleichenden Analyse, in: Birgit Geissler/Friederike Maier/ Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.), FrauenArbeitsMarkt, Berlin 1998, S. 185.
33.
Berechnet wird hierfür das so genannte Nettoäquivalenzeinkommen, das die Zahl der Haushaltsmitglieder berücksichtigt.