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16.8.2002 | Von:
Christina Klenner

Geschlechtergleichheit in Deutschland?

III. Nimmt die Ungleichheit der Geschlechter in Ostdeutschland wieder zu?

Rainer Geißler u. a. haben 1992 einen Gleichstellungsvorsprung im Osten konstatiert, und viele Frauen in Ost und West empfanden das auch so. In der DDR war qualifizierte Berufstätigkeit von Frauen eine Selbstverständlichkeit, gleichzeitig standen Frauen nicht vor der Alternative "Beruf oder Kinder", sondern waren zu einem sehr hohen Anteil als Erwerbstätige auch Mütter. Das Ernährermodell hatte nur noch marginale Bedeutung. Nach der Wende wurde die Hoffnung gehegt, den Gleichstellungsvorsprung ostdeutscher Frauen erhalten, ja Angleichungsprozesse vielleicht sogar auf den Westen übertragen zu können.

Im Vergleich zu Westdeutschland lassen sich auch heute noch zentrale Unterschiede festhalten: Wie in Kapitel I gezeigt, sind die Erwerbsmuster und -verläufe von Frauen und Männern in Ostdeutschland ähnlicher, die Einkommensrelation ist weitaus günstiger, der Unterschied hinsichtlich der Führungspositionen geringer.

Doch die im Verhältnis zu Männern günstigere Position ostdeutscher Frauen ist einerseits Folge eines Modells, das Frauen eine relativ weitgehende Anpassung an männliches Erwerbsverhalten abverlangte. Hildegard Maria Nickel nannte es "patriarchales Gleichberechtigungsmodell" [34] . Ob dieses kräftezehrende Modell auch künftig mehrheitlich von den jungen Frauen gewählt wird, bleibt abzuwarten. Andererseits ist zu bedenken, dass sich in der aktuellen Momentaufnahme auch temporäre Besonderheiten der Nachwendezeit niederschlagen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, inwieweit die spezifisch ostdeutsche Situation erhalten bleiben oder ob sie sich in wenigen Jahren "verwachsen" haben wird, nicht leicht zu beantworten. Zu bedenken ist dabei Folgendes:

1. Ostdeutsche Frauen waren auch vor der Wende nicht sozial gleich. Sie verdienten weniger (die Einkommensrelation bezogen auf die Nettoeinkommen betrug 1988 in der DDR nur 78 %), [35] leisteten im Durchschnitt das 2,3fache an Hausarbeit [36] und waren auf der politischen Ebene unterrepräsentiert (in der Volkskammer der DDR betrug 1989 der Frauenanteil rund 32 %) [37] . So waren zwar ihre Startbedingungen bei der deutschen Vereinigung im Hinblick auf Erwerbsbeteiligung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf günstig, doch die die Frauen benachteiligenden Grundstrukturen gab es nach wie vor. Irene Dölling weist darauf hin, dass "das aus der DDR überkommene, ausschließlich von Frauen praktizierte Vereinbarkeitsmodell durchaus Potenziale für eine (modifizierte) Wiederbelebung des männlichen Ernährermodells birgt" [38] .

2. Beide Geschlechter sind von den Umbrüchen des Transformationsprozesses betroffen. Eindeutige Zuordnungen im Sinne der These von ostdeutschen Frauen als den "Verliererinnen der deutschen Einheit" treffen nicht zu. Auch zahlreiche Männer verloren ihre Arbeitsplätze und damit nicht nur ihr Erwerbseinkommen, sondern oft auch den beruflichen Anschluss. Die Arbeitslosenquoten ostdeutscher Männer haben sich jenen ostdeutscher Frauen immer mehr angeglichen. Frauen sind zwar auch in Ostdeutschland stärker von den Risiken betroffen. Dennoch haben sie sich im Transformationsprozess bisher eine vergleichsweise starke Position erhalten können - allerdings in Relation zu den in ihrer Erwerbs- und Einkommensposition "geschwächten" Männern.

3. Viele Frauen haben offenkundig ihren "Heimvorteil" [39] im privaten Dienstleistungssektor und im öffentlichen Dienst partiell nutzen können und dort qualifizierte Arbeitsplätze behalten. Fraglich ist, welche Entwicklungen sich bei der nachwachsenden Generation abzeichnen: Welche Berufe ergreifen die Mädchen und Jungen? Und wie werden sie sich - angesichts kompliziert gewordener Bedingungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - beruflich entwickeln können?

4. Die vergleichsweise günstige Einkommensrelation zwischen Frauen und Männern im Osten (94 %) dürfte teilweise auf die höhere Qualifikation und die kontinuierlichere Erwerbsintegration ostdeutscher Frauen zurückzuführen sein. Zu einem erheblichen Teil ist sie aber durch den hohen Anteil von ostdeutschen Frauen in der öffentlichen Verwaltung bedingt. [40] Ohne Berücksichtigung des öffentlichen Dienstes ergibt sich auch für den Osten eine Einkommensrelation bei Angestellten von nur rund 75 %. [41] Außerdem ist bei der günstigeren Einkommensrelation das insgesamt niedrigere Niveau der Verdienste in Ostdeutschland zu berücksichtigen. Auch im Westen öffnet sich die Schere umso weiter, je höher die Einkommen sind.

5. Ostdeutschen Männern ist es nach der Wende vielfach nicht gelungen, ihre Führungspositionen zu behalten. Ein "West-Ost-Transfer" an Führungskräften hat zu einer Verdrängung vieler Ostdeutscher geführt. Es wird sich erst in Zukunft zeigen, ob nach Abschluss des auch politisch gewollten Verdrängungsprozesses ostdeutsche Männer künftig ebenso wie westdeutsche bevorzugt aufsteigen können, insbesondere in der biografischen Phase, in der Frauen unter erschwerten Bedingungen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ringen.

6. Die ostdeutschen Geschlechterverhältnisse ha-ben über Jahrzehnte die Einstellungen von Frauen und Männern geprägt. Den Lebensentwürfen ostdeutscher Frauen liegt nach wie vor die Selbstverständlichkeit zugrunde, berufliche und familiäre Aufgaben vereinbaren zu können. Doch so widerständisch das Denken sein mag, das Handeln wird auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt. Zu diesen gehört das seit der Vereinigung auch im Osten geltende deutsche Steuer- und Sozialversicherungssystem, das bisher negative Anreize für die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen setzt. Es fragt sich, ob auch im Osten (bei gestiegenem Einkommen der Männer) künftig das Ernährer- oder das Zuverdienerin/Ernährermodell auf dieser Grundlage an Attraktivität gewinnt, möglicherweise vor allem für jene Frauen, denen ein adäquater Arbeitsmarkteinstieg nicht gelingt.

Es gibt Anzeichen für eine allmähliche - sicher nur partielle - Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse in Ostdeutschland:

- Die geschlechtsspezifische häusliche Arbeitsteilung vertieft sich wieder. Anfang und auch noch Mitte der neunziger Jahre war in Ostdeutschland die Teilung der Hausarbeit etwas weniger traditionell. Bis 1995 hatte sich in ostdeutschen Haushalten mit zwei Vollzeiterwerbstätigen die Relation auf 1,4 zu 1 (Zeitaufwand der Frauen zu dem der Männer) verbessert; sie ist nun wieder auf 1,9 zu 1 zurückgefallen. Noch größer ist das Ausmaß der Retraditionalisierung in den Vollzeit-Teilzeit-Haushalten. Leisteten teilzeitbeschäftigte Frauen 1995 noch das 1,7fache an Hausarbeit, so war es im Jahr 2000 das 2,5fache. [42]

- Auch wenn Vollzeit immer noch die am meisten präferierte Arbeitszeitform ist, wird die Teilzeitarbeit unter ostdeutschen Frauen zunehmend akzeptiert. Zwar wollten 39 % der Teilzeitbeschäftigten 1999 lieber in Vollzeit arbeiten. Doch ist der Anteil derjenigen, die bei der Teilzeitarbeit bleiben wollen, in nur vier Jahren um 13 Prozentpunkte gestiegen. [43] Aus dem SOEP 1997 geht hervor, dass 51 % der Frauen im Osten sich kürzere Arbeitszeiten wünschen. [44]

- Bei den jungen Müttern (die seit 1992 mindestens ein Kind geboren haben) ergibt sich zwischen 1995 und 2000 eine merkliche Verschiebung von der Vollzeit- zur Teilzeitarbeit. [45] Auch unter den Präferenzen zeigt sich diese Veränderung: So wird das im Westen beliebteste Modell für Eltern "eine/r Vollzeit - eine/r Teilzeit" von Müttern kleiner Kinder nun auch im Osten mehrheitlich als das bevorzugte angesehen. Das früher dominierende Vollzeit-Vollzeit-Modell wünschte sich im Jahr 2000 nur noch jede fünfte Frau mit Kleinkind. [46]

Auch wenn in Ostdeutschland noch nicht klar absehbar ist, inwieweit sich auf der Basis eines anderen Verständnisses von Frauenerwerbstätigkeit ein vom Westen unterschiedliches Modell wird halten können, sind Tendenzen zu beobachten, die zumindest mittelfristig - mit dem Berufseintritt jüngerer Frauenjahrgangsgruppen - wieder einer stärkeren Ungleichheit der Geschlechter den Boden bereiten könnten. Inwieweit dies geschieht, wird von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einerseits und den Lebensmodellen junger ostdeutscher Frauen und Männer andererseits abhängen.

Fußnoten

34.
Hildegard Maria Nickel, "Mitgestalterinnen des Sozialismus" - Frauenarbeit in der DDR, in: Gisela Helwig/ Hildegard Maria Nickel, Frauen in Deutschland 1945 - 1992, Berlin 1993.
35.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1992, S. 244.
36.
Vgl. Christina Klenner, Doppelt belastet oder einfach ausgebeutet? Zur Aneignung weiblicher Reproduktionsarbeit in DDR-Familien, in: Das Argument, (1990) 184, S. 865 - 874.
37.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1989, Berlin 1989, S. 401.
38.
Irene Dölling, "Ganz neue Inhalte werden im Vordergrund stehen: die Arbeit zuerst". Erfahrungen junger ostdeutscher Frauen mit dem Vereinbarkeitsmodell (1990 - 1997), in: Ilse Lenz/Hildegard Maria Nickel/Birgit Riegraf, Geschlecht - Arbeit - Zukunft, Münster 2000, S. 233.
39.
Vgl. Hildegard Maria Nickel/Sabine Schenk, Prozesse geschlechtsspezifischer Differenzierung im Erwerbssystem, in: Hildegard Maria Nickel/Jürgen Kühl/Sabine Schenk (Hrsg.), Erwerbsarbeit und Beschäftigung im Umbruch, Berlin 1994, S. 259 - 281.
40.
Vgl. Norbert Schwarz, Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit in den neuen Ländern und Berlin Ost sowie im früheren Bundesgebiet, in: Wirtschaft und Statistik, (2000) 11, S. 844.
41.
Die IAB-Beschäftigtenstichprobe (auf deren Basis sich die 94 %-Relation errechnet) erfasst im Unterschied zur Verdienststatistik des Statistischen Bundesamtes auch den öffent"lichen Dienst. Auf Basis der vierteljährlichen Verdienststatistik des Statistischen Bundesamtes können nur Verdienste im Produzierenden Gewerbe sowie privaten Dienstleistungssektor verglichen werden Vgl. StBA, Fachserie 16, Reihe 2.
42.
Vgl. J. Künzler u. a. (Anm. 18), S. 83 - 85.
43.
Vgl. Jörg Bundesmann-Jansen/Herrmann Groß/Eva Munz, Arbeitszeit '99, Ergebnisse einer repräsentativen Beschäftigtenbefragung zu traditionellen und neuen Arbeitszeitformen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 2000.
44.
Vgl. Karin Schulze Buschoff, Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten in der Bundesrepublik Deutschland. Ausmaß, Bewertung, Präferenzen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 14 - 15/2000, S. 32 - 38 (SOEP = Sozio-Oekonomisches Panel).
45.
Vgl. Petra Beckmann/Gerhard Engelbrech, Die schwierige Balance: Frauen zwischen Beruf und Familie, in: Personalführung, (2001) 6, S. 128.
46.
Vgl. Gerhard Engelbrech/Maria Jungkunst, Wie bringt man Beruf und Kinder unter einen Hut?, IAB-Kurzbericht, (2001) 7, S. 4.