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16.8.2002 | Von:
Christina Klenner

Geschlechtergleichheit in Deutschland?

IV. Fazit

Von Geschlechtergleichheit kann in Deutschland derzeit nicht die Rede sein. Falsch wäre es aber, allmähliche Veränderungen zu übersehen. In Westdeutschland hat es - ausgehend von einem im europäischen Maßstab vergleichsweise traditionellen Modell - Tendenzen in Richtung einer allmählichen Angleichung gegeben. In Ostdeutschland hingegen sind - von mehr egalitären Geschlechterverhältnissen ausgehend - Anzeichen dafür zu beobachten, dass der erreichte Stand möglicherweise nicht gehalten werden kann.

Die Situation ist widersprüchlich. Einerseits gibt es Veränderungen in Richtung von mehr Egalität zwischen den Geschlechtern. Durch den Aufholprozess von Frauen im Hinblick auf ihre Qualifikation hat sich insbesondere unter den Frauen im mittleren und jüngeren Alter die Orientierung auf die eigene qualifizierte Berufstätigkeit immer mehr verbreitet, die weder auf die reine Erwerbsnotwendigkeit (Zuverdienst) zu reduzieren ist noch automatisch im Falle der Geburt von Kindern zur Disposition gestellt wird. Zu den grundlegenden Veränderungen scheint auch ein allmählich zunehmendes Verständnis von Männern für ihre soziale Rolle als Väter zu gehören.

Auf der anderen Seite sind die Fakten ebenso wenig bestreitbar, die eine erhebliche Schlechterstellung von Frauen belegen: Erwerbsbeteiligung, Erwerbsmuster und -verläufe unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern nach wie vor beträchtlich. Bei den Erwerbseinkommen haben sich die Relationen nur unwesentlich verbessert. In Führungspositionen dringen Frauen trotz der Qualifikationsgewinne erheblich seltener vor. Der größte Teil der Haus- und Familienarbeit wird weiterhin von Frauen erbracht, und ihr Arbeitslosigkeits- und Verarmungsrisiko ist größer als das von Männern. Die Partizipation von Frauen im politischen Bereich ist keineswegs paritätisch. Es scheint also trotz aller offenkundiger Entwicklung der Veränderungsdruck in jenen Sphären nicht auszureichen, in denen es um die grundlegenden Ressourcen - nämlich Geld und Macht - für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung geht.

Zwei grundlegende gesellschaftliche Probleme sind zu lösen: Erstens ist die Frage nicht beantwortet, wie die gesellschaftlich notwendige Fürsorgearbeit (Care) gegenüber Kindern und Alten zu gewährleisten ist, wenn gleichzeitig der Anspruch aller, Frauen wie Männer, auf eigene berufliche Entwicklung anerkannt wird. Die Etablierung eines "Frauenarbeitsmodells", das die Vereinbarkeit individuell und einseitig von Frauen in Teilzeit abverlangt, die dies mit geringen Verdiensten und schlechten Berufschancen bezahlen, ohne dass sich an der Norm für Männer etwas ändert, ist mit neuen Spaltungen verbunden. Sind Frauen hoch qualifiziert und berufsorientiert, vermeiden sie das Problem, indem sie kinderlos bleiben. Abgesehen von neuen sozialen Ungleichheiten unter Frauen entlang der Kinderfrage ist es ein Freiheitsproblem ersten Ranges, wenn weiterhin nur für Männer beides erreichbar ist: Kinder und Karriere.

Das ostdeutsche Modell der doppelten Vollzeitarbeit mit öffentlicher Kinderbetreuung stößt aber ebenfalls an Grenzen der Belastbarkeit und hat im Übrigen auch nicht zur Geschlechteregalität geführt. Der nun angekündigte längst überfällige Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen ist insofern zwar eine dringend notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Notwendig ist in den Betrieben eine grundsätzliche Rücksichtnahme auf die "andere", außerberufliche Seite des Lebens, zu der eben auch Fürsorgeverpflichtungen gehören. Hierfür bedarf es sicher auch Aktivitäten des Gesetzgebers, die Eltern vor allem zeitlich entlasten. Für jedes Kind könnten Eltern z. B. ein flexibel einsetzbares bezahltes Zeitguthaben erhalten. Rasch sollte der Staat die im deutschen Steuer- und Sozialversicherungsrecht enthaltenen (Fehl)anreize beseitigen, die derzeit eine Arbeitsaufnahme verheirateter Frauen erschweren und ihre Nichterwerbstätigkeit finanziell belohnen. [47]

Doch die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur ein Teil des Problems. Die Gesellschaft muss sich zweitens ernsthaft der Tatsache stellen, dass Frauen auch völlig unabhängig vom Vorhandensein von Kindern in vielen Bereichen diskriminiert werden. In der Tradition jahrhundertelanger Ausschließung von Frauen in vielen Bereichen greifen subtile Mechanismen beim Einstellungsverhalten, beim Aufstieg, bei der Einkommensgestaltung durch Tarifverträge, bei der Eingruppierung zu Lasten von Frauen. Zahlreiche Forscherinnen haben in den letzten Jahren diese Mechanismen untersucht. Die Politik muss nun handeln. Das Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, das betriebliche Gleichstellungsmaßnahmen vorschreibt, gehört ebenso auf die Tages-ordnung wie ein "Lohngleichheitsdurchsetzungsgesetz", das die Tarifvertragsparteien in die Pflicht nimmt, die Tarifverträge diskriminierungsfrei zu gestalten. Hier liegt eine große Verantwortung bei den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Darüber hinaus lässt Gender Mainstreaming als geschlechtersensible Sichtweise auf Veränderungen hoffen.

Doch staatliche Maßnahmen und top-down-Strategien wie Gender Mainstreaming werden für den Abbau noch bestehender sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern nicht ausreichen. Letztlich kommt es auf das streitbare Eintreten von Frauen - und mit ihnen verbündeter Männer - an, um Diskriminierungen zu beseitigen und den Alltag im Sinne der Vereinbarkeit von beruflicher Entwicklung und familiären Aufgaben umzugestalten.

Internetverweise der Autorin:

http://www.wsi.de


http://www.boeckler-boxen.de

Fußnoten

47.
Die Frauenerwerbstätigkeit dämpfenden Wirkungen, die z. B. vom Ehegattensplitting ausgehen, werden im "Bericht..." (vgl. WSI/INIFES/FG Tondorf 2001 [Anm. 2]) ausführlich analysiert.