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20.4.2018 | Von:
Barbara Holland-Cunz

Was ihr zusteht. Kurze Geschichte des Feminismus

"Freiheit und Gerechtigkeit beruhen darauf, daß dem andern abgegolten wird, was ihm zusteht", schreibt Olympe de Gouges (1748–1793) in Artikel IV der "Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin", die im September 1791 in Frankreich erscheint und einen der bedeutendsten Texte des Feminismus darstellt.[1] De Gouges setzt der Erklärung der Menschenrechte, mit der die moderne Demokratie ihren berühmten Anfang nimmt, einen Vertragstext entgegen, der ausdrücklich darauf verweist, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ohne die weibliche Hälfte der Menschheit nicht legitim proklamiert werden können. De Gouges’ Text fordert nicht nur gleiche Rechte vor dem Gesetz ein, sondern formuliert die Erwartung, dass Vernunft und Tugend, Mut und Stolz für Frauen anerkannt werden, ihnen die gebührende Wertschätzung und Würde zuerkannt werden – "daß dem andern abgegolten wird, was ihm zusteht". Scharf kritisiert de Gouges zugleich das eigene Geschlecht für Verblendung, Zwänge, Heimlichkeiten und List.[2]

Zentrales Doppelmotiv

Es ist dieses doppelte Motiv, das die Theoriegeschichte des Feminismus seit bald 230 Jahren durchzieht: das Verlangen nach Würde und Anerkennung für Frauen sowie die Kritik an der Würdelosigkeit, die ein Leben in Unterdrückung und Ausbeutung erzeugen kann. Unwissende, auf Unterwürfigkeit und Gefallen-Wollen hin erzogene Menschen können anderen nicht als freie, würdevolle, freundschaftlich zugewandte Personen begegnen, selbst wenn sie es wollten. Unterdrückung verdirbt alle menschlichen Tugenden. De Gouges’ britische Zeitgenossin, Mary Wollstonecraft (1759–1797), argumentiert ein Jahr später ganz ähnlich; auch sie besteht darauf, dass Frauen zu Freiheit, Vernunft und Tugend begabt sind und nur die gesellschaftliche Lage Frauen zu affektierten Sklavinnen macht und ihrer Potenziale beraubt. Mädchenbildung heißt das Programm, das Wollstonecraft der patriarchalen Despotie entgegensetzt.[3] Die scharfen Begriffe, die sie und de Gouges zur Beschreibung der Lage wählen, entsprechen der recht- und würdelosen Situation Ende des 18. Jahrhunderts.

Das Doppelmotiv – Anspruch auf Würde und Kritik der Entwürdigung – lässt sich durch alle Politikfelder, Zeiten und Kontinente hindurch nachzeichnen und soll hier, einer knappen Chronologie der Forderungen (Wissen/Bildung, Arbeit/Lohn, politische Teilhabe, Gewaltfreiheit, sexuelle (u.a.) Selbstbestimmung) folgend, vom 18. zum 21. Jahrhundert nachgezeichnet werden. Feministische Theorien verfahren dabei keineswegs so simpel, wie AntifeministInnen unterstellen, die nicht selten klischeehafte oder gänzlich uninformierte Vorstellungen von Feminismus hegen – beispielsweise dass Frauen stets ausschließlich als Opfer und Männer immer nur als Täter beschrieben werden, dass glückliche Mütter von unglücklichen kinderlosen Frauen in Beruf und Politik getrieben werden, dass "echte" Frauen mit Freiheit und Befreiung wenig anfangen können und Feministinnen ein eklatantes Problem mit biologischer Weiblichkeit haben sowie dass Feminismus sich durch die Realisierung aller Forderungen mittlerweile ohnehin erledigt hat. Tatsächlich interessieren sich Feministinnen seit der Französischen Revolution aber für das komplexe, noch keineswegs erledigte, nicht selten bedrückende Zusammenspiel von Herrschenden und Beherrschten.

Am prägnantesten hat das Doppelmotiv in mehr als 200 Jahren Simone de Beauvoir (1908–1986) analysiert.[4] Ausgehend von der philosophischen Vorstellung des Existenzialismus, dass jedes menschliche Wesen sich selbst als autonomes, selbstbestimmtes, auf die gemeinsame Welt hin orientiertes Subjekt erleben, fühlen und denken will, beschreibt de Beauvoir 1949 die Zerrissenheit von Frauen zwischen den – allen Menschen eigenen – autonomen Strebungen und einer Existenz, die durch gesellschaftliche Zwänge, erzieherische Maßnahmen und feindselige Stereotype ein Leben in Freiheit verhindert. Während sich Jungen und Männer die Welt als gemeinsame Heimat gestaltend aneignen, werden Mädchen und Frauen auf das Gefallen-Sollen und ein von Anderen abgeleitetes, dumpfes Leben verwiesen. Den existenziellen Konflikt, den alle menschlichen Wesen in sich verspüren, das Hin-und-Her-Gerissensein zwischen Mut und Lust zur Freiheit einerseits, Angst und Flucht vor ihr und ihren anstrengenden Herausforderungen andererseits, sollen die Einen zur Seite des Muts, die Anderen zur Seite der Angst hin auflösen. Während die Einen sich in Freiheitsabenteuern und Weltgestaltung ergehen, verlieren sich die Anderen in Freiheitsflucht und Bequemlichkeit. Frauen und Männer verübeln sich dies wechselseitig. Hart gegen das eigene Geschlecht schreibt de Beauvoir: "Zweifellos ist es bequemer, blinde Sklaverei zu erdulden, als an seiner Befreiung zu arbeiten …".[5] So werden Frauen "gemacht", sie sind keineswegs vom biologischen Anbeginn ängstliche, mutlose, sklavische Menschen. In ihrem gesellschaftlichen Gewordensein bleiben Frauen in ihren Möglichkeiten, den weltverändernden Zielen und ihrer Zugewandtheit anderen Frauen und Männern gegenüber weit zurück. Statt in Freiheit und Würde leben Frauen in Unfreiheit und Entwürdigung, wie Beauvoir in oft schwer erträglicher Schärfe beschreibt. Nur die direkte personale Gewalt nimmt de Beauvoir zu Recht von der (erzwungenen) Zustimmung aus.

In der neuesten Theoriegeschichte präsentiert Iris Marion Young (1949–2006) die überzeugendste "Ausbuchstabierung" von Herrschaft als fünf Formen von Unterdrückung: Ausbeutung, Marginalisierung (ökonomisch, sozial, kulturell), Machtlosigkeit, Kulturimperialismus und Gewalt. Nicht jede der Formen betrifft eine jede Person kohärent, Unterdrückung und Privilegierung können gleichzeitig, gar unvereinbar oder sich überschneidend vorhanden sein. Alle Formen funktionieren systemisch und strukturell, nicht als individuelle Handlungsoptionen.[6]

Was die ersten Denkerinnen während der Französischen Revolution, de Beauvoir in der historischen Mitte zwischen älterem und neuerem Feminismus und schließlich Young für die aktuelle Theorie skizzieren, konturiert die Komplexität einer Herrschaftsform, die zwar Jungen und Männer grundsätzlich privilegiert, ohne die zumindest passive/unbewusste/ungewollte Beteiligung (jenseits personaler Gewalt) von Mädchen und Frauen aber nicht gelingen kann. Trotz historischer Transformationen – salopp gesagt: von der antiken Sklavenhaltergesellschaft bis zum neoliberalen Spätkapitalismus – wäre die fortdauernde Ultrastabilität patriarchaler Herrschaft ohne eine Mitwirkung der Beherrschten nicht plausibel zu erklären. Pierre Bourdieu (1930–2002) spricht von der oft unmerklichen, dafür umso wirksameren "sanften" symbolischen Gewalt, die die Geschlechterherrschaft orts- und zeitübergreifend durchdringt; männliche Herrschaft wirkt bis in die Körper hinein, sie wird internalisiert, inkorporiert, somatisiert.[7]

Aus feministischer Perspektive heißt Herrschaftskritik deshalb: Das Zusammenwirken von Herrschenden und Beherrschten muss analytisch sorgfältig erfasst werden, ohne die fundamental unterschiedlichen Situationen der Beteiligten zu verwischen (das gilt insbesondere bezogen auf direkte Gewalt) oder die sehr verschiedenen Positionszuweisungen zu leugnen. Feministische Theorien haben darüber hinaus stets einbezogen, dass patriarchale Hierarchisierungen ausgesprochen vielfältig sind: Seit den ersten US-amerikanischen Feministinnen, die Mitte des 19. Jahrhunderts mehrheitlich Abolitionistinnen waren, verbindet sich der Kampf für Frauenrechte und gegen Sexismus mit dem Kampf für Menschenrechte und der Kritik weiterer Formen von Hierarchie und Herrschaft. "Patriarchat" impliziert zugleich Kapitalismus, Rassismus, Ethnozentrismus, Nationalismus, Kolonialismus, Naturbeherrschung, Heteronormativität.

In diesem Sinne arbeiten Feministinnen – nicht immer konsequent und nicht immer solidarisch und inklusiv – spätestens seit der Französischen Revolution an einer Gesellschaft, die die Ideale der Freiheit und Gleichheit weltweit nicht nur für Frauen realisieren will. Die Moderne beginnt 1789 mit großen, bis heute uneingelösten Versprechen. Feminismus ist somit ein Demokratieprojekt, das die Demokratisierung aller (un)demokratischen Gesellschaften zum (fernen) Ziel erklärt, eine wirkmächtige Politische Theorie/Praxis, die sich gegen sämtliche Formen der Entwürdigung zur Wehr setzt, wenn auch der Ausgangspunkt (und teilweise das Modell) die Machtlosigkeit von Frauen darstellt.

Dass die Analyse der Geschlechterherrschaft als Ausgangspunkt oder Modell von Herrschaft für die Glaubwürdigkeit des Feminismus prekär sein kann, haben Theoretikerinnen wie Audre Lorde (1934–1992) und bell hooks (Gloria Jean Watkins, *1952) früh verdeutlicht. Sie analysieren, wie auf solche Weise die spezifische Unterdrückung und Entwürdigung durch den Rassismus allzu leicht zum "Verschwinden" gebracht wird, Herrschaftsverhältnisse jenseits des Sexismus nach- oder zweitrangig erscheinen sowie die theoretisch und politisch herausfordernde Möglichkeit vertan wird, sowohl strukturelle Gemeinsamkeiten (Naturalisierungen von Herrschaft) als auch systemische Unterschiede (eklatante Positionsdifferenzen im gesellschaftlichen Feld) von Sexismus und Rassismus zu erarbeiten. Sowohl hooks als auch Lorde befassen sich zudem mit der Analyse der Klassenlage als drittem zentralen Herrschaftsverhältnis; "gender, race, and class" lautet dem entsprechend eine wichtige Analyseformel.

Fußnoten

1.
Olympe de Gouges, Erklärung der Rechte der Frau an die Königin (1791), in: Gabriela Wachter (Hrsg.), Olympe de Gouges. Die Rechte der Frau und andere Schriften, Berlin 2006, S. 48–68, hier S. 52.
2.
Vgl. ebd., S. 55f.
3.
Vgl. Mary Wollstonecraft, Ein Plädoyer für die Rechte der Frau, Weimar 1999 (1792).
4.
Vgl. Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Reinbek 1992 (1949).
5.
Ebd., S. 329.
6.
Vgl. Iris Marion Young, Fünf Formen der Unterdrückung, in: Herta Nagl-Docekal/Herlinde Pauer-Studer (Hrsg.), Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität, Frankfurt/M. 1996 (1990), S. 99–139.
7.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt/M. 2005 (1998).
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Autor: Barbara Holland-Cunz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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