Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Rosalind Gill

Die Widersprüche verstehen. (Anti-)Feminismus, Postfeminismus, Neoliberalismus

In der englischsprachigen Welt gewann der Begriff "Postfeminismus" in den 1990er Jahren an Bedeutung – als eine Möglichkeit, Widersprüche und Ungereimtheiten in der Darstellung von Frauen verständlich zu machen. In der Medienkultur dieser Zeit wurden "Frauenpower" und weiblicher Erfolg zelebriert, gleichzeitig wurden Frauen, die in der Öffentlichkeit standen, intensiv und ablehnend begutachtet. Forderungen nach der Gleichstellung der Geschlechter standen einer wachsenden Frauenfeindlichkeit aus den Reihen der sogenannten Lad Culture gegenüber, wie die in den 1990er Jahren mit dem Britpop aufgekommene britische Jugendkultur bezeichnet wird. Äußerungen, der Feminismus habe sich erübrigt, gingen einher mit einem verstärkten Interesse am Geschlechterunterschied, wobei jedwede noch vorhandene Ungleichheit als Resultat naturgegebener Unterschiede und/oder einer freien Entscheidung von Frauen dargestellt wurde. Die vermeintliche Gewissheit früherer Zeiten lag in Trümmern; in dieser Phase existierte keine singuläre Vorgabe normativer Weiblichkeit, und ein ausgeprägter Sinn für weibliche Autonomie, Handlungsmacht und Wahlmöglichkeiten durchdrang die Mediendiskurse.[1] Überall schien Feminismus – um es mit der berühmten Formulierung der Soziologin Angela McRobbie auszudrücken – berücksichtigt, jedoch abgelehnt zu werden.[2] Wie sollten Feministinnen sich einen Reim auf diese komplizierte Zeit machen, in der jedem Anzeichen von Fortschritt etwas Beunruhigendes gegenüberstand?

Als Mittel der Intervention in diesem mehrdeutigen Kontext wurde "Postfeminismus" zum Schlüsselbegriff im feministischen Sprachgebrauch. In diesem Beitrag formuliere ich eine kritische Einführung des Begriffs und untersuche die langfristige Zweckmäßigkeit des Begriffs der "postfeministischen Sensibilität" in einer Zeit, in der wir sowohl einen Anstieg feministischer Aktivitäten und feministischer Sichtbarkeit erleben als auch einen ernüchternden Anstieg von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit. Meine Frage lautet: Inwieweit hilft der Begriff "Postfeminismus" heutigen Sozial- und Kulturanalytikerinnen, diese gegenläufigen Tendenzen zu verstehen?

Fußnoten

1.
Vgl. Rosalind Gill, Post-postfeminism? New Feminist Visibilities in Postfeminist Times, in: Feminist Media Studies 4/2016, S. 610–630.
2.
Vgl. Angela McRobbie, The Aftermath of Feminism: Gender, Culture and Social Change, London 2009.
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Autor: Rosalind Gill für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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