Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Ilse Lenz

Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland

Die feministischen Debatten sind erneut entbrannt.[1] Sie laufen kreuz und quer sowohl unter FeministInnen als auch zwischen ihnen und VertreterInnen verschiedener linker, liberaler und konservativer Positionen. Weiteren Diskussionsstoff liefert der zunehmende Antifeminismus. Aber was heißt "Feminismus" heute? Darunter werden Denkweisen und Praktiken verstanden, die die hegemonialen Vorstellungen von Geschlecht, sozialer Ungleichheit und Herrschaft kritisieren. Zugleich fordert der Feminismus individuelle Selbstbestimmung, Gleichheit, Verbundenheit und demokratische Partizipation. Dabei beschränkt er sich nicht auf den öffentlichen Raum, sondern er bezieht die persönlichen, individuellen Räume mit ein und betrachtet die Wechselwirkungen zwischen ihnen. So kritisiert er nicht nur die Gewalt in öffentlichen Konflikten oder im Krieg, sondern auch die sexualisierte Gewalt und sexuellen Missbrauch zu Hause. So setzt er sich für Veränderungen der Geschlechterverhältnisse wie auch der gesellschaftlichen Ungleichheit generell ein.[2]

Allerdings sollte man eher von Feminismen sprechen: im Plural, weil sie sich in ihren Anliegen wie Selbstbestimmung, Arbeit und Bildung wie auch in ihren kulturellen, regionalen und sozialen Kontexten unterscheiden. Die Vielfalt der Feminismen resultiert aus drei Zusammenhängen: Historisch bildeten sie sie sich in verschiedenen Kontexten der Moderne heraus, von der Frühmoderne bis zur heutigen Globalisierung. Räumlich entwickelten sie sich weltweit in verschiedenen Gesellschaften im Norden, Süden und Osten. Thematisch beziehen sie sich auf unterschiedliche Geschlechterkonzepte und Gesellschaftstheorien sowie auf gesellschaftliche Grundfragen wie die Selbstbestimmung über Körper, Sexualitäten und Gebären, die Gleichheit in der Arbeit und der Politik oder den Kampf gegen Gewalt und Krieg. Diese vielfältigen Feminismen standen und stehen in wechselseitigem Austausch und beeinflussen einander auf lokaler, nationaler und globaler Ebene. Ein neues eindrucksvolles Beispiel bildet die #MeToo-Kampagne, die von den USA ausging und rund um die Welt aufgegriffen und weitergeführt wurde.

Zwischen Feminismen und Frauenbewegungen wie auch der Geschlechterforschung ist zu unterscheiden. Denn Feminismen richten sich vor allem auf kritische Denkweisen, während Frauenbewegungen sich dadurch auszeichnen, dass Frauen (und emanzipative Männer) handeln, um einen grundlegenden Wandel hin zu Geschlechtergleichheit zu erreichen. Die Geschlechterforschung ist demgegenüber eine interdisziplinäre Wissenschaftsrichtung, die kulturelle und soziale Verhältnisse aus einer Geschlechterperspektive kritisch erforscht und sich dabei auf wissenschaftliche Theorien und Methoden stützt. Allerdings zeigen sich trotz dieser Unterscheidungen auch Übergänge.

Weitgehend einig sind sich die unterschiedlichen Feminismen heute darüber, dass Geschlecht kein Schicksal ist, das von der Biologie bestimmt wird. Vielmehr wird es durch kulturelle und soziale Prozesse in bestimmten Kontexten gestaltet. Das zeigt schon der interkulturelle Vergleich, der eine große Vielfalt von Geschlechternormen sichtbar werden lässt. Die Grundthese lautet knapp: Geschlecht ist sozial konstruiert. Der englische Begriff dafür lautet "Gender".

Viele Feminismen kritisieren auch die Vorstellung, dass Menschen in zwei Geschlechter eingeordnet werden können. Nach dieser "Zweigeschlechtlichkeit" sind Menschen entweder "Frauen" oder "Männer" – und es gibt nichts dazwischen. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass die Geschlechtsentwicklung sich aus komplexen körperlich-sozialen Wechselwirkungen ergibt.[3] Das Bild eines Spektrums oder von Übergängen zwischen den Geschlechtern ist daher eher angemessen; "Geschlecht" in diesem Sinne eröffnet Möglichkeiten und Fragen, sucht Freiheiten und Selbstbestimmung im Umgang damit.

Die Feminismen behaupten allerdings keineswegs, dass Geschlecht beliebig wählbar wäre und Menschen gar zwischen verschiedenen Gendern hin- und herspringen könnten. Denn indem Geschlecht als biologisch bestimmte Natur aufgefasst und im Wissen verankert wird, wird es zur Herausforderung wie zur Zwangsnorm für die Menschen, die ihre Selbstbilder und Lebensentwürfe in Auseinandersetzung damit entwickeln und gewinnen. Keine Frau, keine Lesbe (und immer weniger Männer) entgehen etwa der Anforderung, sich mit Körpernormen bezogen auf Aussehen und Gewicht auseinanderzusetzen und ihren eigenen Weg zu finden. Wenn man Geschlecht als Fragezeichen denkt, fokussiert man die damit verbundenen Zwänge, Ambivalenzen und Freiheitschancen.

Auch die feminismuskritischen Strömungen unterscheiden sich: Die AntifeministInnen mobilisieren offensiv gegen Feminismen und gegen Gleichstellungspolitik, während sie eine ausschließliche Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau und eine ungleiche Arbeitsteilung vertreten. Gesellschaftspolitisch beziehen sie verschiedene Positionen von neoliberal über rechtspopulistisch bis rechtsextrem. Eine weitere Strömung ist der Geschlechtskonservativismus. Er vertritt eine klare Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau und eine ungleiche Arbeitsteilung in der Familie mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Hausfrau und Mutter. Während er den Geschlechtsunterschied betont, zeigt er auch Anerkennung und Wertschätzung gegenüber Frauen, die einer konservativen Weiblichkeitsnorm folgen. Das Verhältnis zu Homosexualität ist ambivalent oder ablehnend. Die Feminismus- oder Genderkritik ist keineswegs mit dem Antifeminismus oder dem Geschlechtskonservatismus gleichzusetzen. Denn sie setzt sich inhaltlich mit feministischen und Geschlechteransätzen auseinander und kritisiert ihre Positionen, Probleme und Widersprüche. Sie wird sowohl in und zwischen den Feminismen wie auch im gesellschaftlichen Diskurs von verschiedenen Seiten vertreten.

Fußnoten

1.
Zu diesem umfassenden Thema können in diesem Rahmen nur einige wenige Positionen skizziert und nur einige Belege aufgeführt werden. Zu den Debatten vgl. die entsprechenden Artikel in Beate Kortendiek/Birgit Riegraf/Katja Sabisch (Hrsg.), Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, Wiesbaden 2018 (i.E.).
2.
Zu Feminismen vgl. u.a. Lisa Disch/Mary Hawkesworth (Hrsg.), The Oxford Handbook of Feminist Theory, New York 2016; Gabriele Dennert et al. (Hrsg.), In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007; Ilse Lenz, Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 20102; Katharina Oguntoye/May Ayim/Dagmar Schultz, Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 2006.
3.
Vgl. u.a. die Zusammenfassung neuerer Studien bei Kerstin Palm, Biologie, in: Kortendiek/Riegraf/Sabisch (Anm. 1).
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Autor: Ilse Lenz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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