Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Thomas Gesterkamp

Männerpolitik und (Anti-)Feminismus

Der Begriff "Feminismus" hat in den vergangenen Jahrzehnten viel von seiner früheren Provokation verloren. Als Alice Schwarzer Mitte der 1970er Jahre "Der ‚kleine Unterschied‘ und seine großen Folgen" schrieb, war das anders. Für die damals noch eindeutig männlich geprägte Öffentlichkeit verkörperte sie das stimmige Feindbild der "Emanze" und "Männerhasserin".[1] Durch Fernsehauftritte in Talk- und Spielshows, später auch durch ihre umstrittene Islam-Kritik näherte sich Schwarzer dem bürgerlichen Mainstream an; gleichstellungspolitische Forderungen wurden salonfähig und teilweise gesetzlich umgesetzt. Als Reaktion entstand ein vor allem im Internet aggressiv auftretender Antifeminismus – geprägt von verunsicherten Männern, die sich als Geschädigte von Trennungs- oder Quotenregelungen betrachten.

In klarer Distanz zu solchen Strömungen debattieren auch geschlechterdialogisch orientierte Männer ihr Verhältnis zu Frauenpolitik und Frauenbewegung: Wie viel Feminismus braucht der Mann? Und wie viel Mann der Feminismus? So, wie sich in der feministischen Szene verschiedene Strömungen entwickelt haben und die einstige Gallionsfigur Schwarzer längst nicht mehr die alleinige Definitionsmacht beanspruchen kann,[2] gibt es auch unter den männlichen Aktivisten eine große Diversität im Selbstverständnis.

Auf dem Podium einer internationalen Konferenz zur Männerpolitik, die 2014 in Wien stattfand, sorgte Tomas Agnemo für Aufsehen. "Natürlich bin ich Feminist. Haben Sie ein Problem damit?", konterte der Direktor der schwedischen Nichtregierungsorganisation Men for Gender Equality die Frage eines verwunderten Moderators. Agnemo, der auch das weltweit tätige Netzwerk MenEngage auf europäischer Ebene koordiniert, versteht sich als Teil einer "feministischen Bewegung von und für Menschen". Gemeinsam arbeite man daran, "die Gesellschaft zu verändern und Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen".[3]

Im deutschsprachigen Raum ist eine solche Selbstidentifizierung selten zu finden, und wenn, dann bisher eher als Netzphänomen.[4] So verwundert es nicht, dass Agnemos Aussage auf Widerspruch stieß. Martin Rosowski vom Bundesforum Männer sieht Männerpolitik "nicht als eine Fortsetzung von Frauenpolitik in dem Sinn, dass wir einfach nur das Vorzeichen ändern und das Gleiche mit Männern weitermachen". Der Vorsitzende des deutschen Dachverbands männerpolitischer Organisationen legt Wert auf den "konstruktiven Diskurs" mit Frauenbewegung und Feminismus, findet jedoch entscheidend, "dass wir unseren politischen Fokus vom tatsächlichen Bedarf der Männer her ableiten".[5]

Ähnlich positionierte sich in Wien der Schweizer Markus Theunert, langjähriger Präsident der Initiative männer.ch: "Wenn wir sagen, Feminismus heißt, ein System zu überwinden, das früher eine Herrschaft der Männer war, das Patriarchat, dann bin ich natürlich Feminist." Andererseits: "Wenn Feminismus heißt, dass weibliche Lebensrealitäten einfach den Männern angeglichen werden, wenn Frauen bloß befähigt und ermächtigt werden sollen, die eindimensionalen Lebensentwürfe zu reproduzieren, unter denen wir Männer schon mehr als genug leiden: Dann bin ich definitiv kein Feminist."[6]

Sind Männer, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen, automatisch "Feministen"? Sollten sie sich daher auch als solche bezeichnen? Sie unterstützen die Forderung nach gleicher Bezahlung von Erwerbsarbeit, kritisieren die Abwertung "weiblicher" Tätigkeiten etwa in den Erziehungs- und Pflegeberufen. Auch die Frauenförderung in Unternehmen und die Einführung einer gesetzlichen Quote in der Privatwirtschaft halten sie für unterstützenswerte Ziele. Insistieren sie aber zugleich darauf, dass Männer eigenständige Ideen für ihre Emanzipation entwickeln sollten, wirkt der Begriff "Feminist" eher deplatziert. Die Irritation über seine affirmative Verwendung in internationalen Netzwerken wie MenEngage macht kontroverse Standpunkte und unterschiedliche Strategien deutlich.

Fußnoten

1.
Alice Schwarzer, Reaktion der Männermedien, in: dies., Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung, erweiterte und aktualisierte Ausgabe, Frankfurt/M. 1977, S. 241.
2.
Vgl. Miriam Gebhardt, Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor, München 2012; zu feministischen Strömungen und Diskursen siehe die anderen Beiträge in dieser Ausgabe.
3.
Österreichisches Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, Männerpolitik. Beiträge zur Gleichstellung der Geschlechter. Tagungsdokumentation zur Internationalen Konferenz vom 6./7. Oktober 2014, Wien 2015, S. 152.
4.
Vgl. beispielsweise Vincent-Immanuel Herr/Martin Speer, Deutschland braucht mehr Feministen! Eine Anleitung von Männern für Männer, 11.2.2016, http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-02/feminismus-maenner-sexismus-gleichberechtigung-vorteile-lebensqualitaet«; Robert Franken im Gespräch mit Susanne Balthasar, "Wir brauchen mehr männlichen Diskurs über Feminismus", 15.7.2017, http://www.deutschlandfunkkultur.de/male-feminists-europe-wir-brauchen-mehr-maennlichen-diskurs.2147.de.html?dram:article_id=391172«; siehe auch http://www.male-feminists.europe.org«.
5.
Österreichisches Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Anm. 3), S. 149.
6.
Ebd., S. 172.
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Autor: Thomas Gesterkamp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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