Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Susanne Maurer

Hedwig Dohms "Die Antifeministen"

Eine Geschichte der Kritik[1] an bestehenden Geschlechterverhältnissen lässt immer auch Gegenpositionen erkennbar werden, die jeder Infragestellung einer bestimmten "Geschlechterordnung", jeder Fantasie von anderen Möglichkeiten, "Frau", "Mann" oder etwas noch ganz anderes zu sein, die Legitimation absprechen. Meist geschieht dies mit Bezug auf "die Natur" (die als gegeben erscheint), eine "gute Tradition" (die als bedroht erscheint) oder einen "göttlichen Willen" (der als unhinterfragbar erscheint) und mit mehr oder weniger subtilen Mitteln, wird freundlich oder auch extrem aggressiv vorgetragen, erfolgt häufig polemisch, wenn nicht gar in höchstem Maße diffamierend. All das lässt sich gegenwärtig mit Bezug auf den sogenannten Antigenderismus beobachten,[2] findet sich aber auch in anderen historischen Momenten, in denen – deutlich spürbar – Bewegung in die gesellschaftlichen Geschlechterordnungen kam. So stellt die Historikerin Ute Planert in ihrer nach wie vor wegweisenden historischen Untersuchung zu "Antifeminismus im Kaiserreich" fest: "Pfarrer beriefen sich auf die göttliche, Juristen und Staatsbeamte auf die weltliche Ordnung (…). Historiker bemühten die Geschichte, Physiologen verwiesen auf die immanente Logik der Natur. Bildungsbürger fürchteten um die Kultur, Politiker um die Handlungsfähigkeit des Staates, Berufsverbände um ihre männliche Klientel (…). Antisemiten sahen die ‚Rasse‘, Chauvinisten die Nation in Gefahr."[3]

Mit diesem Beitrag möchte ich an eine ebenso scharfsinnige wie scharfzüngige Analyse des Antifeminismus erinnern, die aus der Feder der frühen Feministin Hedwig Dohm (1831–1919) stammt, deren Leben selbst in eindrücklicher Weise von den Beschränkungen "weiblicher Möglichkeitsräume" zeugt, aber auch von den ebenso mutigen wie riskanten Bestrebungen, diese zu durchbrechen.[4] Dohms zeitgenössische Analysen und Polemiken gilt es dabei vor dem Hintergrund des historischen Kontextes des Deutschen Kaiserreichs (1871–1918) und der politischen und diskursiven Zusammenhänge des Phänomens "Antifeminismus" zu lesen.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. etwa Gerda Lerner, Die Entstehung des feministischen Bewußtseins. Vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung, Frankfurt/M.u.a. 1993; Gisela Bock, Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2000.
2.
Siehe dazu den Beitrag von Imke Schmincke in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität, Göttingen 1998, S. 16.
4.
Vgl. dazu insbesondere die Biografie von Isabel Rohner, Spuren ins Jetzt – Hedwig Dohm, eine Biografie, Sulzbach/Ts. 2010.
5.
Neben Planert (Anm. 3) siehe auch Kenneth Clatterbaugh, AntiFeminism, in: Michael Flood et al. (Hrsg.), International Encyclopedia of Men and Masculinities, Routledge 2007, S. 21ff.; Brigitte Fuchs, "Rasse", "Volk", "Geschlecht". Anthropologische Diskurse in Österreich 1850–1960, Frankfurt/M. 2003. Im Juni 2017 veranstaltete das Netzwerk "Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e.V." eine Tagung zu "Antisemitismus–Antifeminismus. Ausgrenzungsstrategien im 19. und 20. Jahrhundert". Die Beiträge werden in einem Sammelband publiziert (voraussichtliches Erscheinen 2018/2019).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Susanne Maurer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.