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15.7.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Solidarität und Sozialität in unserer Gesellschaft scheinen rückläufig zu sein. Deutschland besitzt noch eine eher egalitäre Gesellschaft. Die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen wächst aber.

Einleitung

Es spricht einiges dafür, dass Solidarität und Sozialität in unserer Gesellschaft rückläufig sind. Deutschland gehört zwar im internationalen Vergleich zu den eher egalitären Gesellschaften, aber von einer Nivellierung der materiellen Ungleichheit sind wir sehr weit entfernt. Vielmehr ist eine wieder zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu konstatieren. Nicht selten wird vor diesem Hintergrund die Schlussfolgerung gezogen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht sei. Die AutorInnen dieser Ausgabe stellen sich dieser Frage und liefern mit ihren Analysen ein differenziertes Bild von der Situation unserer Gesellschaft.

Regina General fragt in ihrem Essay, was die politischen Eliten davon abhalte, eine globale soziale Krise zu verhindern: Phantasielosigkeit und Eigennutz - so lautet zugespitzt ihre Antwort. Wenn Vereinzelung und Individualisierung zur gesellschaftlichen Norm avancierten, mutierten Begriffe wie Verantwortung zu moralisierendem Schnickschnack. Unserer Gesellschaft fehle die innere Spannung, die Problemfeststellung, Debatte von Lösungsvarianten und schließlich neue Politik in eine Abfolge zwinge.

Im Diskurs über den Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Suche nach Wegen zu mehr Solidarität wird dem sozialen Kapital eine wohlfahrtssteigernde soziale und moralische Qualität zugeschrieben. Sebastian Braun skizziert hierzu die sehr unterschiedlichen Ansätze zweier prominenter Wissenschaftler, mit deren Namen diese Diskussion verknüpft ist: Robert D. Putnam und Pierre Bourdieu. Die Gegenüberstellung beider Ansätze ermöglicht es dem Autor, im Diskurs über den sozialen Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft ein differenzierteres Bild zu zeichnen.

Edeltraud Roller tritt der Auffassung von einer Erosion des sozialstaatlichen Konsenses in Deutschland entgegen. Der behauptete Konflikt zwischen den Nutznießern des gegenwärtigen Sozialstaats und denjenigen, die ihn entweder finanzieren oder in geringerem Maß von seiner Existenz profitieren, ist nach den Ergebnissen der Autorin nur schwach ausgeprägt und nur in ersten Anzeichen identifizierbar. Ein Konfliktpotenzial sieht sie jedoch zwischen West- und Ostdeutschen. Der von Ostdeutschen gewünschte Ausbau des Sozialstaats sei unter den bestehenden ökonomischen Rahmenbedingungen kaum durchführbar.

Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung lebten 1998 in Deutschland 13,7 Millionen Menschen unterhalb der Schwelle der Einkommensarmut. Einkommen und - mehr noch - Vermögen sind höchst ungleich verteilt. Die Frage, ob mit der sich wieder vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich eine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland verbunden ist, wird von Gerd Nollmann und Hermann Strasser jedoch verneint. Die Autoren erklären das mit der Art und Weise, wie die Verteilung von Armut und Reichtum in unserer Gesellschaft erlebt werde und welche Bedeutung Arme und Reiche ihr zuschrieben.

Verfestigte Arbeitslosigkeit, ökonomische Strukturkrisen und die Folgen sich wandelnder Erwerbs- und Familienbiographien sind nach Petra Böhnke Umbruchsmerkmale vieler europäischer Gesellschaften. Anders als vielleicht vermutet, stehen Desintegration, anomisches Verhalten sowie individuelle Ängste und Sorgen jedoch nicht proportional zum Ausmaß von Arbeitslosigkeit und Armut. Sie werden vielmehr, so Böhnke, maßgeblich von deren Relativität und von den vorhandenen Bewältigungsmustern in nationalen Kontexten bestimmt.