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15.7.2002 | Von:
Sebastian Braun

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit

Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates

Soziales Kapital hat in Deutschland Hochkonjunktur. Es wird vor allem gegen jenen ungezügelten Individualismus ins Spiel gebracht, der als größte Gefahr für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft gilt.

I. Einleitung

"Der Anstieg des bowling alone stellt für die Betreiber der Bowlingbahnen eine existenzielle Bedrohung dar, denn Ligaspieler konsumieren im Vergleich zu Einzelspielern dreimal so viel Bier und Pizza", erklärt uns Amerikas Vorzeigekommunitarist Robert D. Putnam. [1] "Die eigentliche soziale Bedeutung des Bowling liegt jedoch in der sozialen Interaktion und den gelegentlich bei Bier und Pizza ablaufenden Gesprächen über bürgerschaftliche Angelegenheiten, die bei Einzelspielern entfallen. Gleichgültig ob Bowlen für die Amerikaner attraktiver ist als das Wählen, ist es doch eindeutig, dass mit den Bowlingteams eine weitere Form des Sozialkapitals im Verschwinden begriffen ist", so der Harvard-Professor weiter, der mit seinen Analysen über das soziale Kapital der USA seit den neunziger Jahren zur Sensation in der westlichen Welt avancierte.


Dies gilt auch für Deutschland, wo Putnams Studien als "bahnbrechender Durchbruch" [2] gefeiert wurden. Dieser Erfolg ist nicht zufällig; denn Putnam verbindet die seit langem und immer wieder thematisierte Sorge über den Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts mit der Suche nach Wegen der Solidaritätsproduktion. Mit dieser Thematik passten sich seine Analysen bestens in einen kulturpessimistischen Diskurs ein, der sich sukzessive an den so genannten Schattenseiten des viel diskutierten "Individualisierungsschubs von bislang unerkannter Reichweite" [3] abarbeitete.

Diesem Diskurs lieferte Putnam zunächst den empirischen Nachweis, dass Solidarität und Sozialität in den westlichen Demokratien längst verschwunden seien. In zahllosen Begriffspaaren wie z. B. "Sozialenergie" (Helmut Klages) oder "soziale Bindekraft" (Wolfgang Schäuble) vermengte sich Putnams Leitbegriff mit Erich Fromms berühmter Metapher vom "sozialen Kitt", um in blumiger Sprache zu umschreiben, was der Gesellschaft offenbar abhanden gekommen war. Parallel dazu erlebten die alten Antipoden des Individualisierungsbegriffs - Anomie und Verelendung - eine seit der industriellen Revolution nicht mehr gekannte Renaissance.

Ganz in der amerikanischen Denktradition, nach der auf den Gemeinschaftsverlust neue und sogar "bessere" Gemeinschaften folgen können, die indes nicht willkürlich entstehen, sondern mit sozialwissenschaftlicher Hilfe erzeugt werden, zeigte Putnam aber auch einen Ausweg: Stärkung der Bürgergesellschaft, republikanischer Traditionen, der "community" und des lokalen Assoziationswesens, so lautet seine Formel zur Schaffung neuen sozialen Kapitals, die er in einer "Agenda for Social Capitalists" niederlegte [4] und die hierzulande in medienfreundlichen Slogans popularisiert wurde - immer nach dem Motto: "Nicht nur das ökonomische Kapital, sondern ebenso das ‘soziale Kapital‘ entscheidet über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands." [5]

Soziales Kapital ist mittlerweile zur rhetorischen Trumpfkarte all derer geworden, die sich einerseits um den sozialen Zusammenhalt der scheinbar hoch individualisierten deutschen Gesellschaft sorgen, die andererseits aber auch Hoffnung auf die Wiederbelebung von solidarischen Beziehungen, Netzwerken und sozialem Vertrauen in einer lebendigen Bürgergesellschaft hegen, die mit ihren unausgeschöpften Ressourcen die Leistung von Staat und Wirtschaft zu steigern vermöge. Denn zumindest in einem Punkt scheint hierzulande Einigkeit über die Bedeutung sozialen Kapitals zu bestehen: dass es - wie Claus Offe als scharfsinnigster Theoretiker im deutschen Sozialkapitaldiskurs formuliert - "einen Beitrag zur (kollektiven) Wohlfahrt" leiste, da es "einer wohlfahrtssteigernden sozialen und moralischen Kompetenz" von Gesellschaften gleiche. [6] Deshalb ließen sich auch "die über Raum und Zeit auftretenden Schwankungen in der Qualität politisch-administrativer und ökonomischer Performanz durch das Niveau und die Verbreitung von Sozialkapital in einer Gesellschaft erklären" [7] .

Erstaunlich an der euphorischen Debatte ist allerdings, dass ein grundsätzlich anderer Diskurs über soziales Kapital weitgehend ausgeblendet bleibt, obwohl er seit Jahrzehnten die gesellschaftspolitische Diskussion in Frankreich beherrscht. Zwar geht es auch in diesem Diskurs um soziale Netzwerke, Solidaritätsverpflichtungen oder gegenseitiges Vertrauen. Soziales Kapital bezeichnet dabei aber das Netz von Beziehungen, die dazu beitragen, dass Karrieren, Macht und Reichtum nicht nur auf individuellen Leistungen basieren, sondern auch auf herkunftsbedingten Gruppenzugehörigkeiten und anderen vorteilhaften Verbindungen im Sinne des "Vitamin B".

Dieser Diskurs hinterfragt also kritisch die offizielle Selbstrechtfertigung von modernen Gesellschaften, die Leistung zu ihrem vermeintlich einzig legitimen Maßstab der Statuszuweisung erhoben haben. Soziales Kapital gilt dabei als ein zentrales Element, das im Zusammenspiel mit anderen Sorten von Kapital zu sozialen Ungleichheiten in "Leistungsgesellschaften" beiträgt. Diese Ungleichheiten haben in den öffentlichen Debatten jenseits des Rheins spätestens seit den neunziger Jahren wieder enorm an Brisanz gewonnen, insbesondere in den heftigen Auseinandersetzungen über die "zunehmende Kluft zwischen der herrschenden Wirtschaftslogik und den von ihr mit verursachten gesellschaftlichen Desintegrationstendenzen" [8] .

Beide Diskurse über soziales Kapital sind mit den Namen zweier prominenter Wissenschaftler verbunden: dem US-amerikanischen Politologen Robert D. Putnam und dem unlängst verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Im Folgenden werde ich zunächst ihre Ansätze skizzieren, um den theoretischen Hintergrund der verschiedenen Diskurse über soziales Kapital zu verdeutlichen. Denn erst vor diesem Hintergrund lassen sich auch die politischen Diskussionen verstehen, die sich am jeweiligen Ansatz orientieren und die mit je unterschiedlicher Stossrichtung das Problem des gesellschaftlichen Zusammenhalts thematisieren. Diese Gegenüberstellung erlaubt es abschließend dann auch, den angesprochenen Diskurs über den sozialen Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft differenzierter zu betrachten.

Fußnoten

1.
Robert D. Putnam, Bowling alone: America's declining social capital, in: Journal of Democracy, 6 (1995), S. 70.
2.
André Habisch, Was ist das Sozialvermögen einer Gesellschaft?, in: Stimmen der Zeit, (1996) 214, S. 675.
3.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 116.
4.
Vgl. Robert D. Putnam, Bowling alone. The collapse and revival of American community, New York u. a. 2000.
5.
Heiner Keupp, Eine Gesellschaft der Ichlinge? Zum bürgerschaftlichen Engagement von Heranwachsenden, München 2000, S. 17.
6.
Claus Offe, "Sozialkapital". Begriffliche Probleme und Wirkungsweise, in: Ernst Kistler/Heinz-Herbert Noll/Eckhard Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrungen, Meßkonzepte, Berlin 1999, S. 118.
7.
Claus Offe/Susanne Fuchs, Schwund des Sozialkapitals? Der Fall Deutschland, in: Robert D. Putnam (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh 2001, S. 417.
8.
Henrik Uterwedde, Einführung zum Themenschwerpunkt: Gesellschaftliche Krise, neue Politik, in: Frankreich-Jahrbuch 1996, Opladen 1997, S. 27.