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15.7.2002 | Von:
Gerd Nollmann
Hermann Strasser

Armut und Reichtum in Deutschland

I. Die Verteilung des Einkommens

Die materiellen Vor- und Nachteile lassen sich recht gut an der Geldmenge ablesen, die dem Einzelnen zum Lebensunterhalt zur Verfügung steht, denn heute sind die meisten Güter und Dienstleistungen käuflich und machen Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität gleichermaßen aus. Heute steht in Deutschland nicht mehr, wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Nützlichkeit der Dinge im Vordergrund, sondern in zunehmendem Maße das Design, die Ästhetik, nicht mehr der Gebrauchs-, sondern der Erlebniswert. Durch die fortschreitende Ästhetisierung unseres Alltags unterliegen immer mehr Gegenstände und Bereiche des Alltagslebens dem klassifizierenden Geschmack des Publikums. [3] Diesem kann man freilich auf Dauer nur dann entsprechen, wenn man ihn sich leisten kann.

Einen ersten Hinweis auf das, was sich die Deutschen leisten können, liefert das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung (BSP p.K.). Es belief sich in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1999 auf 25 350 US-Dollar. [4] Deutschland belegte damit den 13. Platz in der Weltbankrangliste der reichsten Länder und lag auf Platz 21 von insgesamt 206 Ländern. Es rangierte hinter Luxemburg, der Schweiz, Norwegen, Japan, Dänemark, den USA, Singapur und Österreich. Nach Deutschland folgten Länder wie Schweden, Belgien, die Niederlande, Finnland, Hongkong, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. [5]

Eine solche Rangliste sagt allerdings noch nichts über den Grad der ungleichen Verteilung des Einkommens aus. Ein Maß, das über die Verteilung des Einkommens (oder der Konsumausgaben) Auskunft gibt, ist der so genannte Gini-Koeffizient. Er gibt den Grad an, zu dem die Verteilung des Einkommens zwischen Individuen oder Haushalten in einer Gesellschaft von einer perfekten, d. h. Gleich-Verteilung abweicht. [6]

So betrug der Gini-Koeffizient für Deutschland im Jahre 1995 0,30. Damit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den eher egalitären Gesellschaften. Von den 105 Gesellschaften, für die aktuelle Daten vorliegen, wiesen nur 16 Gesellschaften einen Wert unter dem Deutschlands auf. Ein Vergleich z. B. mit den restlichen G-7-Staaten ergibt folgendes Bild: Einen kleineren Gini-Koeffizienten als Deutschland wiesen Japan (0,25) und Italien (0,27) auf, während die USA (0,41), Frankreich (0,33), Großbritannien (0,36) und Kanada (0,32) einen höheren Wert und damit eine größere Einkommensungleichheit verzeichneten. Verglichen mit den übrigen 20 OECD-Ländern nimmt Deutschland einen Platz im oberen Mittelfeld ein.

Auch diese Angaben vermitteln noch kein klares Bild über Art und Ausmaß des Reichtums der Deutschen. Wir müssen daher zunächst klären, was Reichtum überhaupt ist, ab welcher Höhe des Einkommens und/oder Vermögens man in Deutschland als reich betrachtet wird. [7] Die Suche nach dem Reichtum und den Reichen gleicht, nicht nur in Deutschland, einer Detektivarbeit. Es gibt deshalb auch keine einzelne systematische, geschweige denn eine erschöpfende Datensammlung zu großen Einkommen und Vermögen, so dass die folgenden Zahlen aus verschiedenen Quellen mit unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten stammen und zumeist in DM erfolgen. [8]

Angesichts der erkennbaren Reichtumskonzentration liegt es nahe, etwa die Zahl der Millionäre als Konzentrationsmaßstab heranzuziehen. Immerhin weist die jüngste Datenquelle, die bundesdeutsche Lohn- und Einkommensstatistik für das Jahr 1995, 21 002 Personen und damit 0,08 % aller Steuerpflichtigen als Einkommensmillionäre aus. [9] Diese verhältnismäßig kleine Gruppe hatte einen Anteil an den Gesamteinkünften von 3,4 %. Dieser Anteil war somit höher als jener von 3,3 %, der auf die rund 5,2 Millionen Steuerpflichtigen entfiel, deren Jahreseinkommen unter 20 000 DM lag. [10]

Diese Angaben lassen eine deutliche Konzentration erkennen, erlauben aber noch keine Antwort auf die Frage, wer wie viel warum erhält. Eine klarere Vorstellung über die Einkommensverhältnisse lässt sich schon durch eine quantitative Definition von "reich" gewinnen: So zieht Ernst-Ulrich Huster die Reichtumsgrenze jenseits des doppelten durchschnittlichen Haushaltsäquivalenzeinkommens - in Anlehnung an die Erfassung von Armut, deren Grenze durch die Hälfte des gewichteten durchschnittlichen Einkommens markiert ist. [11]

Nimmt man diese Kriterien als definitorische Richtschnur, ergibt sich für das erste Halbjahr 1998, dass in den rund 36,8 Millionen Haushalten das (ungewichtete) durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen bei 5 020 DM pro Monat lag. Rund 2,75 Millionen Haushalte (also 7,45 % oder jeder 13. Haushalt) bezogen 1998 ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen zwischen 10 000 und 35 000 DM und können damit als reich bezeichnet werden. [12] Andererseits mussten 8,16 Millionen Haushalte (d. i. mehr als jeder fünfte Haushalt oder 22,18 %, gerechnet ohne Personen in Anstalten und Gemeinschaftsunterkünften) mit einem monatlichen Nettoeinkommen unterhalb der Armutsgrenze von 2 500 DM auskommen.

So manches unerwartete Resultat liefert auch ein regionaler Vergleich: In den alten Bundesländern lag das (ungewichtete) durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen im ersten Halbjahr 1998 bei 5 254 DM, die Reichtumsgrenze bei rund 10 500 DM monatlich. Im Jahre 1998 bezogen in den alten Bundesländern 2,58 Millionen Haushalte (8,60 %) ein (ungewichtetes) Nettoeinkommen zwischen 10 000 und 35 000 DM pro Monat, die wir nach obiger Definition als reich bezeichnet haben. Unter die approximative Armutsgrenze von 2 500 DM pro Monat fielen 6,07 Millionen Haushalte (20,30 %). In den neuen Bundesländern lag im ersten Halbjahr 1998 das (ungewichtete) durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen bei 3 956 DM pro Monat und die Reichtumsgrenze bei rund 7 900 DM. Aufgrund dieser Kriterien können dort 0,606 Millionen Haushalte (8,90 %) als reich klassifiziert werden, während 0,941 Millionen Haushalte (13,80 %) unter der Armutsgrenze von 1 978 DM pro Monat liegen. [13]

Am besten lässt sich Deutschlands Einkommenspyramide veranschaulichen durch das Nettoäquivalenzeinkommen, das Einkommenshöhe und Haushaltsgröße verbindet, und seine Verteilung auf die verschiedenen Quintile - verstanden als soziale Schichten (von der Unterklasse des ärmsten Fünftels bis zur Oberschicht, dem reichsten Fünftel). [14] Wie die Abbildung zeigt, verfügten 1998 das ärmste Fünftel der deutschen Haushalte über 9 % (West) bzw. 11 % (Ost) des Gesamteinkommens, während auf das reichste Fünftel immerhin 38 % bzw. 34 % entfielen. Letzteres besteht vor allem aus Selbständigen, aber auch aus Angestellten und Beamten, während das ärmste Fünftel vorwiegend Arbeiter- und Rentnerhaushalte umfasst.

Akzeptiert man die Abgrenzung von Huster, können sowohl Reichtum als auch Armut in Deutschland als weit verbreitetes Phänomen angesehen werden: Das Bild vom Reichtum wird von den rund 2,75 Millionen Haushalten geprägt, deren (ungewichtetes) Nettoeinkommen das Doppelte dieses monatlichen Durchschnitts übersteigt, das der Armut jedoch durch die über acht Millionen Haushalte, die weniger als die Hälfte des (ungewichteten) Nettodurchschnittseinkommens erreichten. Der im letzten Jahr vorgelegte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sieht 1998 13,7 Millionen Menschen unter der Schwelle der Einkommensarmut. Sie setzten sich nicht zuletzt aus Langzeitarbeitslosen, allein erziehenden Frauen und kinderreichen, auch erwerbstätigen Familien zusammen. Die Kluft zwischen Arm und Reich, so das Resümee des Berichts, habe in den letzten Jahren zugenommen. [15] Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich daran in der jüngsten Zeit etwas geändert hat.

Fußnoten

3.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M. 1992.
4.
Das kaufkraftbereinigte BSP p. K. betrug 22 404 US-Dollar.
5.
Vgl. World Bank, World Development Report 2000/2001. Attacking Poverty, New York 2000, S. 274 f. Immerhin nimmt Deutschland 2001 auf der Rangliste des "Human Poverty Index" der OECD-Länder, der das Ausmaß der Armut misst, den sechsten Rang ein, d. h. es liegt hinter den skandinavischen Ländern, aber z. B. vor Frankreich, Großbritannien und den USA. Dieser Armutsindex schließt sowohl die Lebenserwartung und den Bildungsstand der Erwachsenen als auch den Anteil der Menschen unterhalb der Armutsgrenze von 50 Prozent des Durchschnittseinkommens und das Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit ein. Vgl. Siegfried Böhringer, Armut in Deutschland. Anmerkungen zum Ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, in: Christ und Sozialist, (2001) 3.
6.
Graphisch ausgedrückt misst der Gini-Koeffizient die Fläche zwischen der Lorenzkurve der tatsächlichen Verteilung und einer hypothetischen Geraden der absoluten Gleichheit. Ist diese Fläche gleich null, liegt eine absolut egalitäre Verteilung des Einkommens vor; in diesem Fall bezieht jede Untersuchungseinheit das gleiche Einkommen. Der größtmögliche Wert, den die Fläche annehmen kann, beträgt 1: Hier vereinigt theoretisch eine Untersuchungseinheit das gesamte Einkommen auf sich.
7.
Unter Einkommen wollen wir hier jegliches Entgelt wie Honorare, Gehälter, Löhne aus bezahlter Arbeit sowie Erträge aus Kapitalanlagen (Zinsen und Dividenden) verstehen. Unter Vermögen versteht man alle Werte, die zu Geld gemacht werden können und im Besitz von Einzelpersonen sind (Aktien, sonstige Firmenanteile, Sparguthaben, Immobilien).
8.
Da es die Vermögenssteuer nicht mehr gibt, werden auch die Vermögensmillionäre in Deutschland künftig nicht mehr gezählt. 1995 veröffentlichte das Statistische Bundesamt zum letzten Mal eine Aufstellung zur Vermögenssteuer. In diesem und im nächsten Kapitel stützen wir uns u. a. auf die Zusammenstellung und Sekundäranalysen von Hermann Strasser/Guido Mehlkop, Reichtum in Deutschland, in: Peter Biehl u. a. (Hrsg.), Gott und Geld. Jahrbuch der Religionspädagogik, Neukirchen - Vluyn 2001, S. 79 - 100.
9.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2000 für die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 2000, S. 525.
10.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, hrsg. v. d. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, S. 237.
11.
Vgl. Ernst-Ulrich Huster, Enttabuisierung der sozialen Distanz: Reichtum in Deutschland, in: ders. (Hrsg.), Reichtum in Deutschland. Die Gewinner der sozialen Polarisierung, Frankfurt/M. 1997. Die Ungleichheit der materiellen Lebenschancen lässt sich am besten einschätzen, wenn sich die statistischen Angaben nicht auf das individuelle, sondern auf das Haushaltseinkommen und -vermögen beziehen. Vor allem deshalb, weil der Haushalt für das Individuum gewöhnlich der Lebensmittelpunkt und die Einheit des Wirtschaftens ist. Neben der Höhe des (Netto-)Einkommens und Vermögens ist deshalb die Angabe der Zahl der Haushaltsmitglieder entscheidend, denn es ist nicht gleichgültig, ob z. B. ein bestimmtes Einkommen auf zwei oder auf fünf Personen entfällt. Um ganz genau zu sein: Da die Art und das Ausmaß, also die Kosten der Bedürfnisse der einzelnen Haushaltsmitglieder wiederum von deren Alter abhängig ist, liegt es nahe, die Haushaltsmitglieder nach dem Alter zu gewichten. Ähnlich müsste man mit Faktoren wie Geschlecht und Region verfahren. Deshalb soll hier vom "gewichteten durchschnittlichen Einkommen" und vom "durchschnittlichen Haushaltsäquivalenzeinkommen" die Rede sein. Gewichte zur Berechnung der Äquivalenzeinkommen sind: ein Erwachsener = 1,0; alle weiteren Erwachsenen im Haushalt = 0,7; alle Kinder bis 14 Jahre = 0,5. Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 9), S. 583.
12.
Haushalte mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von 35 000 DM und mehr sind in der Statistik nicht aufgenommen.
13.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 9), S. 550 ff.
14.
Meinhard Miegel und Rainer Geißler haben bereits ähnliches Anschauungsmaterial geliefert, ohne allerdings das Äquivalenzeinkommen (Anm. 11), sondern das Haushaltsnettoeinkommen als Berechnungsgrundlage heranzuziehen. So kommt Geißler zu dem Resultat, dass sich zwischen 1950 und 1988 der Anteil des ärmsten Fünftels von 5,4 % auf 7,9 % erhöht hat, während der des reichsten Fünftels von 45,2 % auf 42,5 % zurückgegangen ist. Vgl. Meinhard Miegel, Die verkannte Revolution I: Einkommen und Vermögen der privaten Haushalte, Stuttgart 1983; Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen 1996², S. 61.
15.
Vgl. Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2001, in: Bundesdrucksachen Nr. 14/5990; Lebenslagen in Deutschland - Daten und Fakten. Materialband zum ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2001, in: ebd.