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15.7.2002 | Von:
Gerd Nollmann
Hermann Strasser

Armut und Reichtum in Deutschland

II. Die Verteilung des Vermögens

Die sozialpolitische Diskussion der letzten Jahre macht eines deutlich: Die Möglichkeiten, auf das in der Vergangenheit gebildete Geld- und Sachvermögen - sei es bei (vorübergehend) geringem Einkommen, sei es zur Aufrechterhaltung eines bestimmten Lebensstandards nach der Erwerbstätigkeit - zurückgreifen zu können, werden immer wichtiger und im Rahmen der künftigen Rentenfinanzierung auch gesetzlich eingefordert. Wie schon das Einkommen, zeichnet sich auch das Privatvermögen durch eine erhebliche Ungleichheit in der Verteilung zwischen Armen und Reichen, aber auch zwischen Jungen und Alten, Ost- und Westdeutschen aus. [16]

Einer Berechnung des Magazins Forbes zufolge nahm die Bundesrepublik bei der Zahl der Milliardäre im Jahre 1991 den dritten Platz ein. [17] Die USA hatten in absoluten Zahlen doppelt so viele Milliardäre wie Deutschland oder Japan, Deutschland wies dafür eine etwas höhere Konzentration von Milliardären pro Bevölkerungseinheit auf als die USA und Japan, wird aber erwartungsgemäß von Hongkong und der Schweiz übertroffen. Im Unterschied zu Japan weisen die deutschen Milliardäre bedeutend mehr Kontinuität und unternehmerische Macht auf: Mehr als die Hälfte datieren ihren Familienreichtum auf die Zeit vor 1945 zurück und immerhin sechs von ihnen auf die Zeit vor 1800. Als eigentliches Sprungbrett dieser Familienreichtümer erwies sich in den meisten Fällen die Industrialisierung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die deutsche Vermögenssteuerstatistik verzeichnet für das Jahr 1993 130 944 natürliche Personen von insgesamt 1 132 683 Vermögenssteuerpflichtigen, die ein Rohvermögen von mehr als einer Million DM deklarierten. [18] Davon gaben 87 Personen ein Vermögen von 200 und mehr Millionen DM an. [19] In den Einkommens- und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamtes (EVS) von 1993 gaben 88,4 % der befragten Personen an, Sparguthaben zu besitzen, 66,45 % der Befragten hielten Versicherungen. In Bausparverträgen deponierten 37,9 % zumindest einen Teil ihres Vermögens, etwas mehr in Wertpapieren (41,15 %); 23,1 % gaben andere Formen des Geldvermögens an. [20]

Das Statistische Bundesamt verzeichnete zum Jahresende 1999 einen Spareinlagenbestand bei Privatpersonen von 1,165 Billionen DM allein bei Banken in Deutschland, einschließlich Bausparkassen (gerechnet ohne Bauspareinlagen). [21] Nach der Geldvermögensrechnung der Deutschen Bundesbank von 1995 verfügten die privaten Haushalte über ein Nettogeldvermögen von 4,3 Billionen DM, dies machte fast das Doppelte des verfügbaren Jahreseinkommens aus.

Zum Jahresende 1993 betrug das durchschnittliche Nettogeldvermögen pro Haushalt 61 119 DM (nur Westdeutschland). Dabei lagen Selbständigenhaushalte mit 155 622 DM oder 254,6 % des durchschnittlichen Nettogeldvermögens aller Haushalte deutlich vorne. Landwirtschaftliche Haushalte verfügten über ein Nettogeldvermögen von 107 249 DM, Beamtenhaushalte über durchschnittlich 74 537 DM und Angestellte 66 734 DM. Unter dem Durchschnitt lagen Arbeiterhaushalte mit 45 139 DM und Arbeitslosenhaushalte mit 30 356 DM. Das Nettogeldvermögen von nichterwerbstätigen Haushalten belief sich am Ende des Jahres 1993 auf durchschnittlich 51 632 DM. [22]

Ein Blick auf die Haushalte mit hohem und niedrigem Geldvermögensbesitz setzt diese Zahlen auf der Grundlage der EVS ins rechte Verteilungslicht: Die Hälfte der westdeutschen Haushalte verfügte 1993 über nicht mehr als 38 000 DM Spareinlagenvermögen, ein Zehntel über höchstens 4 000 DM. Die reichsten 6 % der Haushalte konnten jedoch auf finanzielle Rücklagen von über 200 000 DM zurückgreifen, auf sie entfiel rund ein Drittel des westdeutschen Geldvermögensbestandes. In Ostdeutschland waren diese Zahlen entsprechend niedriger: So verfügten nur 2 % der Haushalte über ein Geldvermögen von mehr als 100 000 DM - und damit über gut ein Zehntel des ostdeutschen Geldvermögensbestands. Auch hier enthält der schon zitierte Gini-Koeffizient eine wichtige Botschaft: Die Konzentration des Nettogeldvermögens der privaten Haushalte im Jahre 1993 betrug bundesweit 0,60, für Westdeutschland 0,62 und für Ostdeutschland 0,59. Die Verteilung des Nettogeldvermögens war also in Westdeutschland geringfügig ungleicher als in den neuen Bundesländern. [23]

Erwartungsgemäß ist auch die Ungleichheit in der Verteilung des Immobilienvermögens im Vergleich zum Geldvermögen beträchtlich größer. Im Vergleich zum Geldvermögen ist die Konzentration von Immobilienbesitz in den neuen Bundesländern stark ausgeprägt, und zwar in den unteren Bereichen der Vermögensskala. Der Grund dafür liegt nicht nur im größeren Anteil der Haushalte mit Haus- und Grundvermögen in Westdeutschland zum Zeitpunkt der deutschen Einigung. Darüber hinaus bewirkt die schlechtere Bausubstanz in den neuen Ländern eine starke Klumpung der Grundvermögenswerte im unteren Bereich. [24] So betrug in Westdeutschland im Jahre 1993 der Verkehrswert des Grundvermögens im Durchschnitt 426 300 DM, in den neuen Bundesländern dagegen nur 211 000 DM. Zweifellos fördert die vorwiegende Selbstrekrutierung von Haushalten mit sehr großen Einkommen und Vermögen aus der Gruppe der Selbständigen die Konzentration des Produktivvermögens. [25]

Das Vermögen ist also deutlich ungleicher verteilt als das Einkommen. Meinhard Miegel rechnete schon zu Beginn der achtziger Jahre vor, dass die "Reichen", die 2,1 % der Bevölkerung ausmachen, nicht nur über knapp ein Zehntel (genau: 9 %) aller Haushaltseinkommen, sondern auch über ein Fünftel (genau: 19,2 %) des gesamten Privatvermögens verfügten. Ein ähnliches disproportionales Verhältnis ergab sich beim Bevölkerungsdrittel der "unterdurchschnittlich Gestellten", deren Anteil am Einkommen ein knappes Viertel (genau: 23,6 %), am Vermögen aber nur ein Siebtel (genau: 14,2 %) ausmachte. [26] Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung verfügte von allen Haushalten jenes Fünftel mit den größten Vermögen 1993 im Schnitt über fünfmal und 1998 über fast sechsmal so viel Vermögen wie z. B. das mittlere Fünftel aller Haushalte, während das untere Quintil der Haushalte kein Vermögen hatte. [27]

Natürlich ist diese Diskrepanz in der Verteilung von Einkommen und Vermögen mit der Chance zur Vermögensbildung zu erklären. Sie hängt entscheidend von der Einkommenshöhe ab, genauer: von dem Einkommensanteil, der nicht zum täglichen Verbrauch bestimmt ist. [28] Die Idee der sozialen Marktwirtschaft geht deshalb auch mit der Forderung nach Vermögensbildung der Arbeitnehmer Hand in Hand.

Von einer Nivellierung der materiellen Ungleichheit in Deutschland kann also nicht die Rede sein, allenfalls von einer leichten Verbesserung des Verhältnisses zwischen dem reichsten und dem ärmsten Quintil - und das auch nur beim Einkommen, beim Vermögen haben die Disparitäten eher zugenommen. [29] Die staatlichen Bestrebungen, mit Hilfe von Tarifpolitik, Steuerreformen, Sparförderung und Vermögensbildungsgesetzen Einkommen und Vermögen umzuverteilen, zeigen nur bescheidene Auswirkungen. Spürbar sind eher die pazifizierenden Wirkungen der Tarifpolitik gewesen, indem die Arbeitnehmer über Einkommenszuwächse während der Wirtschaftswunderjahre und danach am Wirtschaftswachstum, aber nicht über Umverteilungsmaßnahmen, teilhaben konnten.

Natürlich hat sich auch die Bedeutung der weitgehend konstanten Einkommensungleichheit geändert, die heute im Vergleich zu früher auf einem höheren Niveau zum Tragen kommt. "Schlechtgestellt" zu sein bedeutet heute etwas anderes als in der unmittelbaren Nachkriegszeit oder in den "Goldenen Zwanzigern".

Die Entwicklung des Volkseinkommens war zwischen 1800 und 1950 eher bescheiden, auch wenn sich das Realeinkommen im Kaiserreich immerhin verdoppelte und das reale Volkseinkommen pro Kopf 1950 nur ein Drittel größer war als 1900. Da die Größe der Haushalte schrumpfte, war das reale Volkseinkommen pro Haushalt 1950 sogar niedriger als zu Beginn des Jahrhunderts.

Seit der Gründung der Bundesrepublik bis zur Jahrtausendwende hat sich das reale Volkseinkommen allerdings mehr als vervierfacht, allein in den Wirtschaftswunderjahren veränderte es sich ebenso stark wie in den vorangegangenen drei Jahrhunderten - mit revolutionären Folgen durch die neuen Möglichkeiten für den Einzelnen, der den Schutz durch den Staat eigentlich nicht mehr nötig hätte. Doch viele Gesellschaftsmitglieder verhalten sich noch immer wie vor ein oder zwei Generationen. [30]

Fußnoten

16.
Vgl. Jürgen Faik/Heinrich Schlomann, Die Entwicklung der Vermögensverteilung in Deutschland, in: E.-U. Huster (Anm. 11).
17.
Vgl. Forbes vom 23. Juli 1990, 22. Juli 1991, 21. Oktober 1991. Vgl. auch Harold Kerbo/Hermann Strasser, Modern Germany, New York 2000, S. 63 f.
18.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 1997 für die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1997, S. 551. Das Rohvermögen ergibt sich aus der Summe der einzelnen Vermögensarten (Grundvermögen, Betriebsvermögen, Anteile an Kapitalgesellschaften, Ansprüche aus Lebens-, Kapital- und Rentenversicherungen u. a.) vermindert um das negative Vermögen wie Kredite und Verbindlichkeiten.
19.
Zur Beschreibung des Vermögensreichtums in Deutschland müssen wir auf Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichproben (EVS) des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 1993 zurückgreifen, die auch von J. Faik/H. Schlomann (Anm. 16) ausgewertet wurden. Die EVS weist allerdings keine Daten für Haushalte aus, deren monatliches Nettoeinkommen 35 000 DM überschreitet. Das ist einer der Gründe, warum die EVS von 1993 rund zwei Fünftel des Geldvermögens der privaten Haushalte nicht erfasst, wie sie in der Geldvermögensrechnung der Deutschen Bundesbank von 1995 in Erscheinung treten. Vgl. Klaus-Dietrich Bedau, Auswertung von Statistiken über die Vermögensverteilung in Deutschland, in: Beiträge zur Strukturforschung, (1998) 173,'hrsg. vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin 1998; zu weiteren methodischen Problemen und Einschränkungen vgl. J. Faik/H. Schlomann (Anm. 16), S. 110 f.
20.
Vgl. ebd., S. 112, und eigene Berechnungen.
21.
Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2000 für die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 2000, S. 332.
22.
Vgl. J. Faik (Anm. 16), S. 114. Nach der schon zitierten Geldvermögensrechnung der Deutschen Bundesbank entfielen dagegen 1995 im Bundesdurchschnitt auf jeden Haushalt 118 000 DM an Nettogeldvermögen, das in den alten Bundesländern pro Haushalt etwa dreimal so hoch war wie in den neuen Bundesländern - eine Relation, die auch von den EVS-Daten bestätigt wird.
23.
Vgl. J. Faik/H. Schlomann (Anm. 16), S. 120 f.
24.
Vgl. ebd. S. 121.
25.
Vgl. M. Miegel (Anm. 14), S. 100.
26.
Vgl. M. Miegel (Anm. 14).
27.
Vgl. Lebenslagen in Deutschland (Anm. 15), Materialband, S. 88.
28.
Die Vermögenslage der Selbstständigen und der Arbeitnehmer ist insofern nur eingeschränkt vergleichbar, als im (Geld-)Vermögen der Selbstständigen-Haushalte zumindest ein Teil der Rücklagen für die Alters- und Hinterbliebenenvorsorge steckt. Das Vermögen der Arbeitnehmer schließt dagegen die Ansprüche an die Rentenversicherung nicht ein. In jüngster Zeit spielen auch realisierte Aktienoptionen eine nicht unerhebliche Rolle, wenngleich davon nur ein kleiner Teil der leitenden Angestellten profitiert.
29.
Vgl. K.-D. Bedau (Anm. 19), S. 15.
30.
Vgl. M. Miegel (Anm. 14), S. 22, 176 - 178.