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15.7.2002 | Von:
Gerd Nollmann
Hermann Strasser

Armut und Reichtum in Deutschland

III. Kampf der Armen gegen die Reichen?

Nicht nur Sozialwissenschaftler fragen sich, warum "die in einer Gesellschaft (bzw. in der Welt) bei der Verteilung begehrter Güter regelmäßig benachteiligte, an der selbstständigen Bestimmung ihres Schicksals gehinderte und vielfach diskriminierte Mehrheit der Bevölkerung diesen Zustand so häufig tatenlos hinnimmt" [31] . Karl Marx hatte vor über 150 Jahren prognostiziert, dass die Ausgebeuteten immer ärmer und die Ausbeuter immer reicher würden, so dass ein Umsturz der Verhältnisse zu erwarten sei. Auch wenn dieses Szenario nicht eingetreten ist, gilt die bis heute anhaltende und in jüngerer Zeit wieder zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen als problematisch und konfliktträchtig. Lehnen sich die Armen gegen die Reichen auf? Werden sie es in Zukunft tun?

Betrachtet man die modernen Schauplätze, an denen Arme Reiche treffen könnten, um ihre Ansprüche zu formulieren, muss man zwangsläufig das Gegenteil annehmen. Lenkt man zunächst den Blick auf mögliche Reichtumskonflikte in der Welt der Berufe, fällt ein banales, aber nicht minder wirksames Phänomen auf: Als hierarchisch strukturierte Gebilde erzeugen Betriebe als Arbeitsorganisationen in der modernen Gesellschaft zwar primär ungleiche Einkommen, schließen jedoch intern Konflikte weitgehend aus. Der Grund dafür liegt in der Mitgliedschaftsregel. Sie besagt, dass sich jedes Mitglied einer formalen Organisation mit seinem Beitritt bestimmten, teilweise ausformulierten Verhaltenserwartungen unterwirft. In Konfliktsituationen zieht sich die Arbeitsorganisation darauf zurück, dass alle Mitglieder primär und auf gleiche Weise dem Organisationszweck verbunden sein sollen. [32]

Frustrationen, Enttäuschungen und Konflikte müssen sich deshalb in der Berufswelt ihren Weg oft unterirdisch bahnen. So ist die Ungleichheit von Karrieremöglichkeiten und die Benachteiligung der Frauen zwar offenkundig, dennoch können Enttäuschungen nicht adäquat ausgedrückt werden. Karrierehoffnungen treffen angesichts der Knappheit höherer Stellen zwangsläufig auf die arbeitsorganisatorische Abwehr von Ansprüchen, die den Mitgliedern eine enttäuschungsbereite Vorsichtshaltung nahe legt.

Das duale System der industriellen Beziehungen verhindert zudem schon im Ansatz die Verhärtung von Konflikten zwischen Mitarbeitern, Betriebsräten und Geschäftsführungen. Während sich der Betriebsrat um die interne Vertretung von Interessen kümmert, wird der Streit ums Geld jeweils der Bühne des Unternehmens ausgetragen. [33] Er findet als Tarifverhandlung an einem fernen Ort statt und wird mit massenmedialer Aura umgeben. Die dabei ausgesprochenen harten Worte machen für Mitarbeiter und Arbeitgeber deutlich, dass für ihre Interessen entschieden gekämpft werde. Eher selten, aber grundsätzlich erwartbar kommt es zu Streiks, die spürbare Schmerzen zufügen. Zum Ritual der Verhandlungspartner gehört es, nach einem Streik auch die Unzufriedenheit mit dem Erreichten auszudrücken und so dem Kontrahenten bei der Gesichtswahrung behilflich zu sein.

Die Ventilfunktion des Flächentarifvertrags wird dadurch jedoch nicht vermindert. Wären an seiner Stelle unzählige Verhandlungen zu führen, würden die Verteilungskonflikte in jedem Betrieb zu einer viel debattierten Realität. Sie würden nicht nur von der Arbeit abhalten. Folgenreicher wäre ihre Verunsicherung über die Angemessenheit ungleicher Einkommensverteilungen. Flächentarifverträge speisen so das Normalitätsempfinden. Auch wenn man sein Gehalt bescheiden findet, weiß man wenigstens, dass die Kolleginnen und Kollegen auf derselben Stufe genauso bezahlt werden, und zwar nicht nur die am nächsten Schreibtisch, sondern auch im gesamten Land.

Was im außertariflichen Bereich passiert, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Die tariflich bezahlten Mitarbeiter stellen bestenfalls Vermutungen über die Gehälter der leitenden Angestellten und Führungskräfte an. Werden Spitzengehälter dennoch thematisiert, führen sie eher zur Bewunderung als zu Konflikt und Aufbegehren. Die hohen Gehälter der Leitenden erscheinen dann eher als Beweis für ihre Übermacht.

Immerhin schreibt z. B. das Aktiengesetz im § 87 Abs. 1 vor, dass "die Gesamtbezüge in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben des Vorstandsmitglieds und zur Lage der Gesellschaft" stehen müssten. Wenn der Aufsichtsrat der Deutschen Bank ihrem Vorstandsvorsitzenden 12,682 Millionen Euro Jahresgehalt zubilligt, dann scheint das für die normalen Angestellten kaum nachvollziehbar zu sein. Diese Vergütung entspricht dem Jahresgehalt von mehr als 400 Bankangestellten, die gemäß Tarifvertrag mit rund 30 000 Euro "angemessen" entlohnt werden.

Die frühere Faustregel, dass Vorstandsmitglieder das Zwanzigfache des Facharbeiterlohnes verdienen, bewegt sich heute jenseits des Dreihundertfachen. Ganz abgesehen davon schließen hohe Abfindungen das persönliche Existenzrisiko ohnehin aus, auch wenn "goldene Handschläge" wie jene für Mannesmann-Chef Klaus Esser (60 Millionen DM) oder Chrysler-Chef Robert Eaton (97 Millionen Dollar) von der Größenordnung her Ausnahmen waren. Die Angemessenheit ungleicher Bezahlungen ist kaum mehr erkennbar, wenn sich die durchschnittliche Vergütung der Vorstände deutscher Großunternehmen zwischen 1995 und 2000 fast verdreifacht und ihre Grundvergütung mehr als verdoppelt, während tarifvertraglich entlohnte Arbeitnehmer in dieser Zeit in den meisten Branchen nur knapp zehn Prozent mehr Geld erzielen konnten. [34] Da liegt die Erklärung mit dem "Kartell der Bosse", das sich gegenseitig die Millionen genehmigt, freilich nahe, weil die Aufsichtsräte, welche die Gehälter der Vorstände beschließen, wiederum aus ehemaligen Vorständen oder Vorständen anderer Unternehmen bestehen.

Diese Entwicklung ändert jedoch nichts daran, dass es in der Berufswelt heute im Regelfall gelingt, mit Hilfe von kollektiven Tarifverträgen das Willkürempfinden der Menschen weitgehend aufzulösen. Wer als Neuankömmling in der Welt der Berufe eine Enttäuschung erlebt und ungerechte Unterordnung beklagt, dem bestätigen die bereits sozialisierten Kollegen, dass alles seine Richtigkeit habe. Der erste mögliche Schauplatz des Konflikts zwischen Arm und Reich stellt sich für den Bürger erstaunlich konfliktfern dar.

Wendet sich der Bürger hingegen politischen Öffentlichkeiten zu, kann er anders erleben, empfinden und handeln, denn dort gilt die Hemmung des Konfliktausdrucks gerade nicht. In der Familie, Verwandtschaft und in geselligen Freundeskreisen, im öffentlichen Protest, neuen sozialen Bewegungen oder abends vor dem Bildschirm beschwert sich der Bürger nicht selten über die Ungerechtigkeit von Armut und Reichtum. Wer es im Beruf nicht geschafft hat, eine Tarifgruppe höher eingestuft zu werden, ganz zu schweigen von Beförderungen in Führungsebenen, die andere Einkommensdimensionen versprechen, sucht nach Ausdrucksmöglichkeiten für seine Enttäuschungen. Das gilt vor allem dann, wenn ein Vorankommen im Berufsleben ausbleibt oder sich das Gegenteil einstellt: der berufliche Abstieg, der durch Arbeitslosigkeit, Entlassungen, Firmenschließungen, Karriereeinbrüche und Standortverlagerungen heute millionenfach eintritt.

Wenn der Bürger seinen Frust in der Öffentlichkeit ausspricht, bleibt wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass dessen eigentliche Quellen politisch nicht konfliktfähig sind. Die Organisationshierarchie hat in politischen Konflikten noch nie zur Disposition gestanden. Über Berufskarrieren kann nur in Unternehmen selbst entschieden werden. Führungspositionen können nicht vermehrt werden. Dass berufliche Hierarchien ungleiche Anerkennungs- und Achtungschancen hervorbringen, können Gewerkschaften ebenso wenig verhindern wie die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit von Berufskarrieren schon zu einem frühen Zeitpunkt in eine Sackgasse mündet und in erstaunlichem Ausmaß immer noch vom Status der Herkunftsfamilie abhängt. [35]

Zudem können, seitdem in den siebziger Jahren der kurze Traum immerwährender Prosperität zu Ende gegangen ist, die westlichen Wohlfahrtsstaaten die Kluft zwischen Arm und Reich nicht mehr durch steigende Steuereinnahmen mildern. Noch Anfang der siebziger Jahre haben die Erfahrung ständiger Einkommenserhöhungen, wachsender Konsumchancen und der Glaube an ein ewiges Wachstum dem Bürger eine Lebensperspektive gegeben, die gleichsam automatisch nach "oben" zeigte. Berufliche Mobilitätserwartungen brauchten sich deshalb nicht unbedingt auf hierarchische Aufstiege zu richten. [36]

Seit dem Ende dieser Träume befinden sich die Rollen der Menschen im Berufsleben und als Staatsbürger im Rückwärtsgang, so dass der Bürger nicht nur viel öfter in "unkonventionellen" Rollen gegenüber dem Staat auftritt. [37] Der Bürger zeigt auch einen veränderten Erwartungsstil, denn er ist nicht anspruchslos, wenn er die öffentliche Bühne betritt. [38] Wer sich im Kampf um Armut und Reichtum unterlegen sieht, kann wenigstens dem "Aufstand des Publikums" gegen den Staat beitreten und entsprechende Forderungen stellen. [39]

Während Finanzminister, egal welcher politischen Couleur, schon beim Amtsantritt ein grundsätzliches Veto gegen jeglichen Ausgabenwunsch verkünden, wird die Anspruchsinflation durch Interessenvertreter, Verbände, Parteien und Massenmedien verstärkt. Die Klagen über neue Armut, Massenarbeitslosigkeit und die sich erweiternde Schere von Arm und Reich verhallen zwar nicht ungehört. Aber das laute, politische Getöse spaltet die Gesellschaft nicht, weil es weitgehend folgenlos bleibt. Im Ergebnis findet sich der Staatsbürger am Feierabend zu den Nachrichten wieder und schüttelt den Kopf über das, was Interessenvertreter und Politik ihm zu bieten haben. Politikverdrossenheit ist das Ergebnis; Armut und Reichtum bleiben von öffentlichen Auseinandersetzungen weitgehend unberührt.

In der korporatistisch formierten Gesellschaft Deutschlands ist ein etwaiger Schauplatz für Kämpfe um Vermögensverteilungen nicht auszumachen. Im institutionalisierten, entschärften Tarifkonflikt geht es um Einkommens-, nicht um Vermögensfragen, schon gar nicht um grundsätzliche Verteilungsfragen. Vermögen wird still vererbt, leise angehäuft oder zufällig im Lotto gewonnen, nicht jedoch durch öffentlich sichtbare, beabsichtigte und bestimmten Gruppen zurechenbare Entscheidungen zugewiesen. Dadurch ist es desintegrierenden Auseinandersetzungen von vornherein entzogen. Die weniger Reichen und auch die Armen erleben den Reichtum der Reichen mit Bewunderung in den Boulevardblättern und bei RTL-Exklusiv. Sie schauen zu ihnen auf, hegen keine Umsturzgelüste und wissen zudem nicht viel über das genaue Ausmaß dieses Reichtums.

Wie Untersuchungen immer wieder gezeigt haben, definieren die Menschen ihre Lage nicht, wie man als externer Beobachter leicht glauben könnte, nach statistischen Verteilungsmaßstäben sozialer Gleichheit oder Gerechtigkeit. Sie beurteilen ihre materielle Lebenslage vielmehr im Verhältnis zu ihren jeweiligen Bezugsgruppen, um eigene Normalitätserwartungen zu bilden. Selbst wenn sie "objektiv" als arm erscheinen, meinen sie, sie seien selbst eher ein Durchschnittsfall. [40] Und so fühlen sich Kolleginnen und Kollegen in einer Arbeitsgruppe ungerecht behandelt, weil ihr Einkommensunterschied vielleicht bei 1 000 Euro im Jahr liegt, während sich der deutsche Vorstandsvorsitzende eines internationalen Konzerns mit rund 6 Millionen Euro Jahressalär unterbezahlt fühlt, weil sein amerikanischer Kollege ein Vielfaches davon verdient. [41] Auch wenn es dadurch zu "lokalen" Streitigkeiten kommen mag, wird der gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt durch Bezugsgruppenkonflikte eher verstärkt, weil Konfliktlinien mit größerer Sprengkraft vielfältig gebrochen und entschärft werden.

Fußnoten

31.
Reinhard Kreckel, Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, Frankfurt/M. 1992, S. 22.
32.
Vgl. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964, S. 245 ff.
33.
Vgl. Helmut Voelzkow, Wirtschaft und Arbeit, in: Hans'Joas (Hrsg.), Lehrbuch der Soziologie, Frankfurt/M. 2001, S. 408 f.
34.
Vgl. Jan Boris Wintzenburg, Eine Million Euro im Monat. Haben Sie das verdient?, in: Stern, (2002) 17, S. 46 f.; "Antje Höning, Schumi, Sommer und der kleine Unterschied, in: Rheinische Post vom 16. Mai 2002.
35.
Vgl. z. B. Michael Hartmann, Der Mythos von den Leis"tungseliten, Frankfurt/M. 2002.
36.
Vgl. die Untersuchung von Mobilitätserwartungen von Karl Ulrich Mayer, Ungleichheit und Mobilität im sozialen Bewusstsein, Opladen 1975, S. 218.
37.
Vgl. Dieter Fuchs/Hans-Dieter Klingemann (Hrsg.), Citizens and the State, Oxford 1995; Ralf Dahrendorf, Citizenship and Beyond: The Social Dynamics of an Idea, in: Social Research, 41 (1974), S. 673 - 701.
38.
Vgl. Niklas Luhmann, Anspruchsinflation im Krankheitssystem, in: Philipp Herder-Dorneich/Alexander Schuller (Hrsg.), Die Anspruchsspirale. Schicksal oder Systemdefekt?, Stuttgart 1983.
39.
Vgl. Jürgen Gerhards, Der Aufstand des Publikums, in: Zeitschrift für Soziologie, 30( 2001) 3, S. 163 - 184.
40.
Vgl. Jonathan Kelley/M. D. R. Evans, Class and Class Conflict in Six Western Nations, in: American Sociological Review, 60 (1995) 2, S. 157 - 178.
41.
Vgl. J. B. Wintzenburg (Anm. 34), S. 48, 50.