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15.7.2002 | Von:
Gerd Nollmann
Hermann Strasser

Armut und Reichtum in Deutschland

IV. Die Rechtfertigung: Anspruch und Wirklichkeit

Die ungleiche Verteilung und das ungleiche Erleben von Armut und Reichtum erinnern daran, dass unsere Gesellschaft nicht nur eine Meritokratie ist, in der jeder das erhält, was seiner Begabung und Anstrengung entspricht. Vielmehr wird auch heute ein nicht geringer Teil dessen, was die Menschen im Lebensverlauf erhalten, über die Geburt, die soziale Herkunft, den Status und das Vermögen der Eltern von Generation zu Generation weitergereicht. Allerdings ist die Transparenz dieser aristokratischen Kontinuität verloren gegangen. Während Leistung als Begründung von Verteilungsentscheidungen hoch im Kurs steht und einige Forscher gar glauben, den sich verstärkenden Aufstieg der intelligentesten Menschen in die höchsten Positionen belegen zu können, [42] weiß man vergleichsweise wenig über die genauen Mechanismen, welche die Menschen in die "hohen" und "niedrigen" gesellschaftlichen Positionen und damit letztlich auch zu Armut und Reichtum führen.

Langfristig überwiegen zweifellos die institutionalisierten Kräfte, die im ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital der Gesellschaftsmitglieder schlummern und die Kluft zwischen Arm und Reich eher öffnen denn schließen. Überdies wird über die Verteilung der erstrebten Ressourcen in den Zentren der Organisationen von Wirtschaft und Verwaltung, Politik und Bildung entschieden. Das Beispiel der Selbstbedienung bei Aktienoptionen, mit denen sich neuerdings auch deutsche Manager die astronomischen Millionengehälter ihrer amerikanischen Kollegen einräumen (wollen), zeigt, dass Einkommensverteilungen nicht abstrakten Angemessenheits- oder Gerechtigkeitsprinzipien folgen. Sie hängen vielmehr von der jeweiligen sozialen Position und der Macht ab, die dieser Stellung innewohnt.

Die unübersehbare Aufspreizung distributiver Ungleichheit geschieht heute ohne besondere Aufregung und wird zunächst nur von Statistikern bemerkt. Sie braucht keine aufwendigen Konflikte. Ihre treibende Kraft ist ungebrochen und wurde in der Ausbauphase des Wohlfahrtsstaates nur kurzzeitig gebremst, nicht aber außer Kraft gesetzt. Auf mehr Gleichheit und Einkommensgerechtigkeit zielende Gegenbewegungen brauchen demgegenüber intensive politische Konflikte, um erfolgreich sein zu können. Heute darf auch nicht übersehen werden, dass die wohlfahrtsstaatliche Befriedung des kapitalistischen Wirtschaftens in einer Zeit großen wirtschaftlichen Wachstums erfolgte. [43] Der wohlfahrtsstaatliche Kompromiss hat keine Bestandsgarantie. Die Kräfte, die seine hohle Fassade niederreißen, sind stärker institutionalisiert als jene, die ihn konservieren oder für die Zukunft weiterentwickeln wollen. Die letzten zwanzig Jahre haben gelehrt, dass kein bestimmtes Maß an distributiver Einkommensungleichheit existiert, das moderierende Neuverteilungen gleichsam automatisch nach sich zöge.

Wer vor diesem Hintergrund mit seinen materiellen Lebenschancen hadert, hat immer noch den selbstbetäubenden Ausweg: Man macht sich einfach nichts aus Geld, denn Geld (allein) macht nicht glücklich. Wenn, ja wenn das Wünschen nicht wäre und der Neid nicht in aller Munde, auch wenn er keinem über die Lippen kommt! Immerhin zeigen amerikanische Studien über den Zusammenhang von Glück und Geld, dass trotz gestiegener Einkommen die Zufriedenheit in den Industrienationen über Jahrzehnte gleich geblieben ist. [44] Eigentlich müssten die Milliardäre des Jahres 2001 schon längst verrückt geworden sein, denn sie hatten einen Verlust von sage und schreibe 190 Milliarden US-Dollar zu verkraften, ganz abgesehen davon, dass viele von den weltweit 580 Milliardären desselben Jahres heute keine mehr sind. [45] Die Reichen der Welt sind ärmer geworden. Deshalb ist Reichtum noch keine Schande, so wenig wie Armut eine ist.

Fußnoten

42.
Vgl. Richard J. Herrnstein/Charles Murray, The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life, New York u. a. 1994. Vgl. dagegen z. B. M. Hartmann (Anm. 35).
43.
Vgl. Burkhart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. 1984.
44.
Vgl. Rheinische Post vom 4. Mai 2002.
45.
Vgl. Focus, 18 (2002), S. 83.