Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Ursula Büttner

Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung

Die Forschung über die Weimarer Republik hat längst einen eindrucksvollen, fast schon furchteinflößenden Umfang erreicht: über 7.200 Titel verzeichnet die Deutsche Nationalbibliothek. Neben unzähligen Studien zu einzelnen Themenkomplexen gibt es große oder kompakte Gesamtdarstellungen, in denen der erreichte Forschungsstand aufbereitet wird.[1] Lesern und Leserinnen, die mit den theoretischen Voraussetzungen und Methoden der Geschichtswissenschaft nicht vertraut sind, drängt sich angesichts dieser Fülle die Frage auf, ob inzwischen nicht alles untersucht sei, ob nicht endlich einmal ein gesichertes, definitives Bild der Weimarer Republik erreicht werde.

Das kann jedoch nicht geschehen. Das bedeutet nicht, dass historische Forschungsergebnisse beliebig sind; sie müssen vom Ansatz her und in der Durchführung – durch plausible Fragestellung, umfassende Erörterung aller erreichbaren Quellen und der bereits vorliegenden Literatur sowie überzeugende Schlussfolgerungen – der Überprüfung der Fachwelt standhalten. Aber Historiker und Historikerinnen rekonstruieren Geschichte als Ausschnitt aus der unendlichen Fülle vergangenen Geschehens. Sie sind dabei Kinder ihrer Zeit und werden bei der Auswahl und dem Zuschnitt der Themen, bei ihren Deutungen und Urteilen unausweichlich von ihren soziokulturellen Prägungen, ihren Erfahrungen und den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Gegenwart mitbestimmt.

Die Geschichtswissenschaft ist also in der glücklichen Lage, dass ihre Arbeit niemals endet, weil jede Zeit neue Fragen stellt, andere Themen ins Zentrum rückt und die Perspektive verändert, sodass sich auch bei gesicherten Fakten die Interpretation wandeln kann. Diese Interdependenz von "Zeitgeist" und Forschungsentwicklung tritt bei der Weimarer Republik besonders klar zutage.[2]

Ursachen für das Scheitern

Die erste deutsche Demokratie hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden deutschen Staaten keinen guten Ruf: Nach der offiziellen Deutung der DDR blieb sie, weil eine echte sozialistische Revolution versäumt worden war, ein ungerechter bürgerlich-liberaler Klassenstaat. Auch in der Bundesrepublik wurde sie nicht als positives Vorbild gewürdigt, sondern galt hauptsächlich als warnendes Beispiel für Versäumnisse und Fehler, die sich nicht wiederholen durften, wenn die zweite deutsche Demokratie Erfolg haben sollte. Die Abgrenzung stand im Vordergrund: "Bonn ist nicht Weimar." Die Revolution von 1918/19 oder die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 gehörten deshalb nicht zu den gefeierten Jubiläen, genau wie Weimar als Erinnerungsort der Demokratie bisher in der Öffentlichkeit und in der politischen Bildung wenig Beachtung fand.[3]

Auch die historische Erforschung der Weimarer Republik war lange von der Erinnerung an ihren Untergang nach nur 14 Jahren und die fürchterlichen Schrecken der nachfolgenden Diktatur überschattet. Schon in den ersten im Exil oder in der inneren Emigration entstandenen Studien von ehemaligen Weimarer Politikern (Frauen waren nicht unter diesen Autoren) stand die Frage nach den Gründen für ihr Scheitern im Zentrum. In den ersten rein wissenschaftlichen historischen oder politologischen Untersuchungen ging es ab Mitte der 1950er Jahre ebenfalls vor allem um die Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Zerstörung der Demokratie.

Bezeichnenderweise bezog sich die erste große zeitgeschichtliche Kontroverse zwischen den Historikern Werner Conze und Karl Dietrich Bracher auf die Funktionsfähigkeit des Parteienstaates und die Rolle des Reichskanzlers Heinrich Brüning beim Übergang von der parlamentarischen Regierungsweise zum ganz und gar von den Notrechten des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg abhängigen Regime der Jahre 1930 bis 1932.[4] Brachers voluminös abgesicherte Feststellung, dass grundlegende Strukturfehler und eine gezielte antidemokratische Politik konservativer Eliten wesentlich zur "Auflösung" der Republik beigetragen hatten, setzte sich gegen Conzes Schluss durch, dass die weitgehende Entmachtung des Reichstags die notwendige Reaktion auf die Selbstlähmung des Parteienstaates gewesen war.

Fußnoten

1.
Vgl. etwa Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, insb. die umfangreiche Bibliografie auf S. 672–771; Eberhard Kolb/Dirk Schumann, Die Weimarer Republik, München 20138; Detlev J.K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987; Andreas Wirsching, Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, München 20082.
2.
Am Beispiel der Revolution von 1918/19 sorgsam herausgearbeitet von Wolfgang Niess, Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung, Berlin–Boston 2013. Diesen Befund bestätigt Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945–1959, Göttingen 2009.
3.
Vgl. Alexander Gallus, Einleitung und ders., Die vergessene Revolution von 1918/19 – Erinnerung und Deutung im Wandel, in: ders. (Hrsg.), Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010, S. 7f., S. 14–38, insb. S. 37f.; Michael Dreyer/Andreas Braune, Weimar als Herausforderung. Zum Umgang mit einer schwierigen Republik, in: dies. (Hrsg.), Weimar als Herausforderung. Die Weimarer Republik und die Demokratie im 21. Jahrhundert, Stuttgart 2016, S. XIf. Mit Blick auf das bevorstehende hundertste Gründungsjubiläum der Weimarer Republik siehe auch den Beitrag von Franka Maubach in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung der Weimarer Republik, Villingen 1955; Werner Conze, Die Krise des Parteienstaates in Deutschland, in: Historische Zeitschrift 178/1954, S. 47–83.
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Autor: Ursula Büttner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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