Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Andreas Rödder

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

"Weimars größter Staatsmann"[1] war lange ein Rätsel. Wie konnte es sein, dass ein glühender Nationalist aus der Zeit vor 1918 zum europäischen Verständigungspolitiker, zur unerfüllten Hoffnung der deutschen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit wurde?

Zunächst war Gustav Stresemann, 1878 in Berlin geboren, in vielerlei Hinsicht ein echter Liberaler der wilhelminischen Ära, und zwar sowohl Nationalliberaler als auch linksliberaler Freisinniger.[2] Als Student trat er 1897 nicht einer der zunehmend antisemitischen traditionellen Burschenschaften bei, sondern der Reformburschenschaft "Neogermania". Damit waren die Vorzeichen bereits gesetzt, denn die Reformburschenschaften vertraten einerseits eine positive Einstellung gegenüber dem liberalen Erbe von 1848 und bekannten sich andererseits zum nationalen Machtstaat. Als Syndikus des Verbands Sächsischer Industrieller war Stresemann später ein Wirtschaftslobbyist, der zugleich im Sinne Friedrich Naumanns für sozialen Fortschritt ohne Klassenkampf und einen sozialpolitisch orientierten Liberalismus eintrat. Zugrunde lag diesen Verortungen eine grundsätzlich optimistische Weltsicht Stresemanns, die sich mit Kompromissfähigkeit und einer Tendenz zur Mitte verband.

Sozialliberalismus, Weltpolitik und Annexionismus

1907 zog Stresemann als damals jüngster Parlamentarier für die Nationalliberale Partei in den Deutschen Reichstag ein, wo er bald seine außergewöhnliche rednerische Begabung unter Beweis stellte. Der nationale Liberalismus, den er vertrat, stand für einen Dreiklang aus innenpolitischen Reformen, darunter die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts und eine Parlamentarisierung des politischen Systems, einer weltwirtschaftlichen Orientierung und einer deutschen Weltpolitik, die auf eine verstärkte Flotten-, Wehr- und Kolonialpolitik setzte.

1914 war Stresemann wie so viele seiner Landsleute überzeugt, dass Deutschland ein Verteidigungskrieg aufgezwungen worden sei, und im Laufe des Kriegs radikalisierte auch er seine Auffassungen: England galt als der Hauptfeind, und Stresemann plädierte für einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Bis 1918 forderte er einen deutschen Siegfrieden mit umfangreichen Gebietsgewinnen. Die Kriegsniederlage im November 1918 stellte daher auch für Stresemann eine traumatische Enttäuschung dar. Während weite Teile der deutschen Öffentlichkeit sich jedoch ganz im Habitus des Opfers ergingen und versuchten, Verantwortung abzuwehren – Dolchstoßlegenden, wie sie vor allem Militärs verbreiteten, beschuldigten Parlament und Zivilisten, Sozialisten, Gewerkschaften und Juden, die Kampfkraft der eigentlich siegesgewissen Armee von der Heimat aus untergraben zu haben[3] –, erwies sich Stresemann als Realist. Er sei und bleibe Monarchist, erklärte er 1919, aber er akzeptierte die Republik als Status quo, zumal er mit dem parlamentarischen System schon immer sympathisiert hatte. Es gehe nicht mehr um die Unterscheidung "hier theoretische Republikaner, dort theoretische Monarchisten", sondern um den Gegensatz "Staatsbejahung oder Staatszerstörung". [4]

Bei den Parteien der Weimarer Koalition – der SPD, der katholischen Zentrumspartei und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) – war Stresemann allerdings als Annexionist in Verruf. So scheiterte auch die Wiedervereinigung des deutschen Liberalismus, der sich über den preußischen Verfassungskonflikt und Bismarcks Sieg im Deutschen Krieg von 1866 gespalten hatte. Neben der DDP entstand daher in der Nachfolge der Nationalliberalen mit der Deutschen Volkspartei wieder eine rechtsliberale Partei, die Stresemann unter seiner Führung als "rechte Mittelpartei" positionierte und die zwischen 1920 und 1930 zu einer tragenden Säule der parlamentarischen Regierungen wurde. Und das galt ab 1923 auch und gerade für Stresemann persönlich.

Fußnoten

1.
Jonathan Wright, Gustav Stresemann. Weimar’s Greatest Statesman, Oxford 2002.
2.
Vgl. hier und im Folgenden Eberhard Kolb, Gustav Stresemann, München 2003, S. 18–75.
3.
Vgl. Boris Barth, Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914–1933, Düsseldorf 2003; Gerd Krumeich, Die Dolchstoß-Legende, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 585–599.
4.
Zit. nach Kolb (Anm. 2), S. 73, das folgende Zitat S. 71.
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Autor: Andreas Rödder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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