Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.
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27.4.2018 | Von:
Dirk Schumann

Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik

Die Geschichte der Weimarer Republik ist Nachgeschichte. Nachgeschichte eines Kriegs, dessen Zerstörungskraft ohne Beispiel war und der in fast jeder Familie seine Spuren hinterließ. Nachgeschichte aber auch jener Umwälzungen der Moderne, die an der Wende zum 20. Jahrhundert die heutige großstädtisch-massenkulturelle Lebenswelt in ihren Grundzügen schufen. Technik und Industrie, die Vielfalt neuer Sinneseindrücke und sozialer Erfahrungen prägten in Deutschland jetzt das Lebensgefühl mehr als die überschaubare ländliche Welt. Der Erste Weltkrieg verstärkte diese Entwicklung mit seiner umfassenden Mobilisierung der personellen und wirtschaftlichen Ressourcen.[1]

Für die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, je nachdem, wie alt sie waren, bildete der Krieg somit nicht den einzigen Umbruch ihres Lebens. Wer in den 1870er Jahren, dem Jahrzehnt der Reichsgründung, geboren war – und dazu gehörten viele Angehörige der Funktionseliten der Weimarer Republik –, hatte den epochalen Wandel vom Agrar- zum Industriestaat in seiner Jugend selbst miterlebt. Für die zwanzig Jahre später geborenen Männer bildete dagegen der Dienst als Soldat im Krieg die zentrale Erfahrung beim Eintritt ins Erwachsenenalter. Frauen dieser Jahrgänge erlebten den Krieg ebenfalls als Einschnitt. Wurden sie erwerbstätig, geschah dies jetzt gerade in der Rüstungsindustrie, auf zuvor von Männern besetzten Arbeitsplätzen. Wie die älteren Frauen auch, mussten sie bei der Organisation des Haushalts Versorgungsengpässe aller Art meistern. Wer nach der Jahrhundertwende geboren war, für den schließlich zeigte sich der Krieg neben der umfassenden Mangelwirtschaft und patriotischen Mobilisierung in der Schule auch in manchen Freiräumen, die sich angesichts zum Militär eingezogener Lehrer und Polizisten eröffneten.[2]

Die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen der Weimarer Republik trugen also sehr unterschiedliche Geschichten mit sich. Diese hingen von ihrem Alter und Geschlecht ab und wurden ausgeformt in den politischen Milieus und Lagern, die sich trotz aller massenkulturellen Entwicklungen vor allem bei der Sozialdemokratie und dem politischen Katholizismus erhielten.[3] Von einer homogenen Nachgeschichte lässt sich angesichts solcher Unterschiede nicht sprechen. Wenn die folgenden Ausführungen die deutsche Gesellschaft in der Weimarer Republik als Nachkriegsgesellschaft untersuchen, können sie deshalb nur große Linien in der Vielfalt zeitgenössischer Erfahrungsverarbeitung beleuchten.

Herausfordernde Ausgangslage

Am 11. November 1918 endeten für das Deutsche Reich die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs mit einem Waffenstillstand, den Matthias Erzberger, führender Parlamentarier der katholischen Zentrumspartei, unterzeichnete. Dass dies ein ziviler Politiker und kein General übernahm, geschah in der Hoffnung auf mildere Bedingungen. Doch diese Hoffnung trog, und so sollte es den Gegnern der neuen Republik leichter fallen, diese und nicht das kaiserliche Militär für den schmählichen Kriegsausgang verantwortlich zu machen.

Die provisorische Regierung des "Rats der Volksbeauftragten", die Erzberger entsandte, war zwei Tage zuvor nach dem Sturz der Monarchie aus den beiden sozialdemokratischen Parteien gebildet worden. Sie sah sich sofort mit großen Herausforderungen konfrontiert. Über fünf Millionen Soldaten standen noch im Westen und Osten jenseits der deutschen Grenzen.[4] Sie mussten zügig zurückgeführt und demobilisiert werden und sollten dann bald wieder einen Arbeitsplatz erhalten.

Andere, weniger kurzfristig zu bewältigende Herausforderungen kamen hinzu. Die Zahl der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen erreichte mit dem Ersten Weltkrieg eine bisher ungekannte Dimension. 2,7 Millionen Soldaten kehrten mit dauerhaften Schäden heim und verlangten, gestützt auf neue Organisationen, materielle Hilfe vom Staat. 600.000 Witwen und 1,2 Million Waisen waren zu versorgen.[5]

Weitere solche Herausforderungen stellten sich nach dem Abschluss des Versailler Friedensvertrags im Juni 1919. Die Alliierten verlangten Reparationen, deren Höhe 1921 zunächst auf den schockierenden Betrag von 226 Milliarden Goldmark festgesetzt wurde. Artikel 231 des Vertrags bestimmte, dass Deutschland grundsätzlich für alle von den Alliierten erlittenen Verluste und Schäden verantwortlich war. Ursprünglich sollte diese Klausel gewährleisten, dass Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen tatsächlich nachkam, doch nahm sie in der deutschen Öffentlichkeit eine grundsätzliche Bedeutung an. Außerdem verfügte der Versailler Vertrag Gebietsabtretungen im Westen und Osten. Deutschland wurde überdies für unfähig zu "richtiger" Kolonialherrschaft erklärt und verlor alle Kolonien. Bis zum Ende der 1920er Jahre musste es zudem die alliierte Besetzung des linken Rheinufers hinnehmen.

Die finanziellen Kriegsfolgelasten, die enger gezogenen territorialen Grenzen, die Sichtbarkeit der Besatzungssoldaten wie der Kriegsbeschädigten und die nun im ganzen Land errichteten Kriegerdenkmäler führten den Deutschen in den Jahren nach 1918 buchstäblich immer wieder vor Augen, dass am Anfang der Weimarer Republik die Niederlage eines großen Kriegs stand. Wie diese Niederlage zu erklären, wie der Krieg überhaupt zu deuten war, stellte vielleicht die größte Herausforderung dar. Zwei Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg gefallen. Welcher Sinn sollte ihrem Tod gegeben werden, welche Botschaft sollte er vermitteln? War der Krieg vor allem eine grauenhafte Schlächterei gewesen, die zu internationaler Versöhnung und Verständigung demokratisch regierter Staaten drängte? Oder war er als letztlich unvermeidbares Ergebnis internationaler Staatenkonkurrenz zu verstehen und die Niederlage mangelnder Entschlossenheit der Deutschen anzulasten, deren Rückgewinnung in einem autoritär geführten Staat zu erfolgen hatte? Diese beiden Grundpositionen stießen in der politischen Kultur der Weimarer Republik aufeinander und beeinflussten die Kriegserinnerung in materieller und literarischer Form ebenso wie die Diskurse und Rituale, mit denen Veteranenverbände unterschiedlicher politischer Ausrichtung auf den Krieg zurückblickten und öffentliche Präsenz zeigten.

Kriegsfolgenbewältigung

Die Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit vermochte die junge Republik gut zu bewältigen. Unerwartet schnell gelang die Rückführung und Reintegration der Soldaten in das Arbeitsleben. Ende Januar 1919 erreichten die letzten Soldaten aus dem Westen deutschen Boden, zwei Monate später war auch der Rücktransport aus dem Osten abgeschlossen. Dazu trug bei, dass bis Dezember im Westen ein Drittel der dort zum Zeitpunkt des Waffenstillstands stationierten Soldaten ihre Einheiten auf eigene Faust in Richtung Heimat verlassen hatte. Andere Truppenverbände gelangten geordnet bis zur Reichsgrenze oder zum Rhein und lösten sich dann in gleicher Weise auf. Bis zum Waffenstillstand hatten die Soldaten an der Front ihre Stellungen gehalten – jetzt wollten alle rasch nach Hause.[6]

Dort fanden sie tatsächlich bald wieder einen Arbeitsplatz. Nur kurzzeitig schnellten in den ersten Monaten des Jahres 1919 die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Die anhaltende Inflation und der gerade zwischen Unternehmern und Gewerkschaften vereinbarte Achtstundentag erleichterten die Wiedereingliederung der heimgekehrten Männer ebenso wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und eine Ausweitung des Personals von Staatsunternehmen wie Post und Eisenbahn. So konnten die vormaligen Soldaten Krieg und Gewalt hinter sich lassen und in ein Alltagsleben zurückfinden, das ihnen im Inflationsboom der ersten Nachkriegsjahre ein relativ sicheres Einkommen bot und mehr Freizeit als zuvor.[7]

Dem stand auch nicht der punktuelle Bürgerkrieg 1919/20 entgegen, in dem in Berlin, München und anderen Orten neu aufgestellte Truppenverbände und bewaffnete Arbeiter gegeneinander kämpften. Während die Tötungsdelikte in den ersten Nachkriegsjahren zunahmen, dann aber wieder zurückgingen, lag die übrige Gewaltkriminalität deutlich unter dem Niveau von vor 1914 und war nach anfänglichem Anstieg ebenfalls wieder rückläufig. Dass die zurückgekehrten Soldaten durch ihren Kriegseinsatz umfassend und nachhaltig "brutalisiert" worden wären, lässt sich nicht konstatieren.[8]

Der Reintegrationsprozess forderte freilich seinen Preis. Viele Frauen, die während des Kriegs Arbeitsplätze in der Industrie eingenommen hatten, wurden aus ihnen wieder verdrängt.[9] Allerdings brachte ihnen die Revolution das Wahlrecht, was ihren Einsatz während des Kriegs würdigte und eine alte Forderung der Frauenbewegung erfüllte. In den folgenden Jahren setzte sich die langfristige Tendenz der Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit überdies wieder fort und öffneten sich ihr bisher verschlossene Berufe.[10] Eine bloße Restauration der Vorkriegsverhältnisse folgte aus der Reintegration der heimkehrenden Männer also nicht.

Die Weimarer Republik, die sich ausdrücklich als Sozialstaat definierte, stellte sich auch der sozialpolitischen Herausforderung zunächst mit Erfolg. Das Reichsversorgungsgesetz von 1920 gewährte Renten für die Kriegsbeschädigten gemäß dem Grad der Behinderung und dem sozialen Status vor dem Krieg sowie Hilfen bei der Ausbildung und Arbeitsplatzsuche. Allerdings hielten die finanziellen Leistungen, auch für Witwen und Waisen, mit der Inflation danach nicht Schritt. Die an sich begrüßenswerte Fokussierung auf die Reintegration in das Arbeitsleben erzeugte zudem eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Kriegsbeschädigten, wegen ihres Opfers fürs Vaterland herausgehoben behandelt zu werden, und der Sichtweise der übrigen Gesellschaft, die sie zunehmend als ungerechtfertigt Klagende empfand.[11]

Sich mit den Reparationen auseinanderzusetzen, war eine wirtschaftliche und eine politische Aufgabe. Ob sie ökonomisch tragbar waren, bleibt umstritten und ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Der deutschen Seite ging es darum, ihre Reduzierung bis zur gänzlichen Streichung durchzusetzen. Der mit den Siegermächten nach der Hyperinflation vereinbarte Dawes-Plan von 1924 und sein Nachfolger, der Young-Plan von 1929, verbesserten die deutsche Position, bis die Reparationen auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise tatsächlich vollständig gestrichen wurden. Bedeutsam waren sie, abgesehen von ihrer konkreten finanziellen Belastung, aber vor allem symbolisch, denn die lange Diskussion um sie machte immer wieder greifbar, dass Deutschland als Folge des Kriegs nicht autonom über seine Staatsfinanzen entscheiden konnte. Somit boten sie sich entschiedenen Gegnern der Republik als Zielscheibe für fundamentale Kritik an.[12]

Die deutschen Gebietsverluste erwiesen sich als etwas weniger brisante Frage. Außenminister Gustav Stresemanns Verständigungspolitik führte 1925 zum Locarno-Vertrag mit Frankreich, der den Verlauf der Westgrenze endgültig klärte. Mit Polen kam es dagegen zu keinem solchen Abkommen, die Ostgrenze blieb strittig.[13] In den Organisationen, die eine Rückgabe der Kolonien forderten und die koloniale "Schuldlüge" anprangerten, versammelten sich vor allem Ehemalige in überschaubarem Umfang. Eine große Zahl von Büchern für alle Altersgruppen, darunter die Kriegserinnerungen des populären Generals Paul von Lettow-Vorbeck, regelmäßig veranstaltete "Kolonialbälle" oder Werbeanzeigen für "Kolonialwaren" hielten gleichwohl die Kolonien als Imaginationsfläche im öffentlichen Gedächtnis präsent. Sie erschienen als wilder Raum der Bewährung, in dem Männer und Frauen ihr eigentliches Selbst ausbildeten. Dass die französische Besatzungsmacht auch Soldaten aus ihren afrikanischen Kolonien im Gebiet links des Rheins einsetzte und dort die Rollen von Kolonisierern und Kolonisierten gleichsam umkehrte, machte den Verlust dieses Raums umso schmerzlicher und sorgte für parteiübergreifende heftige Proteste gegen diese "schwarze Schmach".[14]

Umkämpfte Kriegsdeutung

Bitter umkämpft war die Sinngebung des Kriegs und der Niederlage. Die Gegner der Republik auf der Rechten propagierten ab Ende 1918 die "Dolchstoßlegende". Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die seit 1916 an der Spitze der Obersten Heeresleitung gestanden hatten, bekräftigten mit ihrer Aussage vor einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung im November 1919 deren Tenor, das deutsche Heer sei nicht vom Feind besiegt, sondern von der Heimat aus seiner Kampfkraft beraubt worden. Dabei kam den Verbreitern der Legende zugute, dass die deutsche Niederlage nicht das Ergebnis einer großen Entscheidungsschlacht, sondern der Erschöpfung aller Ressourcen im Angesicht der alliierten Übermacht gewesen war. Blieben die Schuldigen bei Hindenburg und Ludendorff noch vage, wiesen andere Stimmen sie zumeist der radikalen Linken zu. Ins Visier geriet aber auch die Mehrheitssozialdemokratie. Zudem konnte die Dolchstoßlegende eine antisemitische wie misogyne Färbung annehmen.

So entlastete sie die Eliten des Kaiserreichs von der Verantwortung für den Kriegsausgang und unterminierte die Legitimität der Republik. Außerdem half sie der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die Kluft zwischen dem radikalen antirepublikanischen und dem moderaten, zur Regierungsmitarbeit bereiten Flügel zu überbrücken. Hier wird aber auch die Grenze ihres Einflusses sichtbar: Als die DNVP 1925 tatsächlich Regierungsverantwortung übernahm, verlor die Dolchstoßlegende in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung. Gleichwohl wirkte sie vor allem in völkisch-antisemitischen Kreisen, großen Teilen der Professorenschaft und der protestantischen Geistlichkeit weiter fort.[15]

Die Dolchstoßlegende legte eine revanchistische Sinngebung des Ersten Weltkriegs nahe. Während sie im Reichstagswahlkampf Ende 1924 von der DNVP plakativ ins Bild gesetzt wurde,[16] zeigten die Antikriegsdemonstrationen im Sommer des gleichen Jahres, die an den Beginn des Kriegs zehn Jahre zuvor erinnerten, dass auch die gegenteilige Deutung große Resonanz fand. Zwar blieb die Mitgliederzahl pazifistischer Organisationen in Deutschland überschaubar und war die Bewegung von internem Streit zwischen Radikalen und Gemäßigten beeinträchtigt, der sie bis Ende der 1920er Jahre politisch marginalisierte. Doch konnte sie zum Jahrestag des Kriegsbeginns bis zur Mitte der 1920er Jahre jeweils mehrere Hunderttausend Menschen bei ihren Kundgebungen mobilisieren.[17]

Eine Vielfalt der Formen und Botschaften zeichnete die Kriegerdenkmäler aus, die nach 1918 überall in Deutschland errichtet wurden. Trauer, die sich unterschiedlich nuancieren ließ, stand im Vordergrund. Dem dienten vielfach, schon aus Kostengründen, einfache, bereits im 19. Jahrhundert gebräuchliche Formen wie der Obelisk, die Stele und das christliche Kreuz, die damit auf keine spezifische Kriegsdeutung festgelegt waren. In den Inschriften war von "Helden" ebenso wie von "Kameraden" und Söhnen" die Rede, was gleichfalls keine eindeutige Botschaft aussandte. Auch figürliche Darstellungen, die sich häufig an antiken Vorbildern orientierten, ließen unterschiedliche Interpretationen zu. Trauer und Schmerz betonten die Darstellungen Gefallener, die das christliche Pietà-Motiv aufnahmen. Eine eindeutig aggressiv-revanchistische Botschaft vermittelten dagegen Denkmale wie das eines Handgranaten werfenden Soldaten an der Technischen Universität Berlin, doch solche blieben selten.[18]

Wie strittig die Kriegsdeutung war, erwies die Debatte über ein nationales Gefallenendenkmal. 1924 begann die Reichsregierung mit den Planungen, die letztlich ohne Ergebnis blieben. Gegen einen Standort in der "roten" Hauptstadt Berlin sprachen sich der "Stahlhelm" und andere rechte Veteranenverbände aus. Sie lehnten auch das Konzept eines Grabmals des Unbekannten Soldaten, wie es in London und Paris errichtet worden war und vom republikanischen Veteranenverband "Reichsbanner" befürwortet wurde, wegen der Herkunft von den ehemaligen Feindmächten ab. Stattdessen schlugen sie die Errichtung eines Heiligen Haines vor, der die Erinnerung an die Gefallenen mit dem mythischen Kraftquell des deutschen Waldes verknüpfen sollte. Ein spezifischer Standort drängte sich dafür nicht auf, und entsprechend groß war die Konkurrenz. Dies und Differenzen hinsichtlich der Formgebung ließen die Pläne 1926 ins Stocken geraten.[19]

Unter der sozialdemokratisch geführten preußischen Regierung gelang es hingegen, die Neue Wache in Berlin zu einem Gedenkort für die Gefallenen des Kriegs umzugestalten. Ein kreisförmiges Oberlicht erhellte den Innenraum, in dem sich auf dem dunklen Basaltboden ein altarförmiger Granitkubus erhob, versehen mit einem aus Silber und Blattgold bestehenden Eichenlaubkranz. An der mit Muschelkalk verkleideten Wand war nur die Inschrift "1914/18" zu lesen. Auch diese Gestaltung war deutungsoffen, akzentuierte mit ihrer Abstraktheit und Sakralität an erster Stelle die Trauer um die Gefallenen, schloss eine heroische Lesart ihres Todes aber keineswegs aus. Dies zeigte sich bei den Reden zur Eröffnung im Juni 1931, in denen der preußische Ministerpräsident Otto Braun die Trauer und Reichswehrminister Wilhelm Groener das Heldentum der Gefallenen in den Vordergrund stellten. So kann die Neue Wache als republikanischer Kompromiss in der Gedenkkultur verstanden werden.[20]

Militarisierung der politischen Kultur

Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" und das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer" waren die größten und einflussreichsten Vertreter eines neuen Typs von Verband. Sie versammelten zwar vor allem Kriegsveteranen, verstanden sich in erster Linie aber nicht als Erinnerungsgemeinschaften oder bloße Interessenvertretungen, sondern als politische Kampforganisationen, die sich zu Grundfragen der Weimarer Republik positionierten.

Der im Dezember 1918 in Magdeburg gegründete "Stahlhelm" fand ab dem Sommer 1919 deutschlandweit Verbreitung und zählte 1925 rund 260.000 Mitglieder. Politisch rückte er zunehmend nach rechts und stand Ende der 1920er Jahre in klarer Gegnerschaft zur Republik. Sein kennzeichnendes Merkmal war jedoch nicht das vage Programm, sondern sein politischer Stil. Der "Stahlhelm" besetzte den öffentlichen Raum durch Flaggenweihen und Massenkundgebungen, zu denen seine Mitglieder in Uniform und mit militärischem Gepränge aufmarschierten, und scheute auch vor physischer Gewalt in der Auseinandersetzung mit Gegnern nicht zurück. So hielt er den Krieg in sichtbarer Erinnerung und versah ihn mit einer heroisierenden und tendenziell revanchistischen Interpretation, die den Frontkämpfer und die "Frontgemeinschaft" in den Vordergrund stellte und als vorbildhaft für die Politik pries.[21]

Die republikanische Antwort auf den "Stahlhelm" erfolgte 1924, nachdem die schwere Krise der Hyperinflation von 1923 überstanden war. Mit etwa 600.000 Mitgliedern, von denen die meisten der SPD angehörten, war das "Reichsbanner" deutlich stärker als sein Gegenpart. Auch seine Mitglieder trugen Uniform und bewegten sich, eine Spur lässiger, in geschlossener Formation, wenn der Verband seine Kundgebungen veranstaltete, vor allem zum Verfassungstag im August. Anders als der deutlich kleinere "Rotfrontkämpferbund" der Kommunisten ging das "Reichsbanner" nicht mit offensiver Gewalt gegen seine Gegner auf der Rechten vor, war aber zu robuster Selbstverteidigung bereit. Zusammen mit dem "Reichsbund der Kriegsbeschädigten" betonte es in seiner Erinnerung an den Krieg dessen Grausamkeit und die Nöte der Soldaten und setzte sich für internationale Verständigung ein.[22]

Die Militarisierung der Politik in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, wie sie der "Stahlhelm" angestoßen hatte und von seinen republikanischen wie linken Gegnern mit vorangetrieben wurde, zeigte, wie sehr die Weimarer Republik mit der Erbschaft des Ersten Weltkriegs verbunden blieb. Ein weiteres Indiz war die Wahl des seinen Nimbus als Kriegsheld mit Bedacht pflegenden Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten 1925.

Ende der 1920er Jahre erhielt die Kriegserinnerung einen neuen Schub, ohne dass darin eine homogene Botschaft auszumachen war. Neben Erich Maria Remarques sehr erfolgreichem und bald verfilmtem Roman "Im Westen nichts Neues" von 1929, der sich primär, aber keineswegs ausschließlich als Friedensappell lesen ließ, standen andere Werke, die den Krieg als Bewährungsprobe wahrer Männlichkeit glorifizierten.[23] Jüngeren, erst während des Kriegs Geborenen, die seine Schrecken nicht unmittelbar erfahren hatten, fiel es allerdings leichter, eine Kriegsdeutung anzunehmen, die den Soldaten als pflichtbewusst und opferbereit Handelnden und nicht als bloß Leidenden darstellte. Dies bereitete den Boden für den milieuübergreifenden "erinnerungskulturellen Minimalkonsens" einer grundsätzlichen Heroisierung der Kriegsteilnahme.[24] Er stand zwar nicht in direktem Widerspruch zur pazifistischen Botschaft des "Reichsbanners" und anderer republikanischer Kräfte, erschwerte aber ihre Verbreitung.

Fazit

Die Deutschen konnten sich in den Jahren der Weimarer Republik nicht vom Ersten Weltkrieg lösen. Das mag angesichts der nur 14 Jahre, die der Republik gegeben waren, nicht grundsätzlich überraschen. Das sehr drängende Problem der Reintegration der Soldaten wurde jedoch schnell bewältigt, die Versorgung der Hinterbliebenen einigermaßen geregelt. Die Reparationen blieben eine Belastung, allerdings vornehmlich aufgrund der Schärfe ihrer politischen Bewertung, die Gebietsverluste schmerzten. Keine Einigkeit ließ sich darüber herstellen, welcher Sinn dem Krieg zu geben war. Die in den Veteranenverbänden vor allem der Rechten zur Schau gestellte militärische Männlichkeit versprach, mit den vielfältigen Zeitproblemen fertig zu werden, Verlust- und Leidenserfahrungen hinter sich zu lassen. Nicht umsonst stilisierte sich der NSDAP-Führer Adolf Hitler, ein ehemaliger Soldat mit allerdings geringer Fronterfahrung, gerne als kraftvoller Mann.[25] Doch auch wenn die fragile Normalisierung der mittleren 1920er Jahre durch die Militarisierung der politischen Kultur unterhöhlt wurde, war der Sieg der Nationalsozialisten noch keineswegs garantiert. Die republikanischen Kräfte unterlagen erst, als die Gewalt der Weltwirtschaftskrise den Zerstörern der Republik die Mittel dazu an die Hand gab.
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Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Herbert, Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 25–257. Weiterhin erhellend Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990; Detlev J.K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987.
2.
Zu den alters- und geschlechtsspezifischen Erfahrungen der Kriegszeit vgl. Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989; Andrew Donson, Youth in the Fatherless Land. War Pedagogy, Nationalism, and Authority in Germany, 1914–1918, Cambridge, MA 2010. Umfassend zur Erfahrung des Ersten Weltkriegs Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014.
3.
Grundlegend dazu weiterhin M. Rainer Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 25–50; Karl Rohe, Wahlen und Wählertraditionen in Deutschland. Kulturelle Grundlagen deutscher Parteien und Parteiensysteme im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1992, S. 134–164.
4.
Vgl. Richard Bessel, Germany After the First World War, Oxford 1993, S. 73.
5.
Vgl. Robert Weldon Whalen, Bitter Wounds. German Victims of the Great War, 1914–1939, Ithaca 1984, S. 95; Bessel (Anm. 4), S. 225ff.
6.
Vgl. Bessel (Anm. 4), S. 69–81; Scott Stephenson, The Final Battle: Soldiers of the Western Front and the German Revolution of 1918, Cambridge 2009.
7.
Vgl. Bessel (Anm. 4), S. 93–165, S. 240–253; Martin H. Geyer, Verkehrte Welt: Revolution, Inflation und Moderne: München 1914–1924, Göttingen 1998, S. 70–75, S. 130–166, S. 267–273.
8.
Vgl. Moritz Liepmann, Krieg und Kriminalität in Deutschland, Stuttgart 1930, S. 33–40; Dirk Schumann, Gewalterfahrungen und ihre nicht zwangsläufigen Folgen. Der Erste Weltkrieg in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Mai 2004.
9.
Vgl. Susanne Rouette, Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Die Regulierung der Frauenarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt/M. 1993.
10.
Vgl. den Beitrag von Kirsten Heinsohn in diesem Heft.
11.
Vgl. Whalen (Anm. 5), S. 141–153; Deborah Cohen, The War Come Home. Disabled Veterans in Britain and Germany, 1914–1939, Berkeley 2001, S. 61–97, S. 149–187.
12.
Die Literatur zum Thema der Reparationen ist sehr umfangreich. Einen kompakten Einstieg vermittelt Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, S. 153–158, S. 350–357.
13.
Vgl. Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1985, S. 207ff. sowie den Beitrag von Andreas Rödder in diesem Heft.
14.
Vgl. Sandra Maß, Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland, 1918–1964, Köln 2006, S. 1–216; Dirk van Laak, Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880 bis 1960, Paderborn 2004, S. 195–217; Britta Schilling, Postcolonial Germany: Memories of Empire in a Decolonized Nation, New York 2014, S. 13–67.
15.
Vgl. Gerd Krumeich, Die Dolchstoß-Legende, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 20024, S. 585–599; Boris Barth, Dolchstoßlegenden und politische Desintegration: Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914–1933, Düsseldorf 2003.
16.
Vgl. Gerhard Paul, Der Dolchstoß. Ein Schlüsselbild nationalistischer Erinnerungspolitik, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 1: 1900 bis 1949, Göttingen 2009, S. 300–307.
17.
Vgl. Reinhold Lütgemeier-Davin, Basis-Mobilisierung gegen den Krieg. Die Nie-Wieder-Krieg-Bewegung in der Weimarer Republik, in: Karl Holl/Wolfram Wette (Hrsg.), Pazifismus in der Weimarer Republik, Paderborn 1981, S. 47–76; Karl Holl, Pazifismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1988, S. 138–204.
18.
Vgl. Michaela Stoffels, Kriegerdenkmale als Kulturobjekte. Trauer- und Nationskonzepte in Monumenten der Weimarer Republik, Wien u.a. 2011; Christian Saehrendt, Der Stellungskrieg der Denkmäler. Kriegerdenkmäler im Berlin der Zwischenkriegszeit (1919–1939), Bonn 2004.
19.
Vgl. Benjamin Ziemann, Die deutsche Nation und ihr zentraler Erinnerungsort. Das "Nationaldenkmal für die Gefallenen des Weltkrieges" und die Idee des Unbekannten Soldaten 1914–1935, in: Helmut Berding/Klaus Heller/Winfried Speitkamp (Hrsg.), Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 67–91.
20.
Vgl. Stoffels (Anm. 18), S. 224–269.
21.
Vgl. Volker R. Berghahn, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918–1935, Düsseldorf 1966, S. 5–101; Dirk Schumann, Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001.
22.
Vgl. Benjamin Ziemann, Veteranen der Republik: Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933, Bonn 2014; Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik, Düsseldorf 1966; Kurt P. Schuster, Der Rote Frontkämpferbund 1924–1929. Beiträge zur Geschichte und Organisationsstruktur eines politischen Kampfbundes, Düsseldorf 1975.
23.
Vgl. Matthias Schöning, Versprengte Gemeinschaft. Kriegsroman und intellektuelle Mobilmachung in Deutschland 1914–1933, Göttingen 2009; Bernadette Kester, Film Front Weimar. Representations of the First World War in German Films from the Weimar Period (1919–1933), Amsterdam 2002.
24.
Vgl. Arndt Weinrich, Der Weltkrieg als Erzieher. Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Essen 2011, S. 65–124, hier S. 121.
25.
Vgl. Martina Kessel, Demokratie als Grenzverletzung. Geschlecht als symbolisches System in der Weimarer Republik, in: Gabriele Metzler/Dirk Schumann (Hrsg.), Geschlechter(un)ordnung und Politik in der Weimarer Republik, Bonn 2016, S. 81–108, hier S. 102; Thomas Weber, Hitlers erster Krieg: Der Gefreite Hitler im Krieg – Mythos und Wahrheit, Berlin 2011.
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