Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Philipp Stiasny

Ein Freund, ein guter Freund, das wär das Schönste, was es gibt auf der Welt. Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik

Kurz nacheinander feiern am 15. und 16. September 1930 zwei Spielfilme in Berlin Premiere, die für zwei ganz unterschiedliche Formen des jüdischen Filmschaffens in der Weimarer Republik stehen. Der eine davon, "Die Drei von der Tankstelle", ist zu einem Klassiker geworden und Teil des kulturellen Gedächtnisses. Er war der erfolgreichste Film der Saison 1930/31, und es gab Zeiten, da konnte jeder die Lieder daraus mitsingen. Der andere Film ist heute vergessen und nur schwer zugänglich: "Zwei Welten", ein Drama, das 1917 in einem jüdischen Städtchen in Galizien spielt, in dem die Juden buchstäblich zwischen die Fronten geraten, misshandelt und diskriminiert werden. "Zwei Welten" rückt die bedrohte Lebenswelt der osteuropäischen Juden ins Licht und wirbt um Anteilnahme und Verständnis.

Der Kinostart der beiden Filme fällt mit den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 zusammen, die für die deutschen Juden einen so katastrophalen Ausgang nehmen. Unter der Überschrift "6.400.000 nationalsozialistische Wähler" kommentiert die "Jüdische Rundschau", das Organ der deutschen Zionisten, das Ergebnis und seine Auswirkungen: "In Deutschland leben ungefähr 560.000 jüdische Seelen. Auf jede jüdische Seele kommen also 11 erwachsene Nichtjuden, die einem radikal-antisemitischen Programm zugestimmt haben und bereit sind, mit allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln die Juden zu schädigen. Das ist eine Tatsache, die in krassester Weise die Situation der deutschen Judenheit charakterisiert." Obwohl der Wahlerfolg der Nationalsozialisten "eine furchtbare Drohung für die Judenheit in Deutschland" darstelle, werde dies von den anderen Parteien nur als nachrangiges Problem wahrgenommen, beklagt die Zeitung. Die Juden würden allein gelassen. Der ganze Kampf gegen den Nationalsozialismus, insbesondere auch von jüdischer Seite, sei "gegenüber der durch die antisemitische Hetze erzeugten Grundstimmung großer Teile des deutschen Volkes nutzlos verpufft." Die zutreffende Prognose der "Jüdischen Rundschau" lautete: "Wie eine Sintflut bricht eine Welle rücksichtslosester Feindschaft über die deutschen Juden herein."[1]

Während in dieser Situation eines neu entfesselten Judenhasses die Zugehörigkeit von "Zwei Welten" zum jüdischen Filmschaffen aufgrund des Stoffes und der jüdischen Abstammung des Regisseurs Ewald André Dupont klar auf der Hand liegt, stellt sich bei "Die Drei von der Tankstelle" doch die Frage, was der Film mit jüdischem Filmschaffen zu tun hat. Unbestreitbar waren für seinen Erfolg – wie auch für den Erfolg und die Weltgeltung des Weimarer Kinos überhaupt – großenteils jüdische Filmschaffende vor und hinter der Kamera verantwortlich. Ob sich aber der Produzent Erich Pommer, der Drehbuchautor Franz Schulz, der auch das Drehbuch von "Zwei Welten" verfasst hatte, der Regisseur Wilhelm Thiele, der Komponist Werner Richard Heymann und der Librettist Robert Gilbert selbst als jüdische Filmschaffende verstanden haben? Oder wurden sie erst in dem Moment zu jüdischen Filmschaffenden, als ihnen die neuen Machthaber 1933 mit der Begründung, sie seien Juden, die Weiterarbeit in der Filmbranche verboten, ihre Existenzgrundlage zerstörten und sie aus Deutschland vertrieben?

Die Frage nach dem jüdischen Filmschaffen in der Weimarer Republik ist von der Publizistik und der akademischen Forschung lange vernachlässigt worden. Sie spielt auch in den so wichtigen, zuerst 1947 und 1952 erschienenen Pionierstudien der ehemaligen Filmkritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner, die beide als Juden aus Deutschland emigrieren mussten, keine Rolle.[2] Neben Untersuchungen zu einzelnen Filmen und Filmschaffenden liegt mittlerweile eine Überblicksdarstellung des Literaturwissenschaftlers Siegbert Prawer zum Thema vor, die das Filmkorpus vorstellt und Ansatzpunkte für weitere Recherchen liefert.[3] Prawer berücksichtigt darin auch den österreichischen Film der 1920er Jahre und kann so zeigen, was es im deutschen Film damals nicht gab – etwa die lustvolle Darstellung der jüdischen Emigranten aus Osteuropa und der von ihnen gepflegten jiddischen Kultur.[4]

Der Frage, was jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik bedeutet, nähere ich mich im Folgenden von zwei Seiten, wobei mir "Zwei Welten" und "Die Drei von der Tankstelle" als Referenzen dienen. Zunächst gilt mein Interesse Filmen, die einen jüdischen Stoff haben und jüdische Figuren ins Zentrum stellen. Zwar waren Juden, gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands, in der Filmbranche überaus stark vertreten. Angesichts einer Produktion von Hunderten Filmen pro Jahr blieb die Zahl deutscher Filme mit jüdischem Stoff dennoch marginal.

Anschließend komme ich auf "Die Drei von der Tankstelle" zurück. Der Film steht hier exemplarisch für jene Werke, deren Stoff gerade keine offensichtlichen Berührungspunkte mit dem Judentum ihrer Schöpfer aufweist. Dem Historiker Ofer Ashkenazi zufolge nutzten jüdische Filmschaffende solche gewissermaßen unverdächtigen Filme – populäre Komödien, Abenteuerfilme, Melodramen – dazu, Fragen der eigenen deutsch-jüdischen Identität und ihrer Stellung in der Gesellschaft der Weimarer Republik wenn schon nicht offenkundig, so doch auf metaphorischer und symbolischer Ebene zu reflektieren.[5] Diese These erlaubt es Ashkenazi, speziell das Weimarer Genrekino und seine Prägung durch jüdische Filmschaffende einer grundlegenden Revision zu unterziehen. Es erscheint dann als ein Kino, dessen Geschichten von den gleichen Ambitionen und Befürchtungen handelten, die auch ein liberales, in die bürgerliche Gesellschaft integriertes und akkulturiertes urbanes Judentum umgetrieben haben. Zu der in den Filmen geprobten modernen deutsch-jüdischen Identität gehören nicht nur Bedrohungen, Anfeindungen und Angst vor Entdeckung, sondern ebenso ein spielerisch-performativer Umgang mit Identitäten sowie Zukunftsoptimismus und die Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz und Teilhabe.[6]

Fußnoten

1.
J.R., 6.400.000 nationalsozialistische Wähler. Niederlage der bürgerlichen Demokratie, in: Jüdische Rundschau, 16.9.1930.
2.
Vgl. Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films, Frankfurt/M. 1979; Lotte H. Eisner, Die dämonische Leinwand, Frankfurt/M. 1980.
3.
Vgl. Siegbert Salomon Prawer, Between Two Worlds. The Jewish Presence in German and Austrian Film, 1910–1933, New York–Oxford 2005. Siehe auch Irene Stratenwerth/Hermann Simon (Hrsg.), Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt, Berlin 2004.
4.
Vgl. Prawer (Anm. 3), S. 63–71; James Hoberman, Bridge of Light. Yiddish Film Between Two Worlds, New York 1991. In Österreich entstand 1921 auch eine stolze Filmbiografie von Theodor Herzl, dem Mitbegründer des Zionismus. Vgl. etwa Nicholas Baer, The Rebirth of a Nation: Cinema, Herzlian Zionism, and Emotion in Jewish History, in: Leo Baeck Institute Year Book, Bd. 59, Oxford 2014, S. 233–248.
5.
Vgl. Ofer Ashkenazi, Weimar Film and Modern Jewish Identity, New York 2012.
6.
Ein prägnantes Beispiel liefert Ernst Lubitsch mit dem zur Zeit der Französischen Revolution spielenden Historienfilm "Madame Dubarry" (1919), dem ersten Exportschlager des Weimarer Kinos. Lubitsch, der sich während des Ersten Weltkriegs mit deftigen Komödien aus dem jüdischen Milieu einen Namen gemacht hatte, schildert darin den Aufstieg einer jungen Frau aus der Unterschicht zur Mätresse des Königs und mächtigsten Frau des Landes. Diesen Aufstieg bezahlt sie am Ende mit dem Tod auf dem Schafott. Folgt man Richard McCormick, so lässt sich diese Frauenfigur als Alter Ego des Regisseurs verstehen: Die Geschichte wäre dann eine Metapher für die Wonnen und (lebensgefährlichen) Risiken des Aufstiegs eines Juden vom gesellschaftlichen Rand ins Zentrum, wobei der Film mit der Heldin und ihrem Begehren sympathisiert. In der Hinrichtung der Heldin durch die Revolutionäre spiegelt sich für McCormick die reservierte Haltung Lubitschs, der für Liberalität und Toleranz warb, aus der Sicht eines ehemaligen Außenseiters aber der stets manipulierbaren und gewaltbereiten Masse des Volkes misstraute. Vgl. Richard McCormick, Sex, History, and Upward Mobility: Ernst Lubitsch’s "Madame Dubarry/Passion", 1919, in: German Studies Review 3/2010, S. 603–617.
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Autor: Philipp Stiasny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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