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15.7.2002 | Von:
Reiner Pommerin

Globalisierung und Universitäten

Der Studiengang International Relations/Internationale Beziehungen

Obgleich sowohl in der Außenpolitik als auch in der Wirtschaft, in Handel, Industrie und im Finanzwesen Globalisierung längst Alltag ist, mangelt es nach wie vor ...

I. Abschnitt

Am 17. Juni 1985 startete der saudiarabische Prinz Sultan Bin Salman al Saud zusammen mit dem Franzosen Baudry und weiteren fünf amerikanischen Astronauten an Bord des Space Shuttle Discovery 5 zu einer Mission in den Weltraum. "Am ersten Tag", so berichtete er nach seiner Rückkehr, "deutete jeder auf sein Land. Am dritten und vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten." [1] Natürlich können nicht alle Menschen in den Weltraum befördert werden, um wie Prinz Sultan die Zerbrechlichkeit des kleinen blauen Balls Erde zu erfassen. Und nicht jedem Bewohner der Erde kann mit Hilfe einer solchen wirklich umfassenden Weltsicht das Phänomen der Globalisierung wenigstens optisch einsichtig gemacht werden.


Eigentlich hätten spätestens der Reaktorunfall in Tschernobyl mit der ihm folgenden, noch in weiter Entfernung messbaren Radioaktivität oder die Machenschaften eines weltweit operierenden Drogenhandels deutlich machen müssen, dass nationale Egoismen einer Lösung der Probleme der Welt im Wege stehen. Doch scheint etwa ein Land wie die Türkei für viele Bundesbürger wie einstmals für Goethe immer noch "hinten weit" zu liegen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass ein großer Teil der Probleme der Welt längst vor der eigenen Haustür liegt. Die Bereitschaft, für diese Welt auch eine über den eigenen Lebensraum hinausgehende größere Verantwortung zu übernehmen, ist kaum vorhanden.

"Wenn es für die Weltgesellschaft einen ,Beweis' gäbe, der 11. September 2001 könnte als solcher dienen. Die Attacke auf das World Trade Center war (mehr noch als der Angriff auf das Pentagon) ein Weltereignis, von dem die ganze Menschheit direkt oder indirekt betroffen ist oder doch sein wird. Kein media event erzeugte jemals eine solche Zeitgenossenschaft von über sechs Milliarden Menschen, wobei die Art der Betroffenheit ebenso unterschiedlich ist wie die Reaktionen, die von tiefer Niedergeschlagenheit bis zur hellen Schadenfreude reichen." [2]

Kennzeichnend und verständlich für den schon seit geraumer Zeit ablaufenden Prozess der Globalisierung ist ohne Zweifel die immer dichter werdende Vernetzung der Welt. Für einen - allerdings noch kleinen - Teil der Menschheit ist das Internet zum globalen Kommunikationsmittel geworden, und das mobile Telefon kennt, was die potenzielle Erreichbarkeit anbelangt, kaum noch weiße Flecken auf der Weltkarte. Die Existenz einer global economy ist nicht mehr zu übersehen, Finanzmarktinformationen und Finanzströme fließen längst im Bruchteil von Sekunden um den Globus.

Nicht erst seit der Wiedervereinigung gilt die Bundesrepublik Deutschland im europäischen und internationalem Rahmen als wichtiger Partner. Sie ist ein bedeutender und auch ein angesehener global player. Doch aus der Idylle der Provinz wollen sich viele ihrer Bürger durch aktives Handeln oder gar durch Übernahme von Verantwortung in anderen Teilen der Welt nicht herausreißen lassen. "Wichtige Debatten über internationale Fragen finden in Deutschland nicht oder kaum statt, man denke an die fehlende Diskussion über die sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts." [3] Dies scheint selbst die terroristische Attacke des 11. Septembers 2001 nicht nachhaltig verändert zu haben.

Es ist wohl noch immer eines der Symptome einer "Machtvergessenheit" der Nachkriegsdeutschen (Hans-Peter Schwarz), dass sie glauben, internationale Ordnungsfragen sollten vor allem zunächst von der amerikanischen Supermacht oder von anderen geregelt werden. Verantwortung als lead-nation, sofern vom Ausbildungs- und Ausrüstungsstand überhaupt möglich, zu übernehmen, fällt den Deutschen schwer.

Fußnoten

1.
Sultan Bin Salman al Saud, Statement, in: Kevin A. Kelly (Hrsg.) Im Auftrag der Association of Space Explorers, Der Heimatplanet, Frankfurt/M. 1988, S. 81.
2.
Claus Leggewie, Nach dem Fall: Globalisierung und ihre Kritik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52 - 53/2001, S. 18.
3.
Karl Lamers, Reif für die Herausforderung der Globa"lisierung? Über die Notwendigkeit einer global denkenden Elite, in: WeltTrends, (Winter 2000/2001) 29, S. 161.