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9.6.2002 | Von:
Wolfgang Hartenstein

Fünf Jahrzehnte Wahlen in der Bundesrepublik: Stabilität und Wandel

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich seit den fünfziger Jahren als ein stabiles politisches System erwiesen. Doch haben sich auch hierzulande erhebliche soziale und mentale Veränderungen vollzogen.

I. Konzentration und Erosion

Das politische System der Bundesrepublik hat sich als bemerkenswert stabil erwiesen. Im Verlaufe von 53 Jahren hat es nur fünf verschiedene Regierungskonstellationen mit insgesamt sieben Bundeskanzlern gegeben. In diesem Beitrag werden einige dieser Änderungen nachgezeichnet. [1]


Die für das deutsche Parteiensystem prägenden und in mancher Hinsicht bemerkenswertesten Vorgänge haben sich in den ersten beiden Jahrzehnten der Bonner Republik abgespielt:

- Der erste deutsche Bundestag 1949 zeigte eine Parteienvielfalt und Kräfteverhältnisse, die den Weimarer Reichstagen der späten zwanziger Jahre sehr ähnlich sahen: Keine Partei hatte auch nur ein Drittel der Wähler hinter sich. Alles deutete auf ein Vielparteiensystem mit je nach Wahlausgang wechselnden Koalitionen hin.

- Acht Jahre später errang mit der CDU/CSU eine Partei zum ersten und einzigen Mal bei einer demokratischen Wahl in Deutschland die absolute Mehrheit der Stimmen. Die Union, 1945 ganz neu gegründet, hatte sich als große konservative und überkonfessionelle Sammlungsbewegung durchgesetzt und in zwei großen Sprüngen ihren Stimmenanteil von 31 auf 50 Prozent steigern können.

- Ganz anders, aber nicht weniger spektakulär, verlief der Anstieg der Sozialdemokratie: Zwischen 1953 und 1972 hat sie bei jeder Bundestagswahl stetig um 3 bis 4 Prozentpunkte zulegen können, von 29 auf fast 46 Prozent, und damit sogar die Union überflügelt.

Zwischen 1961 und 1983 hat es im Bundestag nur drei Parteien gegeben: zwei große sowie eine kleine, die zweimal für einen Regierungswechsel sorgte. In den siebziger Jahren konnten die beiden Volksparteien über 90 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen. Die Beteiligung an Bundestagswahlen lag regelmäßig bei 90 Prozent oder darüber. Diese Phase der extremen Stabilität, ja Unbeweglichkeit der Parteienlandschaft ist Mitte der achtziger Jahre zu Ende gegangen. Seitdem hat sich die Parteienlandschaft stark verändert, sie ist bunter und unübersichtlicher geworden.

Seit 1983 sind regelmäßig vier, seit 1990 fünf Parteien im Bundestag vertreten. Die beiden großen Parteien können jetzt nur noch drei von vier Wählern (nicht mehr neun von zehn) für sich gewinnen. Für Randgruppen mit wenig Chancen auf parlamentarische Vertretung votieren mittlerweile sechs Prozent der Wähler (nicht nur ein Prozent wie in den siebziger und achtziger Jahren). Die Wahlbeteiligung sinkt ständig und z.T. beträchtlich: bei Bundestagswahlen auf unter 80, bei Landtagswahlen auf teilweise unter 60, bei Europawahlen auf unter 50 Prozent.

Was hat diese Veränderungen in Wählerstruktur, Wählerverhalten und Wählermotivation verursacht? Was waren die Folgen?

Fußnoten

1.
Die hier skizzierten Trends im Wählerverhalten sind ausführlich beschrieben und empirisch untermauert in einer Studie des Verfassers "Den Wählern auf der Spur", die kürzlich im Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert, erschienen ist. In dem Buch werden außerdem Parteienentwicklung und Regierungsformen in Bund und Ländern seit 1949 analysiert sowie Modalitäten und Wirkungsweise unseres Wahlrechts erläutert.