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9.6.2002 | Von:
Dieter Weiss

Europa und die arabischen Länder Krisenpotenziale im südlichen Mittelmeerraum

Die arabischen Länder sind im internationalen Entwicklungs- und Technologiewettlauf selbst gegenüber den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas zurückgefallen. Die Gründe sind verfehlte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitiken.

"Schurkenstaaten" und die "Achse des Bösen"

"Krieg gegen die Taliban - kein Krieg gegen die Muslime", so lautete die gängige westliche Rhetorik. Nur war sie bei den Bevölkerungsmehrheiten in der arabisch-islamischen Welt nicht glaubwürdig. Seit der Rede des amerikanischen Präsidenten zur Lage der Nation vom 29. Januar 2002 hören sie: "Our case is just, and it continues . . . Our war against terror is just beginning." Nord-Korea, Iran und Irak "constitute an axis of evil . . . I will not wait on events, while dangers gather. I will not stand by, as peril draws closer and closer." [1]


Die Weltwahrnehmung der Bevölkerungen in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ist eine andere. Die dortigen Reaktionen könnten dramatisch werden, wenn es zu einer Ausweitung der militärischen Aktionen auf weitere islamische "Schurkenstaaten" kommen sollte - Syrien, Sudan, Irak, Somalia? Die arabischen Partner der Anti-Terror-Koalition und die Türkei haben deutliche Zurückhaltung signalisiert, denn sie haben den wachsenden Zorn der Straße zu fürchten. Für die innenpolitische Stabilität in den arabischen Ländern verheißt dies nichts Gutes. Die Europäische Union könnte sich bald mit neuen Krisenherden an ihrer Mittelmeer-Südflanke konfrontiert sehen.

Unsere arabischen Nachbarn bieten ein verwirrendes Spektrum von anhaltender ökonomischer Unterentwicklung und sozialer Verelendung. Insbesondere in den Slumgürteln der urbanen Ballungsräume wachsen die politischen Spannungen. Oppositionelle Bewegungen bedienen sich dabei fundamentalistischer Parolen - je unreflektierter, desto massenwirksamer: "Der Islam ist die Lösung", lautet der Kampfruf aus den Moscheen. "Gute Musliminnen sein, wird uns von unseren Problemen befreien", hört man von Studentinnen an den Universitäten.

Fußnoten

1.
US Department of State, Washington File, 29. January 2002, Transcript: President Bush"s State of the Union Address, http://usinfo.state.gov.