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9.6.2002 | Von:
Dieter Weiss

Europa und die arabischen Länder Krisenpotenziale im südlichen Mittelmeerraum

Unbefriedigende Reformansätze

Auslöser ist die desolate wirtschaftliche Situation und der Mangel an Lebensperspektiven. Sie sind Folge der verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitiken der vergangenen Jahrzehnte. Dies gilt für die früheren staatssozialistischen Ansätze (z. B. in Algerien, Ägypten, Syrien) ebenso wie für die Feudalregime (z. B. Marokko, Jordanien), für Erdöl- wie für Nicht-Erdöl-Staaten. Vielfach kam es zu einer fatalen Gemengelage planwirtschaftlicher und marktwirtschaftlicher Elemente ohne den angemessenen Einsatz der jeweils dazugehörigen Steuerungsinstrumente: Planwirtschaft ohne effektive zentrale Kontrolle, Marktwirtschaft ohne den dafür erforderlichen institutionellen Rahmen wie Rechtssicherheit, eine unabhängige Justiz und eine weisungsungebundene Zentralbank.

Auch die neueren Reformversuche in Richtung auf "marktfreundlichere" Politiken seit den achtziger Jahren, üblicherweise im Geberkonzert unter Federführung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, blieben ausnahmslos hinter den Erwartungen zurück. Denn nirgendwo bildeten sich durchsetzungsfähige Reformkoalitionen. Die bisherigen Machteliten - von der politischen Führung über die Beamtenapparate, die Staatsbetriebe bis zu den staatlich kontrollierten Gewerkschaften und der Armee als vorhersehbare Reformverlierer [2] - erwiesen sich in der Regel als stärker gegenüber den potenziellen Reformgewinnern.

Die Folge ist, dass die arabische Welt mit Ausnahme einiger Erdölemirate im internationalen Entwicklungswettlauf mit den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas zurückgeblieben ist und weiter zurückfällt. Nur Subsahara-Afrika weist noch unbefriedigendere Ergebnisse auf. So liegt das Pro-Kopf-Einkommen für Singapur über 24 700 US-Dollar, für Südkorea bei 8 910 US-Dollar, für Malaysia bei 3 380 US-Dollar, für Thailand bei 2 010 US-Dollar. Für Ägypten, das industriell am weitesten entwickelte arabische Land, aber beträgt es nur 1 490 US-Dollar, für Marokko 1 180 US-Dollar, für Syrien 990 US-Dollar, für den Sudan unter 300 US-Dollar und für Burundi 110 US-Dollar. Für die drei größten lateinamerikanischen Länder Argentinien, Brasilien und Chile lauten die Werte 7 440, 3 570 bzw. 4 600 US-Dollar [3] . Die Anzahl der Personalcomputer pro tausend Einwohner beträgt in Südkorea 132, in Malaysia 43, in Thailand 28, aber in Jordanien und Tunesien nur je 7, in Ägypten 6, in Algerien 3, in Marokko 2 und in Syrien 1,4.

Den Herausforderungen der Globalisierung stehen die arabischen Länder unvorbereitet gegenüber. Zentrale Verteilungskonflikte um Land, Wasser und Energieressourcen sind in der Region ungelöst. Keine Entwicklungsregion erlebte so viele militärische Konfrontationen: neben dem palästinensisch-israelischen Dauerkonflikt den Irak-Iran-Krieg, den zweiten Golfkrieg gegen den Irak, die Kämpfe um Spanisch-Sahara, die Bürgerkriege im Jemen, im Libanon und in Algerien. Im Durchschnitt werden jährlich rd. 15 Prozent der Bruttosozialprodukte für Militärausgaben verwandt.

Dabei wird das wichtigste Produktivitätspotenzial beharrlich vernachlässigt: das Humankapital und seine Innovationsfähigkeit. Forschung, Entwicklung und technologische Innovation verlangen nicht nur Geld, sondern vor allem auch Entfaltungsspielräume. Das bedeutet Freiheit des kritischen Denkens und politisch-gesellschaftliche Spielräume für Kreativität. Eben diese werden aber von den autoritär-paternalistischen Herrschaftssystemen verweigert. Die Bildungssysteme sind quantitativ aufgebläht, aber qualitativ desolat. Vorherrschender Lernstil ist immer noch das mechanische Auswendiglernen.

Ein wesentliches Entwicklungshemmnis ist die Analphabetenrate: 52 Prozent in Marokko, 45 Prozent in Ägypten, 33 Prozent in Algerien, 30 Prozent in Tunesien, 26 Prozent in Syrien. Demgegenüber liegt Korea bei zwei Prozent, die Philippinen und Thailand bei je fünf, Malaysia bei 13 Prozent. [4] Hier liegt die wesentliche Ursache des ost- und südostasiatischen Entwicklungserfolgs und der Stagnation der arabischen Welt. Besonders fatal ist die noch höhere Analphabetenrate der Frauen (in Marokko bei 60 Prozent) sowie deren Behinderungen bei der Ausübung beruflicher Tätigkeiten außerhalb der häuslichen Sphäre. Mütter, die nicht lesen und schreiben können, geben ihren Kindern solche Fähigkeiten nicht weiter. Die niedrige Einschulungsquote für Mädchen im ländlichen Bereich ist deshalb einer der aussagekräftigsten internationalen Entwicklungsindikatoren.

Fußnoten

2.
Vgl. Dieter Weiss/Ulrich G. Wurzel, The Economics and Politics of Transition to an Open Market Economy - Egypt, Paris 1998 (französisch: Environnement économique et politique de transition vers l"économie de marché - L"Egypte), S. 190Äf.; Ulrich G. Wurzel, Ägyptische Privatisierungspolitik 1990 bis 1998, Münster 1999, S. 194Äf.
3.
Vgl. World Bank, World Development Report 2002, Building Institutions for Markets, Washington, D.ÄC. 2002, S. 232-233.
4.
Vgl. ebd.