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9.6.2002 | Von:
Dieter Weiss

Europa und die arabischen Länder Krisenpotenziale im südlichen Mittelmeerraum

Soziale Frustrationen und Islamischer Fundamentalismus

Trotz des Rückgangs der Geburtenraten werden sich die Bevölkerungen im südlichen Mittelmeerraum in den nächsten dreieinhalb Jahrzehnten nochmals verdoppeln. Wachsende soziale Spannungen sind damit vorprogrammiert. In Algerien, Ägypten, Syrien und Jordanien stellen die Jugendlichen 60-80 Prozent der Arbeitslosen. Frustationen über fehlende Lebensperspektiven entladen sich immer wieder gewalttätig. Nach dem entwicklungspolitischen Scheitern der Großideologien des Arabischen Nationalismus, des Panarabismus und des Arabischen Sozialismus [5] bedient man sich nun religiöser Symbole. Man sucht Rückversicherung im Glauben, Bestätigung der eigenen kulturellen Identität und Wiedergewinnung der Selbstachtung.

Während der letzten zwei Jahrhunderte war diese vom westlichen Kolonialismus untergraben worden, dies hatte bohrende Selbstzweifel ausgelöst. Verwirklichte doch der Westen zivilisatorisch, was der Orient hätte verwirklichen müssen, getreu der koranischen Offenbarung, die den Muslimen die triumphierende Stellung in der Welt verheißen hatte. [6] Zu dieser alten Wunde der Unterlegenheit gegenüber dem Westen - einschließlich der verlorenen Kriege und der Etablierung des Staates Israel - gesellt sich seit den letzten drei Jahrzehnten die noch viel demütigendere Bedrängung durch den Fernen Osten. Die arabischen Massen suchen angesichts solcher Verunsicherungen, die in krassem Widerspruch zum göttlich offenbarten Wort und seiner Verheißung stehen, verbindlich erscheinende und Halt gebende Regeln für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die im Grundverständnis des Islam ja eine unauflösliche Einheit mit der Religion bilden, was Säkularisierungsprozesse immer wieder blockiert hat. [7]

In der internationalen Konkurrenzsituation vor allem auch mit den Schwellenländern anderer Weltregionen ringt man in der muslimischen Welt um eine tragfähige Interpretation von Koran und Sunna, der überlieferten Lebenspraxis des Propheten Mohammed als Staatslenker in Medina, die als Vorbild und Richtschnur rechten Handelns gilt. Dies soll auch "islamischen" Volkswirtschaften [8] ermöglichen, sich den Anforderungen der globalisierten Weltwirtschaft erfolgversprechend zu stellen. Tatsächlich aber blieben Ansätze einer islamischen Wirtschaftsordnung - wie im Sudan, im Iran, in Pakistan und Algerien - wenig überzeugend. Sie beschränkten sich auf die Einführung einiger weniger, als islamisch geltender Elemente wie der Almosensteuer Zakat und der Abschaffung des Zinses, an dessen Stelle verschiedene Formen der Gewinnbeteiligung traten.

Weitere Herausforderungen ergeben sich aus den ökologischen Veränderungen und dem zunehmenden Wassermangel, die ebenfalls einen wachsenden Migrationsdruck ausüben: von den Sahelländern auf Nordafrika, und von dort weiterwirkend auf Europa.

Fußnoten

5.
Vgl. Dieter Weiss, Wirtschaftliche Entwicklungsplanung in der Vereinigten Arabischen Republik, Köln - Opladen 1964, S. 252Äf.
6.
Vgl. Walther Braune, Der islamische Orient zwischen Vergangenheit und Zukunft, Bern 1960, S. 166Äf.
7.
Vgl. dazu kritisch Johannes Reissner, Vom Umgang mit Islam und Muslimen, Berlin 2002, S. 9.
8.
Vgl. Steffen Wippel, Islamische Wirtschafts- und Wohlfahrtseinrichtungen in Ägypten zwischen Markt und Moral, Münster 1996, S. 89Äf.; Dieter Weiss, Aspekte der Re-Islamisierung der Wirtschaft im arabisch-islamischen Orient, in: Zeitschrift für Kulturaustausch, 35 (1985) 4, S. 469-480; ders., Towards an Islamic Economy - Cultural Identity, Binding Rules and the Struggle for a Workable Interpretation, in: Economics, 33 (1986), S. 21-37; ders., Islamische Bewegungen im Nahen Osten und in Nordafrika. Reaktionen der deutschen Entwicklungspolitik, Berlin 1998, S. 5Äf.