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9.6.2002 | Von:
Dieter Weiss

Europa und die arabischen Länder Krisenpotenziale im südlichen Mittelmeerraum

Die strategische Chance einer euro-arabischen Partnerschaftsuniversität

Eine zentrale Rolle käme der Stützung eines leistungsfähigen, qualitativ hochwertigen, kritischem und innovativem Denken gegenüber offenen Bildungswesens im primären, sekundären und tertiären Bereich [9] zu. Eine strategische Funktion dabei hätte eine euro-arabische Partnerschaftsuniversität. Es ginge um ein Angebot technischer, betriebs- und volkswirtschaftlicher Studiengänge auf internationalem Niveau sowie um gemeinsame euro-arabische Forschungsvorhaben mit Bezug zu den drängenden Fragen, die sich der arabischen Welt heute in allen Bereichen stellen.

Solche Angebote wären zu verknüpfen mit euro-arabischen Dialogforen, die es ermöglichen, unterschiedliche Wissens- und Wissenschaftstraditionen zu diskutieren. Das jährliche Finanzvolumen wäre durchaus übersehbar. Es entspräche etwa den Kosten der technischen Sanierung und Modernisierung von drei Düngemittelfabriken, wie wir sie routinemäßig in der bilateralen deutschen Finanziellen Zusammenarbeit problemlos durchführen. Die Entwicklungsimpulse einer euro-arabischen Partnerschaftsuniversität im Sinne der Beeinflussung, Ermutigung und Abstützung der arabischen geistigen Eliten wären hingegen unvergleichlich tiefgreifender und nachhaltiger. [10]

In diesem Rahmen könnte sich auch ein vertrauenvoller Dialog über zahlreiche drängende Herausforderungen entfalten - beginnend bei den unübersehbaren Problemen der ökologischen Veränderungen und ihren Folgewirkungen auf die geographischen Verschiebungen heutiger Siedlungsgebiete und den damit entstehenden internen und grenzüberschreitenden Wanderungsbewegungen.

Fußnoten

9.
Beispielhaft beschreibt die Historikerin und Romanautorin Assia Djebar, erste algerische Absolventin der Pariser Ecole Normale Supérieure, die Lage: "Die drei Jahre nach der Unabhängigkeit 1962-65 waren glückliche Jahre für mich. Die Universität war weltoffen, wir konnten uns nachts ungehindert in der Stadt bewegen, wir haben das Leben genossen. Aber schon 1963 wurde der erste Riegel vorgeschoben. Ich erinnere mich an die Sitzung einer Kommission unter dem Vorsitz des Erziehungsministers, in der es um die Geschichtsbücher ging. Man beschloß, künftig zwei Versionen herzustellen, eine französische und eine arabische, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich unterscheiden sollten. Ich habe mich gemeldet und gegen die Verbreitung von zwei verschiedenen Wahrheiten protestiert. Da die Herren keine Gegenargumente hatten, wurde mein Einwand mit Schweigen übergangen. Daraufhin habe ich gesagt: ,Herr Minister, wenn meine Meinung so wenig zählt, habe ich hier nichts mehr verloren.` Und bin gegangen. Ich habe dann noch zwei Jahre weiter unterrichtet, bin aber 1965 nach Frankreich zurückgekehrt. Ich hatte begriffen, daß sich hinter der Arabisation andere Absichten versteckten . . . Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den arabischen Geschichtsbüchern wurde die vorislamische Periode - die Numider, die Römer, die Chris"ten, zu denen Augustinus gehörte - als Epoche der Unwissenheit vorgestellt. Wie soll man mit Abiturienten, die mit einem so primitiven Geschichtsbild an die Universität kommen, historische Kritik betreiben? Ein solches Geschichtsbild ist schwer zu korrigieren. Die Studenten sagen: Das ist eine frankophone Araberin, was weiß die schon? Man hat die Geschichte vernebelt, die Geister vernebelt, und am Ende hat man Intoleranz und Dogmatismus." Der Tagesspiegel vom 21.10.2000. Vgl. auch Dieter Weiss, Die arabische Welt vor einer neuen wissenschaftlich-technischen Kommunikationskrise?, in: Orient, 27 (1986) 3, S.'377-394.
10.
Vgl. Dieter Weiss, Zur Verstärkung der wissenschaftlichen Kooperation mit Entwicklungsländern. Stützung innovativer Eliten, Nachkontakte, Gemeinsame Forschungsprojekte, Auffangpositionen in Phasen politischer Unruhen, Interkulturelle Dialogforen. Eine Rolle für EU-Partnerschaftshochschulen, Berlin 2001, S. 8Äf.