Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Gabriele Dürbeck

Das Anthropozän Erzählen: fünf Narrative

Der Begriff "Anthropozän" bezeichnet ein neues geologisches Zeitalter, in dem die Menschheit den dominanten geophysikalischen Einfluss auf das Erdsystem hat und daraus die Verantwortung des Menschen für die Zukunft des Planeten abgeleitet wird. Das Konzept enthält zugleich eine Aufforderung, die Stellung des Menschen zur Natur und im Kosmos neu zu bestimmen und verantwortlich mit den begrenzten natürlichen Ressourcen umzugehen. Die Debatte um die Bedingungen, Reichweite und Grenzen der menschlichen Handlungsmacht hat in relativ kurzer Zeit sehr unterschiedliche, zum Teil einander widersprechende Geschichten hervorgebracht, in denen verschiedenartige Interessen und Werthaltungen artikuliert werden und die deshalb von erheblicher politischer Relevanz sind.

Der Atmosphärentechniker und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer führten den Anthropozän-Begriff vor 18 Jahren in die umweltwissenschaftliche Debatte ein,[1] um die gravierenden Auswirkungen des anthropogenen, also menschlich beeinflussten Klimawandels im planetarischen Maßstab zu fassen. Mit der Bezeichnung soll signalisiert werden, dass das Holozän – die seit fast zwölf Jahrtausenden andauernde Warmzeit mit relativ stabilen Umweltbedingungen, durch die die Entstehung und Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst ermöglicht wurde – zu Ende ist. 2002 legte Crutzen in einem inzwischen vielfach zitierten Artikel der renommierten Zeitschrift "Nature" nach: "In den vergangenen drei Jahrhunderten haben die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt massiv zugenommen. Durch die anthropogenen CO2-Emissionen könnte das globale Klima für viele Jahrtausende erheblich von seiner natürlichen Entwicklung abweichen. Es scheint daher angebracht, die gegenwärtige, in vielerlei Hinsicht menschlich dominierte geologische Epoche als 'Anthropozän' zu bezeichnen."[2]

Der drastische Anstieg des CO2-Austoßes seit der Industriellen Revolution und die verheerenden Effekte menschlicher Aktivitäten auf das globale Klima haben das Erdsystem tiefgreifend verändert. Die Vorstellung einer widerstandskräftigen, sich nur langsam und vorhersehbar wandelnden Natur wird dadurch obsolet.[3] Nach Berechnungen des Kulturgeografen Erle C. Ellis sind mittlerweile mindestens 75 Prozent der bewohnbaren Erdoberfläche von Menschen überformte Natur, die Ellis als "Anthrome" – abgeleitet von Biomen, ökologischen Großlebensräumen – bezeichnet.[4] Demnach ist "Natur" mittlerweile in großem und planetarem Maßstab eine anthropogene, vom Menschen kulturell und technisch überformte Natur: Erdsystem und Menschheit lassen sich nicht mehr getrennt voneinander denken, der Mensch ist zum geologischen Faktor geworden.

Das Konzept des Anthropozän hat in den vergangenen Jahren eine rasche Ausbreitung in den verschiedensten Wissenschaften erfahren – von der Geologie und den Umweltsystemwissenschaften über die Sozialökonomie, die Rechts-, Sozial- und Politikwissenschaften bis in die Archäologie, Philosophie, Theologie sowie die Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaften. Längst ist aus der ursprünglichen These ein nur noch schwer überschaubares, interdisziplinäres Diskursgeflecht entstanden, in dem das Anthropozän Brückenkonzept zwischen verschiedenen Wissenschaften, Querschnittsaufgabe für Wissenschaft und Gesellschaft sowie Reflexionsbegriff für das Verhältnis von Mensch und Natur ist.[5]

Die Idee einer neuen Erdepoche hat durch Medien, popularisierende Wissenschaftskommunikation und zahlreiche Dokumentarfilme inzwischen auch eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Die britische Wochenzeitschrift "The Economist" etwa titelte am 11. Mai 2011 programmatisch: "Welcome to the Anthropocene",[6] und dieses "Willkommen im Anthropozän" war auch Thema einer gemeinsam mit dem Rachel Carson Center entwickelten Ausstellung im Deutschen Museum München (2014–2016). Etwa gleichzeitig fand im Haus der Kulturen der Welt in Berlin unter Crutzens Schirmherrschaft ein groß angelegtes, über wissenschaftliche Grenzen hinausgehendes "Anthropozän-Projekt" (2013–2014) statt, inzwischen fortgesetzt mit "Technosphere" (2015–2019) und den "Anthropocene Lectures" (2017–2018). Auch die Ausstellung "We Are Nature: Living in the Anthropocene" (2017–2018) im Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh erkundet die wechselseitige Beziehung von Mensch und Natur.

Die breite Resonanz in den Medien und der Öffentlichkeit zeigt, dass das ursprünglich geologische Konzept zugleich als "kulturelles Konzept" fungiert, indem es "etablierte Grenzlinien auf vielen verschiedenen Ebenen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (…) unscharf"[7] werden lässt und die menschliche Kulturtätigkeit in ihren gravierenden Auswirkungen auf die Natur durch neue Erzählungen in eine andere Perspektive rückt.

Mittlerweile hat sich in den Wissenschaften und medialen Öffentlichkeiten ein vielstimmiger, zum Teil kontroverser Diskurs um den Begriff des Anthropozän entwickelt. Um hier eine bessere Orientierung zu erhalten und die umweltpolitischen Implikationen zu verstehen, ist es hilfreich, die Beiträge zu diesem Diskurs als Narrative aufzufassen, das heißt als erzählerisch strukturierte Geschichten, die der gesellschaftlichen und politischen Sinnstiftung dienen. Im Folgenden stelle ich zunächst kurz das Konzept des Anthropozän vor und zeige, dass es – auch wenn es aus der Wissenschaft kommt – eine narrative Struktur hat. Darauf aufbauend werden fünf verschiedene Narrative des Anthropozän unterschieden und diskutiert.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul J. Crutzen/Eugene F. Stoermer, The "Anthropocene", in: Global Change Newsletter 41/2000, S. 17f.
2.
Paul J. Crutzen, Geology of Mankind, in: Nature 415/2002, S. 23 (eigene Übersetzung).
3.
Vgl. Clive Hamilton, The Theodicy of the "Good Anthropocene", in: Environmental Humanities 7/2015, S. 233–238.
4.
Vgl. Erle C. Ellis/Navin Ramankutty, Putting People in the Map: Anthropogenic Biomes of the World, in: Frontiers in Ecology and the Environment 6/2008, S. 439–447, hier S. 445.
5.
Vgl. Gabriele Dürbeck, Das Anthropozän in geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, in: dies./Urte Stobbe (Hrsg.), Ecocriticism. Eine Einführung, Köln 2015, S. 107–119.
6.
Siehe http://www.economist.com/node/18744401«.
7.
Helmuth Trischler, The Anthropocene. A Challenge for the History of Science, Technology, and the Environment, in: NTM – Journal of the History of Science, Technology, and Medicine 3/2016, S. 309–335, hier S. 318 (eigene Übersetzung).
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Autor: Gabriele Dürbeck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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