Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.
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18.5.2018 | Von:
Gabriele Dürbeck

Das Anthropozän Erzählen: fünf Narrative

Der Begriff "Anthropozän" bezeichnet ein neues geologisches Zeitalter, in dem die Menschheit den dominanten geophysikalischen Einfluss auf das Erdsystem hat und daraus die Verantwortung des Menschen für die Zukunft des Planeten abgeleitet wird. Das Konzept enthält zugleich eine Aufforderung, die Stellung des Menschen zur Natur und im Kosmos neu zu bestimmen und verantwortlich mit den begrenzten natürlichen Ressourcen umzugehen. Die Debatte um die Bedingungen, Reichweite und Grenzen der menschlichen Handlungsmacht hat in relativ kurzer Zeit sehr unterschiedliche, zum Teil einander widersprechende Geschichten hervorgebracht, in denen verschiedenartige Interessen und Werthaltungen artikuliert werden und die deshalb von erheblicher politischer Relevanz sind.

Der Atmosphärentechniker und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer führten den Anthropozän-Begriff vor 18 Jahren in die umweltwissenschaftliche Debatte ein,[1] um die gravierenden Auswirkungen des anthropogenen, also menschlich beeinflussten Klimawandels im planetarischen Maßstab zu fassen. Mit der Bezeichnung soll signalisiert werden, dass das Holozän – die seit fast zwölf Jahrtausenden andauernde Warmzeit mit relativ stabilen Umweltbedingungen, durch die die Entstehung und Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst ermöglicht wurde – zu Ende ist. 2002 legte Crutzen in einem inzwischen vielfach zitierten Artikel der renommierten Zeitschrift "Nature" nach: "In den vergangenen drei Jahrhunderten haben die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt massiv zugenommen. Durch die anthropogenen CO2-Emissionen könnte das globale Klima für viele Jahrtausende erheblich von seiner natürlichen Entwicklung abweichen. Es scheint daher angebracht, die gegenwärtige, in vielerlei Hinsicht menschlich dominierte geologische Epoche als 'Anthropozän' zu bezeichnen."[2]

Der drastische Anstieg des CO2-Austoßes seit der Industriellen Revolution und die verheerenden Effekte menschlicher Aktivitäten auf das globale Klima haben das Erdsystem tiefgreifend verändert. Die Vorstellung einer widerstandskräftigen, sich nur langsam und vorhersehbar wandelnden Natur wird dadurch obsolet.[3] Nach Berechnungen des Kulturgeografen Erle C. Ellis sind mittlerweile mindestens 75 Prozent der bewohnbaren Erdoberfläche von Menschen überformte Natur, die Ellis als "Anthrome" – abgeleitet von Biomen, ökologischen Großlebensräumen – bezeichnet.[4] Demnach ist "Natur" mittlerweile in großem und planetarem Maßstab eine anthropogene, vom Menschen kulturell und technisch überformte Natur: Erdsystem und Menschheit lassen sich nicht mehr getrennt voneinander denken, der Mensch ist zum geologischen Faktor geworden.

Das Konzept des Anthropozän hat in den vergangenen Jahren eine rasche Ausbreitung in den verschiedensten Wissenschaften erfahren – von der Geologie und den Umweltsystemwissenschaften über die Sozialökonomie, die Rechts-, Sozial- und Politikwissenschaften bis in die Archäologie, Philosophie, Theologie sowie die Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaften. Längst ist aus der ursprünglichen These ein nur noch schwer überschaubares, interdisziplinäres Diskursgeflecht entstanden, in dem das Anthropozän Brückenkonzept zwischen verschiedenen Wissenschaften, Querschnittsaufgabe für Wissenschaft und Gesellschaft sowie Reflexionsbegriff für das Verhältnis von Mensch und Natur ist.[5]

Die Idee einer neuen Erdepoche hat durch Medien, popularisierende Wissenschaftskommunikation und zahlreiche Dokumentarfilme inzwischen auch eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Die britische Wochenzeitschrift "The Economist" etwa titelte am 11. Mai 2011 programmatisch: "Welcome to the Anthropocene",[6] und dieses "Willkommen im Anthropozän" war auch Thema einer gemeinsam mit dem Rachel Carson Center entwickelten Ausstellung im Deutschen Museum München (2014–2016). Etwa gleichzeitig fand im Haus der Kulturen der Welt in Berlin unter Crutzens Schirmherrschaft ein groß angelegtes, über wissenschaftliche Grenzen hinausgehendes "Anthropozän-Projekt" (2013–2014) statt, inzwischen fortgesetzt mit "Technosphere" (2015–2019) und den "Anthropocene Lectures" (2017–2018). Auch die Ausstellung "We Are Nature: Living in the Anthropocene" (2017–2018) im Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh erkundet die wechselseitige Beziehung von Mensch und Natur.

Die breite Resonanz in den Medien und der Öffentlichkeit zeigt, dass das ursprünglich geologische Konzept zugleich als "kulturelles Konzept" fungiert, indem es "etablierte Grenzlinien auf vielen verschiedenen Ebenen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (…) unscharf"[7] werden lässt und die menschliche Kulturtätigkeit in ihren gravierenden Auswirkungen auf die Natur durch neue Erzählungen in eine andere Perspektive rückt.

Mittlerweile hat sich in den Wissenschaften und medialen Öffentlichkeiten ein vielstimmiger, zum Teil kontroverser Diskurs um den Begriff des Anthropozän entwickelt. Um hier eine bessere Orientierung zu erhalten und die umweltpolitischen Implikationen zu verstehen, ist es hilfreich, die Beiträge zu diesem Diskurs als Narrative aufzufassen, das heißt als erzählerisch strukturierte Geschichten, die der gesellschaftlichen und politischen Sinnstiftung dienen. Im Folgenden stelle ich zunächst kurz das Konzept des Anthropozän vor und zeige, dass es – auch wenn es aus der Wissenschaft kommt – eine narrative Struktur hat. Darauf aufbauend werden fünf verschiedene Narrative des Anthropozän unterschieden und diskutiert.

Konzept und Periodisierung

Obgleich das Konzept des Anthropozän im Jahr 2000 in der Wissenschaft etabliert worden ist, gibt es bereits im späten 19. und 20. Jahrhundert eine Reihe von Vorläuferkonzepten wie die "era anthropozoica" (1873, Antonio Stoppani), das "psychozoic era" (1877, Joseph Le Conte), die Rede vom "Menschen als einem geologischen Agenten" (1913, Vladimir I. Vernadsky) oder die Idee eines "anthropogene" (1922, Alexei Pavlov), eines "anthrocene" (1992, Andrew C. Revkin) beziehungsweise eines "Anthropozoikum" (1995, Hubert Markl).[8]

Seit 2009 berät eine 38-köpfige interdisziplinär zusammengesetzte Anthropozän-Arbeitsgruppe der International Commission on Stratigraphy (ICS) unter der Leitung des Paläobiologen Jan Zalasiewicz darüber, das Anthropozän als neue geologische Epoche auszurufen. Auch wenn eine endgültige Entscheidung und die vollständige wissenschaftliche Absicherung der Hypothese durch robuste stratigrafische Daten, das heißt den Nachweis menschlicher Spuren in den geologischen Gesteinsschichten, noch ausstehen, wurde im August 2016 ein erster Meilenstein erreicht. Auf dem 35. Kongress der Geological Society wurde mit einer klaren Mehrheit der Arbeitsgruppe verkündet, dass wir uns jetzt im Anthropozän befinden.[9] Prominente Wissenschaftler weisen dieser Hypothese einen vergleichbaren Stellenwert zu wie Galileis kosmologischer Revolution, Darwins Evolutionstheorie oder Freuds Psychoanalyse.[10]

Auffallend ist, dass in einem Großteil der Publikationen eine Datierung des Beginns der neuen geologischen Epoche erörtert wird. Nicht durchgesetzt hat sich die Annahme, das Anthropozän bestehe seit der neolithischen Revolution vor rund 11.700 Jahren. Die drei derzeit meistdiskutierten Marker für den Beginn der neuen Erdepoche sind: a) das Jahr 1610 aufgrund der bereits ein Jahrhundert nach der Eroberung Nord- und Südamerikas massiven Veränderungen des Landes;[11] b) die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt um 1784 und die dadurch ausgelöste Industrielle Revolution im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert;[12] und c) der "Eintritt ins Nuklearzeitalter" mit der Phase der Hochindustrialisierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die wegen der exponentiell ansteigenden sozioökonomischen Trends auch als "great acceleration" bezeichnet wird.[13] Letzteres wird von Naturwissenschaftlern als die überzeugendste Datierung angesehen.[14]

Neben dem Niederschlag von radioaktivem Material in der Atmosphäre infolge von Atomwaffentests gehören unter anderem der weltweite Gebrauch von synthetisierten Düngemitteln, die Ausbreitung von Aluminium, Schwermetallen, Technofossilien und Plastik, besonders in Form von Mikroplastikteilchen, die die regionalen Gewässer und Weltmeere verschmutzen und in die Nahrungskette gelangen, zu weiteren Faktoren, die nach Tausenden von Jahren noch in den Sedimenten nachweisbar sein werden. Die geologische Datierung des Anthropozän auf die Zeit der signifikanten "großen Beschleunigung" seit 1950 wird mit dem Ruf nach einem verantwortungsvollen Handeln verbunden. Doch besteht eine bedeutende Lücke zwischen dieser recht abstrakten Verantwortung für eine unüberschaubare Zukunft und der Mobilisierung von Individuen, Gruppen, Staaten oder gar einer Weltgemeinschaft.

Bemerkenswert ist nun, dass das Anthropozän in den wissenschaftlichen Texten und Medien häufig als ein Narrativ präsentiert wird, also als eine Erzählung mit Protagonisten, Ereigniskette und Plot mit Ursache-Wirkungs-Verhältnissen sowie einer spezifischen räumlichen und zeitlichen Struktur, die der Sinnstiftung dienen. Der Protagonist dieser Geschichte ist durchaus ungewöhnlich – es ist nämlich die menschliche Spezies. Damit erscheint das Anthropozän als ein Narrativ, das erstens die Menschheit als geophysikalische Kraft begreift, zweitens eine tiefenzeitliche Zeitdimension aufweist, drittens eine planetarische Perspektive auf die globale Umweltkrise wirft, viertens eine Nicht-Trennbarkeit von Natur und Kultur annimmt und fünftens daraus eine ethische Verantwortung des Menschen für das Erdsystem ableitet.

Fünf Anthropozän-Narrative

Im politischen und gesellschaftlichen Diskurs dienen Narrative dazu, in der Komplexität der Fragestellungen eine sinnhafte Ordnung zu vermitteln und dadurch das Publikum zu mobilisieren. Dabei sind insbesondere drei erzählerische Elemente wichtig: der Plot, dessen Logik den Kern der Handlung bildet; die Darstellung von Opfern, Problemverursachern ("Schurken") und Problemlösern ("Helden"); und schließlich die Moral der Geschichte. Im politischen Diskurs erzeugen Geschichten mit Opfern unser Mitgefühl oder unsere Wut, Geschichten mit Schurken unsere Empörung und unseren Zorn, und Geschichten mit Helden unsere Bewunderung, Unterstützung und Nachahmung. Der Plot verknüpft Problemverursacher, Opfer und Problemlöser, und die Moral erklärt, was richtig und falsch ist. Die selektive Mobilisierung durch Narrative entspricht jeweils unterschiedlichen Interessen und Werthaltungen.[15]

In der Vielzahl von natur-, sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Veröffentlichungen lassen sich fünf Narrative des Anthropozän unterscheiden: das Katastrophen- beziehungsweise Apokalypsenarrativ, das Gerichtsnarrativ, das Narrativ der "Großen Transformation", das (bio-)technologische Narrativ sowie das Interdependenz-Narrativ.[16]

Das Katastrophennarrativ
Angesichts des Ausmaßes der weltweiten Umweltschäden stellen einige Autoren das Anthropozän als "Summe der ökologischen Frevel"[17] und den Menschen als Zerstörer beziehungsweise "Parasiten" unseres Planeten dar. In der Prägung des Begriffs des Anthropozän spricht der Kulturphilosoph Peter Sloterdijk von einer "apokalyptischen Logik"; für ihn ist die Idee des Anthropozän eine "Botschaft von nahezu unüberbietbarer moralisch-politischer Dringlichkeit", da der Mensch durch die Einsicht in die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen seine "kosmische Unbesorgtheit" verloren habe.[18] Auch der Wissenschaftshistoriker Christophe Bonneuil spricht von "an eco-catastrophic narrative" des Anthropozän.[19] Sein Fachkollege Jürgen Renn und der Philosoph Bernd Scherer betonen "angesichts apokalyptischer Bedrohungen" die Notwendigkeit des Handelns und fordern eine "Selbstreflexion" "anthropozänen Denken[s]".[20] Und die Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert hebt in ihrem mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Sachbuch "The Sixt Extinction" den drastischen Artenverlust unserer Zeit als zentrales Merkmal des Anthropozän hervor.[21]

Einige naturwissenschaftliche Vertreter der Anthropozän-Hypothese sehen das Überleben der gegenwärtigen wie der zukünftigen Zivilisation vor allem dann gefährdet, wenn die Befürworter einer fortgesetzten Wachstumsideologie ungehindert weitermachen,[22] und betonen die Möglichkeit, die Weichen im Rahmen der "planetary boundaries", der planetarischen Grenzen, neu zu justieren.[23]

Das Katastrophen-Narrativ stellt die Opfer in den Mittelpunkt, wobei betont wird, dass das Überleben des Menschen die Erhaltung des Planeten voraussetzt. Eine in verschiedenen Wissenschaften und Essays vorkommende Metapher ist die des "kranken Planeten", die sich schon bei Friedrich Nietzsche in seiner Schrift "Also sprach Zarathustra" (1891) findet, wenn er vom Menschen als "eine der Krankheiten der Erde" spricht.[24] Die pessimistische Sicht auf die conditio humana wird in dem Katastrophennarrativ aktualisiert. Zugleich erlaubt der Blick auf die eigene Kultur von einem antizipierten Ende her eine kritische Reflexion der Gegenwart und erfüllt damit eine moralische Appellfunktion, um die Menschheit als Verursacher der Probleme in die Pflicht zu nehmen und ein Umdenken für das zukünftige Handeln zur Erhaltung des Planeten anzumahnen.

Das Gerichtsnarrativ
Auch das Gerichtsnarrativ thematisiert die weitgehende Zerstörung des Planeten, stellt aber die Frage nach der Verursachung und Haftbarkeit für die Schäden in den Mittelpunkt. Der Plot entspricht dem Schema eines Whodunnit. Der Historiker Dipesh Chakrabarty hat darauf hingewiesen, dass die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels die Armen im Globalen Süden ungleich härter treffen und damit eine globale Diskrepanz der CO2-Emisionen und der Lastenverteilung des Klimawandels besteht.[25] Für viele Vertreter der Anthropozän-Hypothese steht zweifelsfrei fest, dass die Hauptverursacher die westlichen Industrienationen und ihre "technokratischen Elite[n]" sind, weshalb Sloterdijk auch von einem "Eurozän" oder einem "Technozän" spricht.[26] Alternativ wurde der Begriff des "Kapitalozäns" geprägt, da die Industrialisierung an das neuzeitliche Kapitalsystem und westliche Finanzmärkte gebunden ist.[27] Dabei werden die Ursachen der globalen Schäden im Kapitalismus als gesellschaftlich-wirtschaftliches Ordnungssystem verortet, dessen Vertreter Schuld und Verantwortung tragen. Die alternativen Benennungen verweisen dabei auf unterschiedliche Verursachergruppen und verschiedene Geschichten innerhalb des Gerichtsnarrativs.

Bei der Frage nach den Schuldigen und den erforderlichen politischen, technologischen, ökonomischen und sozialen Maßnahmen kommt hinzu, dass die Rede von der Menschheit ein Kollektivsubjekt annimmt, das als solches gar nicht handeln kann. Wenn also Crutzen, Steffen und weitere Mitglieder der Anthropozän-Arbeitsgruppe von einer "verantwortungsvollen Verwaltung des Erdsystems" ("a responsible stewardship of the earth system") sprechen,[28] müsste gemäß dem Prinzip einer "gemeinsame[n,] aber differenzierte[n] Verantwortung für die globale Erwärmung" genauer differenziert werden, wer für die Schäden aufkommen soll.[29] Wenn man die sozioökonomischen Entwicklungen der verschiedenen Länder hinsichtlich Bevölkerungsentwicklung, Düngemittelverbrauch, Bau großer Staudämme, Wasserkonsum, Papierherstellung, Transportsysteme und Telekommunikation und anderem mehr vergleicht, wird deutlich, dass "der größte Anteil des menschlichen Einflusses auf das Erdsystem aus der OECD-Welt kommt",[30] wenn auch China und Indien mittlerweile mächtig aufholen und damit in die aktuelle Verursachergruppe zu rechnen sind.

Das Narrativ von der Großen Transformation
Im Narrativ von der Großen Transformation ist ein Ausweg aus der globalen Umweltkrise noch möglich, sofern schnell gehandelt wird – es wird also die Lösung von Problemen unterstrichen und ein Plot mit hypothetischen Happy End dargestellt. Eine lebensfähige Zukunft für die nächsten Generationen soll durch eine Mischung aus "Verminderung" der Ursachen der Umweltzerstörung und "Maßnahmen der vernünftigen Anpassung" durch bessere Technologien und höhere Umwelteffizienz, notfalls auch durch verminderten Konsum, erreicht werden.[31]

Dieses Narrativ greift den Diskurs der ökologischen Modernisierung auf, für den namhafte Personen wie der Politikwissenschaftler Martin Jänicke oder Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgen (PIK) und langjähriges Mitglied des Weltklimarates, stehen. Die Moral ist hier, gemäß dem Vorsorgeprinzip mit effizienten und weitsichtigen Strategien die Schadensanfälligkeit und Verletzbarkeit einer sich rapide verändernden Umwelt zu minimieren und die technischen Innovationsprozesse auch in den Ländern des Globalen Südens nach dem Solidaritätsprinzip und dem "fair burden sharing" so zu gestalten, dass die ökologische Modernisierung weiterhin ökonomisches Wachstum ermöglicht und den Wohlstand gleichmäßiger verteilt.[32]

Das Narrativ der Großen Transformation beschreibt, wie die Funktionsfähigkeit der sozial-ökologischen Systeme stabilisiert werden kann. Dies solle durch die Beteiligung der Zivilgesellschaft und eine weitere Demokratisierung geschehen, sodass globale Maßnahmen nicht nur von oben – beziehungsweise erneut von den Industrienationen – verordnet, sondern zugleich in einer Bottom-up-Perspektive lokale Handlungsspielräume erschlossen werden. Bekannte Wortführer der Großen Transformation erzählen vom Umbau zu einer "verantwortungsvollen und nachhaltigen Gesellschaft" mit verändertem Konsumverhalten sowie von einer Modernisierung der Demokratie und Bürgerbeteiligung und sehen einen radikalen "Kulturwandel" vonnöten.[33] Insofern stehen in diesem Narrativ soziale und politische Lösungsstrategien im Vordergrund. Die Plausibilität der Erzählung hängt dabei von einer glaubhaften Verknüpfung von abstrakten Problemlagen mit konkretem Alltagshandeln ab. Zugleich wird das Verlangen nach neuen positiven Geschichten artikuliert, wie sie etwa in dem vielrezipierten Buch "Menschenzeit" des Wissenschaftsjournalisten Christian Schwägerl erzählt werden, in dem er der Menschheit, sofern sie als "höchst diverse, aber vernetzte Gemeinschaft von Erdgärtnern" handelt, noch eine "lange Zukunft" in Aussicht stellt.[34]

Das (bio-)technologische Narrativ
In gewissem Sinne ist das (bio-)technologische Narrativ eine Radikalisierung des Narrativs von der Großen Transformation, steht aber auch im Kontrast dazu. Einige Anthropozäniker propagieren Biofuturismus und neuartige (nicht nur grüne) Technologien mit starken biogeochemischen Eingriffen in die Bio- und Stratosphäre wie etwa dem Geoengineering. Wegen möglicher Nebenwirkungen ist das Geoengineering jedoch heftig umstritten. Auch sehen etliche in solchen erneuten (nun aber gewollten) Eingriffen in die Umwelt einen neoprometheischen, durch Unterwerfung geprägten Umgang mit der Natur und die Gefahr einer fortgesetzten Zerstörung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Systeme.[35]

Das fortschrittsoptimistische Narrativ bestimmt auch die Idee einer "Grünen Revolution 2.0", die die Probleme der Welternährung durch eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft, Protein-Ersatzstoffe und neuartige technisch hergestellte Lebensmittel lösen will. Allerdings setzt dies den Einsatz genetisch veränderten Saatguts (Soja, Weizen, Mais, Reis) voraus, was durch die Marktmacht weniger Firmen und einzelner Forschungsinstitute wiederum die Gefahr verstärkter ökonomischer und sozialer Ungleichheit hervorbringen könnte.

Eine ähnlich ambivalente Resonanz hat die "Ökobewegung 2.0", die insbesondere durch das "Ecomodernist Manifesto" aus dem industrienahen US-amerikanischen Breakthrough Institute hervorgetreten ist. Das 14-Punkte-Manifest verspricht "ein gutes, wenn nicht sogar großartiges Anthropozän"[36] mit Wohlstand für alle Menschen bei hoher Energieverfügbarkeit durch hocheffiziente Solar-, aber auch Kernenergie, niedrigem Ressourceneinsatz und verbessertem Naturschutz. Das Narrativ normalisiert die vorhersehbare Machtkonzentration der technischen und ökonomischen Eliten und spielt nicht beabsichtigte Nebenwirkungen herunter. Zudem präsentiert es die technologischen Eliten als die neuen "Helden", die allein die Probleme lösen könnten.[37]

Das Interdependenz-Narrativ
Die Anthropozän-Idee kann als Chance gesehen werden, den Menschen als ein "Teil von Netzwerken verteilter Handlungsträger" zu verstehen, "die auch Tiere, Pflanzen, Substanzen und Gegenstände einschließen".[38] Hier liegt der Gedanke zugrunde, dass Natur nicht mehr als das Andere, als das Objekt wissenschaftlicher Anschauung und technischer Ausbeutung zu betrachten ist, sondern ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis von Mensch und Natur besteht. Der Mensch ist demnach nicht als getrennt von anderen Spezies zu denken, sondern als Teil eines Netzwerkes im Austausch mit anderen Wesen.[39]

Die Philosophin Rosi Braidotti hat gezeigt, dass die Ablehnung der Artenhierarchie und die "Ent-Identifizierung mit der Menschheit" in einer globalisierten Welt Schwierigkeiten verschiedenster Art mit sich bringt, da die neue politische Ökonomie dazu tendiere, "entscheidende Differenzen unsichtbar zu machen – insbesondere strukturelle Diskriminierung und Ungerechtigkeit". Demgegenüber könne eine posthumane kritische Theorie solchen Vereinfachungen widerstehen, da das "Wir", das in ein neues Zeitalter eingetreten ist, "nicht als homogene, geschweige denn universelle Einheit, sondern eher als nomadisches Gefüge" agiere.[40] Das heißt, die Lösung der Probleme wird nicht einer abstrakten Menschheit oder technologischen Eliten überantwortet, sondern auf der Ebene von durch Diversität gekennzeichneten, vernetzten Gemeinschaften an unterschiedlichen Orten gesucht. Eine solche Konzeption verlangt nach einer relationalen, netzwerkbezogenen Erforschung und praktischen Gestaltung der natürlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umwelten. Eine abstrakte Vorstellung von der Menschheit als kollektivem Akteur oder gar eine neoprometheische Konzeption des Menschen haben darin keinen Platz.

Insofern dient das Interdependenz-Narrativ vor allem der kritischen Reflexion des Anthropozän-Diskurses und seiner Voraussetzungen, ist aber hinsichtlich einer sozialen Mobilisierungsmöglichkeit schwach ausgeprägt. Es verdeutlicht, dass es darum geht, die Menschheit "einerseits als biologische Spezies, andererseits aber auch als historisch, kulturell und politisch differenziert und heterogen wahrzunehmen".[41] Entgegen einer universellen Perspektive wird deshalb von einigen Autoren der Bedarf einer konkreten Politik der Verminderung der Auswirkungen des Klimawandels wie auch die Wichtigkeit von Utopien und Kreativität im täglichen Leben herausgestellt.[42]

Fazit

Die sich teils überlappenden, teils kontroversen Narrative stellen – etwas zugespitzt gesagt – entweder pessimistische oder optimistische Deutungen des Anthropozän in den Vordergrund. Während die einen die Umweltschäden für so schlimm und irreversibel halten, dass eine Katastrophe nicht mehr abzuwenden sei, betonen die anderen die neuen ökologischen, technologischen, wenn nicht gar ökomodernistischen Handlungsmöglichkeiten für die Gestaltung einer besseren Zukunft des Menschen und sprechen von einem "guten Anthropozän".

Die fünf Narrative des Anthropozän haben unterschiedliches Mobilisierungspotenzial: Das Katastrophennarrativ stellt mit dem Bild von einer "Welt ohne uns" die Opfer in dem Mittelpunkt und leitet daraus die Dringlichkeit eines radikalen Umdenkens und veränderten Handelns ab. Das Gerichtsnarrativ benennt in seinen unterschiedlichen Ausprägungen die Verursacher oder Schuldigen (Europa seit der Industriellen Revolution, den Kapitalismus, die Industrieländer seit 1950); es verweist auf die Opfer im Globalen Süden, die vom Klimawandel ungleich härter getroffen werden, und stellt die "gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung" beziehungsweise die faire Lastenteilung in den Vordergrund. Das Narrativ von der Großen Transformation basiert auf dem Diskurs der ökologischen Modernisierung und stellt Technologie und Aufklärung als Problemlösung ins Zentrum, indem es die Verminderung der Ursachen der Umweltzerstörung und Maßnahmen der vernünftigen Anpassung an veränderte Umweltbedingungen propagiert und einen radikalen "Kulturwandel" für den Umbau zu nachhaltigen Gesellschaften anmahnt. Das (bio-)technologische Narrativ strebt ebenfalls nach effizienten Lösungen und verbessertem Naturschutz, wobei der Plot die Bedeutung von Machtmechanismen und technologischen Eliten in den Vordergrund stellt und ein neoprometheischer Umgang mit der Natur als Objekt vertreten wird. Das Interdependenz-Narrativ schließlich präsentiert einen Selbsterkenntnis-Plot und die Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit von Mensch und Natur; damit verhält es sich reflexiv zu den anderen Anthropozän-Narrativen. Es basiert es auf einem systemischen Naturbegriff mit dem Menschen als Teil eines Netzwerkes im Austausch mit anderen Arten, wobei in kritischer Perspektive die Menschheit nicht als eine abstrakte Einheit, sondern differenziert in ihren lokalen Handlungsmöglichkeiten und kreativen Spielräumen gedacht wird.

Bei aller Unterschiedlichkeit haben die fünf Narrative jedoch eine gemeinsame Struktur, und zwar der (teilweise auch kritische) Bezug auf die Gefährdung der Welt durch die Menschheit als Plot, eine tiefenzeitliche Perspektive auf Vergangenheit und Zukunft, ein planetarischer Bezugsrahmen, eine Aufhebung der kategorialen Grenzen zwischen Natur und Kultur im Horizont des Erdsystemkonzepts und schließlich die Thematisierung der ethischen Verantwortung für die Verminderung weiterer Umweltzerstörung und das Überleben der menschlichen Zivilisation.

Zunächst aber dürfte es wohl gegen Ende dieses Jahrzehnts spannend werden – dann will die Geological Society bekannt geben, ob das Anthropozän tatsächlich als neue Erdepoche anerkannt und das Holozän abgelöst wird, sodass Fachbücher neu geschrieben und die Geschichte der Menschheit und der Natur neu erzählt werden müssten.
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Fußnoten

1.
Vgl. Paul J. Crutzen/Eugene F. Stoermer, The "Anthropocene", in: Global Change Newsletter 41/2000, S. 17f.
2.
Paul J. Crutzen, Geology of Mankind, in: Nature 415/2002, S. 23 (eigene Übersetzung).
3.
Vgl. Clive Hamilton, The Theodicy of the "Good Anthropocene", in: Environmental Humanities 7/2015, S. 233–238.
4.
Vgl. Erle C. Ellis/Navin Ramankutty, Putting People in the Map: Anthropogenic Biomes of the World, in: Frontiers in Ecology and the Environment 6/2008, S. 439–447, hier S. 445.
5.
Vgl. Gabriele Dürbeck, Das Anthropozän in geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, in: dies./Urte Stobbe (Hrsg.), Ecocriticism. Eine Einführung, Köln 2015, S. 107–119.
6.
Siehe http://www.economist.com/node/18744401«.
7.
Helmuth Trischler, The Anthropocene. A Challenge for the History of Science, Technology, and the Environment, in: NTM – Journal of the History of Science, Technology, and Medicine 3/2016, S. 309–335, hier S. 318 (eigene Übersetzung).
8.
Vgl. ebd., S. 311.
9.
Vgl. Damian Carrington, The Anthropocene Epoch: Scientists Declare Dawn of Human-Influenced Age, in: The Guardian, 29.8.2016.
10.
Zum Beispiel Will Steffen et al., The Anthropocene: Conceptual and Historical Perspectives, in: Philosophical Transactions of the Royal Society A 369/2011, S. 842–867, hier S. 862; Bruno Latour, Agency at the Time of the Anthropocene, in: New Literary History 45/2014, S. 1–18, hier S. 3f.
11.
Vgl. Simon L. Lewis/Mark A. Maslin, Defining the Anthropocene, in: Nature 519/2015, S. 171–180.
12.
Vgl. Paul J. Crutzen/Will Steffen, How Long Have We Been in the Anthropocene Era?, in: Climatic Change 3/2003, S. 251–257.
13.
Vgl. Jan Zalasiewicz, Die Einstiegsfrage: Wann hat das Anthropozän begonnen?, in: Jürgen Renn/Bernd Scherer (Hrsg.), Das Anthropozän, Berlin 2015, S. 160–180.
14.
Vgl. Will Steffen et al., The Trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration, in: The Anthropocene Review 1/2015, S. 81–98.
15.
Vgl. Deborah A. Stone, Policy-Paradox. The Art of Political Decision Making, New York 20123; Peter H. Feindt/Daniela Kleinschmit, Verursacher, Opfer und Helfer. BSE und Agrarpolitik in deutschen Zeitungen, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 3/2004, S. 93–98.
16.
Ausführlicher dazu: Gabriele Dürbeck, Narrative des Anthropozän – Systematisierung eines interdisziplinären Diskurses, in: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift 2/2018 (i.E.).
17.
Zit. nach: Reinhold Leinfelder et al., Die menschengemachte Erde. Das Anthropozän sprengt die Grenzen von Natur, Kultur und Technik, in: Kultur und Technik 2/2012, S. 12–17, hier S. 15.
18.
Peter Sloterdijk, Das Anthropozän – ein Prozess-Zustand am Rand der Erd-Geschichte?, in: Renn/Scherer (Anm. 13), S. 25–44, hier S. 36, S. 25.
19.
Christophe Bonneuil, The Geological Turn. Narratives of the Anthropocene, in: Clive Hamilton et al. (Hrsg.), The Anthropocene and the Global Environmental Crisis: Rethinking Modernity, London 2016, S. 15–31, hier S. 26f.
20.
Jürgen Renn/Bernd Scherer, Einführung, in: dies. (Anm. 13), S. 15f.
21.
Deutsche Ausgabe: Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt, Berlin 2015.
22.
Vgl. Steffen et al. (Anm. 10), S. 862.
23.
Vgl. Johan Rockstroem et al., A Safe Operating Space for Humanity, in: Nature 461/2009, S. 472–475.
24.
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra II: Von grossen Ereignissen, in: ders., Werke. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Giorgio Colli/Mazzino Montinari, Bd. 1, 6. Abt., München 2003, S. 164.
25.
Vgl. Dipesh Chakrabarty im Gespräch mit Katrin Klingan, "Eine gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung", in: Renn/Scherer (Anm. 13), S. 142–159, hier S. 151.
26.
Sloterdijk (Anm. 18), S. 27.
27.
Vgl. Jason W. Moore (Hrsg.), Anthropocene of Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism, Oakland 2016.
28.
Crutzen/Steffen (Anm. 12), S. 256.
29.
Vgl. Chakrabarty (Anm. 25), S. 153.
30.
Steffen et al. (Anm. 14), S. 91.
31.
Vgl. Michael D. Mastrandrea/Stephen H. Schneider, Vorbereitungen für den Klimawandel, in: Paul J. Crutzen et al., Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Energie und Politik im Anthropozän, Frankfurt/M. 2011, S. 11–59, hier S. 117f.
32.
Vgl. Hans Joachim Schellnhuber/Veronika Huber, Melting and Mystification. A Comparative Analysis of Mitigation and Adaptation Strategies, in: Paul J. Crutzen et al. (Hrsg.), Fate of Mountain Glaciers in the Anthropocene, Vatikanstadt 2013, S. 1–18, hier S. 7.
33.
Claus Leggewie/Harald Welzer, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, Frankfurt/M. 2009, S. 230.
34.
Christian Schwägerl, Menschenzeit. Zerstören oder Gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen, München 2012, S. 349, S. 323.
35.
Vgl. etwa Hamilton (Anm. 3).
36.
Das Manifest ist online unter http://www.ecomodernism.org/deutsch« zu finden.
37.
So kritisch Christophe Bonneuil/Jean-Baptist Fressoz, The Shock of the Anthropocene, New York u.a. 2015, S. 79.
38.
Ursula K. Heise, Posthumanismus. Den Menschen neu denken, in: Nina Möllers et al. (Hrsg.), Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde, München 2015, S. 38–42.
39.
Vgl. Latour (Anm. 10).
40.
Rosi Braidotti, Jenseits des Menschen: Posthumanismus, in: APuZ 37–38/2016, S. 33–38, hier S. 36f.
41.
Eva Horn/Peter Schnyder, Romantische Klimatologie, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2016, S. 9–18, hier S. 10.
42.
Vgl. Robert Emmet/Thomas Lekan, Introduction, in: RCC Perspectives. Transformations in Environment and Society 2/2016, S. 7–11.
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