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22.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Leben in der DDR wird im Westen Deutschlands gern mit dem politischen System gleichgesetzt. Es wird so auf ein Leben unter der SED-Diktatur reduziert.

Einleitung

Leben in der DDR wird im Westen Deutschlands gern mit dem politischen System gleichgesetzt. Es wird so auf ein Leben unter der SED-Diktatur reduziert - eine Bewertung, die den Alltagserfahrungen der Menschen nur ungenügend gerecht wird. Sie zeugt zudem von wenig Neugier darauf, wie denn das alltägliche Leben "drüben" war. Langweilig sei es gewesen, meint man hierzulande nicht selten. In den fünf Beiträgen dieser Ausgabe wird nicht nur ein anderes - ein spannenderes - Bild vom Alltag in der DDR gezeichnet, es wird auch die Neugier und Lernbegierigkeit deutlich, mit der die Ostdeutschen nach der Wende den Anforderungen des neuen Gesellschaftssystems begegneten.

Dietrich Mühlberg betrachtet den Assimilations- und Anpassungsprozess der in der DDR sozialisierten neuen BundesbürgerInnen als grundsätzlich gelungen. Er beschreibt den schwierigen Lernprozess der Ostdeutschen in jenen Bereichen, in denen sich ein anderes Geflecht kultureller Übereinstimmungen herausgebildet hatte: Jenseits aller Konflikte und Interessenlagen hatten Plan- und Zuteilungswirtschaft, Arbeitspflicht, soziale Gleichheit, Gemeinschaftspflicht usw. ein in sich stimmiges System gebildet, dem eine subjektive Verhaltenslogik im Alltagsleben entsprach. Die neuen Lebensbedingungen verlangen vollkommen andere Verhaltensstrategien.

Bei grundsätzlicher Homogenisierung des Alltags unterschied sich das Leben von Angehörigen verschiedener Schichten erheblich. Thomas Ahbe und Michael Hofmann zeichnen auf Basis von Erinnerungen Ostdeutscher, die der gleichen Jahrgangsgruppe, aber unterschiedlichen Schichten angehören, ein differenzierteres Bild des Alltags in der DDR. Den Fokus bewusst auf die Momente der Übereinstimmung legend, zeigen sie, wie diese sich mit ihren Werten und Überzeugungen in jeweils vorgefundenen Chancen- oder Gelegenheitsstrukturen "einbauen" konnten.

Film bildet gesellschaftliche Realitäten unmittelbarer und zeitnaher ab als andere Medien. Dagmar Schittly nutzt dies in ihrer Analyse der Filmpolitik der SED für einen Blick auf den Alltag in der DDR in den verschiedenen Phasen ihres Bestehens. Dabei zeichnet sie zugleich die Geschichte der DEFA von ihrer Gründung im Jahr 1946 bis zu ihrem Untergang 1992 nach. Die DEFA-Filme spiegelten sowohl die allgemein- als auch die kulturpolitische Situation in der DDR wider und ermöglichten zugleich einen Blick auf den Alltag der BürgerInnen.

Auch oder gerade im Kabarett ging es um Alltag. Am Beispiel der "Herkuleskeule" Dresden zeigt Sylvia Klötzer, wie im Kabarett der Zustand der DDR und das Leben der Menschen kritisch - nach der Wende selbstkritisch - in den Blick genommen wurden. Was anderenorts ungestraft weder gesagt noch geschrieben werden konnte: dass das gesellschaftliche Modell und die gesellschaftliche Praxis in der DDR nicht nur auseinander klafften, sondern sich auch widersprachen, das wurde in Dresden mit Billigung der verantwortlichen SED-Kulturfunktionäre auf die Bühne gebracht.

"Sozialistische Helden" - das waren Menschen, die im Auftrag der SED im "richtigen Moment" eine "richtige Tat" für die "richtige Sache" vollbrachten. Rainer Gries und Silke Satjukow interessieren die kulturellen Dimensionen des Heldenmusters zwischen Alltäglichkeit und Außeralltäglichkeit, zwischen politischer und privater Indienststellung. Sie zeigen, dass Sozialistische Helden insofern Helden des Alltags waren, als diese Mustermenschen des Sozialismus tatsächlich aus der Menge rekrutiert und auf sie Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche des Alltags der Vielen projiziert wurden.