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22.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Michael Hofmann

"Eigentlich unsere beste Zeit" Erinnerungen an den DDR-Alltag in verschiedenen Milieus

Alltagserinnerungen an goldene Jahre in der DDR gibt es heute mehr denn je. Sie zeigen, in welcher Weise diese Gesellschaft für bestimmte Generationen wirksame Integrationsangebote bereithalten konnte.

I. Erinnerungen an "Alltage" in der DDR

In ihrem Alltag unterlagen fast alle DDR-Bürger den gleichen praktischen und geistigen Restriktionen. Pointiert könnte man sagen: Bei der Beschaffung eines 80-Liter-Boilers oder einer Pink-Floyd-Amiga-Platte waren der Metallfacharbeiter und die Professorin für Psychologie gleichermaßen schlecht gestellt. Diese Homogenisierung des Alltags unterschied die DDR von anderen - von westlichen Industriegesellschaften. Dennoch führte natürlich auch in der DDR der Arbeiter ein ganz anderes Leben als der Lehrer, die Verwaltungsangestellte lebte anders als die Künstlerin. Die junge - eventuell allein erziehende - Mutter hatte einen anderen Alltag zu bestehen als ihre Kollegin, deren Kinder bereits aus dem Hause waren. Und auch die Alltagserfahrungen eines Mittzwanzigers, seine Probleme und Orientierungen, waren andere als die eines Mannes jenseits der Vierzig.

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  • In der Sozialwissenschaft und zeitgeschichtlichen Forschung werden diese Differenzen mit theoretischen Konzepten zu sozialen Lagen und sozialen Milieus [1] oder zu Kohorten (Jahrgangsgruppen) und Generationen [2] zu erfassen versucht. An dieser Systematik orientiert sich auch die folgende Skizze, die typische Erinnerungen an "Alltage" in der DDR präsentiert, so wie diese heute von den Angehörigen verschiedener Kohorten aus verschiedenen sozialen Lagen konstruiert werden.


    Jeder weiß, dass Erinnerungen keine objektiven, dokumentierenden Abbilder des Vergangenen sind, sondern Ergebnisse eines subjektiven und selektiven Konstruktionsprozesses. Diese Eigenschaften von Erinnerung, die manchem Historiker als ein Indiz für die Unzuverlässigkeit der Quelle gelten mögen, machen sie für eine Archäologie der Erinnerungen [3] gerade interessant. Denn die jeweils individuelle Art des Vergessens und Erinnerns, die Komposition und die Schwerpunktsetzung in den "Geschichten" [4] , die Kommentare und Wertungen, die Behauptung von Motiven, Zielen und Kausalitäten sind viel sagend. Die Konstruktion der Erinnerungen verweist auf die - möglicherweise längst vergangenen - milieutypischen und kohortenspezifischen Sinnhorizonte und Wertevorstellungen der sich Erinnernden. So interpretierte Erinnerungen können einen Eindruck darüber liefern, wie frühere - möglicherweise bereits von der Zeitgeschichte und Sozialforschung systematisch und strukturell beschriebene - Gesellschaftszustände individuell wahrgenommen, genutzt und erlebt wurden. Sie zeigen, wie sich konkrete Subjekte mit ihren Werten und Überzeugungen in jeweils vorgefundenen Chancen- oder Gelegenheitsstrukturen "einbauen" konnten - oder mit ihnen in Konflikt gerieten.

    Während in der Bundesrepublik die fünfziger und sechziger Jahre zum Beispiel als die Zeit des "Fahrstuhleffekts" (Ulrich Beck) beschrieben wurden, in der alle sozialen Lagen gleichmäßig am Wohlfahrtsgewinn und der wirtschaftlichen Prosperität teilhaben konnten, gab es in der DDR Milieus und Generationen, die in ganz unterschiedlicher Weise Statusgewinne und -verluste, Stigmatisierung oder Aufstieg erlebten. Da sich diese ökonomischen und ideologischen Push- and Pull-Effekte in der DDR häufig wandelten, während die Sinn- und Wertvorstellungen der verschiedenen Milieus üblicherweise relativ konstant blieben, erweisen sich für die verschiedenen sozialen Gruppen in der Erinnerung ganz unterschiedliche Phasen der DDR als "goldene Jahre". Das Auswahlprinzip der im Folgenden präsentierten Erinnerungen war, dass sie alle die jeweils goldenen Jahre abbilden. Die Erzähler sprechen darin von "guten Zeiten" oder gar von "den besten Jahren meines Lebens". Diese spezielle Perspektive illustriert die Integrationskraft, welche die DDR-Verhältnisse zu bestimmten Zeiten für jeweils bestimmte soziale Milieus und bestimmte Generationen offenbar hatten. Im Unterschied zu konflikttheoretisch orientierten Perspektiven auf den DDR-Alltag, welche die Momente der Desintegration, der Ausgrenzung und Repression [5] fokussieren, werden hier die Momente der Passung beschrieben und wird somit gezeigt, wann und auf Basis welchen Konsenses [6] die DDR-Gesellschaft für wen alltagspraktische Integrationsoptionen offerierte.

    Im Folgenden wird skizziert, wie von Menschen, die der gleichen Kohorte (die Jahrgänge 1922 - 1934), aber verschiedenen Milieus angehören, unterschiedliche Phasen der DDR als goldene Jahre erinnert werden. Dabei beschränkt sich die Darstellung auf drei Milieus: auf traditionelle Facharbeiter, Aufsteiger in die Intelligenz und Selbstständige.

    Fußnoten

    1.
    Das Konzept der Milieus als sozialmoralische Einheiten führte M. Rainer Lepsius in den sechziger Jahren (wieder) in die deutsche Soziologie als Instrument historischer Konstellationsanalyse ein. Seitdem wurden Milieukonzepte vor allem in der Geschichtswissenschaft und Soziologie entwickelt, vor allem um die subjektiven und kulturellen Faktoren gesellschaftlicher Gruppenbildung besser erfassen zu können. Vgl. M. Rainer Lepsius, Demokratie in Deutschland, Göttingen 1993; Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M. - New York 1992; Michael Vester u. a., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Köln 1993; Michael Vester/Michael Hofmann/Irene Zierke (Hrsg.), Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, Köln 1995; Dagmar Müller/Michael Hofmann/Dieter Rink, Diachrone Analysen von Lebensweisen in den neuen Bundesländern: Zum historischen und transformationsbedingten Wandel der sozialen Milieus in Ostdeutschland, in: Stefan Hradil/Eckart Pankoke (Hrsg.), Aufstieg für alle?, Opladen 1997, S. 237 - 319. Zu den ästhetischen Differenzierungen im Alltag verschiedener Milieuangehöriger siehe vor allem: Berthold Flaig/Thomas Meyer/Jörg Ueltzhöfer, Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation, Bonn 1993; Berthold Bodo Flaig, Wohnwelten in Ostdeutschland. Alltagsästhetik, Wohnmotive, Wohnstile, Gartenwerte und Gartenstile in den neuen Bundesländern. Ein Forschungsbericht der Burda GmbH Offenburg (Hrsg.), Heidelberg 1993; Burda Advertising Center (Hrsg.), Typologie der Wünsche. Die Sinus Milieus in Deutschland, Offenburg 2000.
    2.
    Das Generationskonzept geht zurück auf die Arbeiten von Karl Mannheim und wurde später auch angewandt, um die unterschiedliche Prägung west- und ostdeutscher Lebensläufe zur analysieren. Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie, (1928) 2; Heike Solga, Auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und Mobilität zwischen den Generationen in der DDR, Berlin 1995; Heiner Meulemann, Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation, Weinheim - München 1996.
    3.
    Paradigmatisch wurde hier die Unterscheidung zwischen "kommunikativem" und "kulturellem" Gedächtnis, wie sie Jan Assmann prägte. Vgl. auch das Stichwort "kulturelles Gedächtnis" in: Nicolas Pethes/Jens Ruchatz (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, Reinbek 2001.
    4.
    Vgl. hierzu den Überblick in: Thomas Ahbe, Narrativität. Zur narrativen Konstruktion von Zeit und Raum, in: Kulturwissenschaftliche Regionenforschung, Jahrbuch des SFB 417, Leipzig 2001, S. 38-46; Jürgen Straub, Geschichten erzählen, Geschichten bilden. Grundzüge einer narrativen Psychologie historischer Sinnbildung, in: ders. (Hrsg.), Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Erinnerung, Geschichte, Identität, Frankfurt/M. 1998, S. 81-169.
    5.
    Diese Momente des Alltags finden sich auch in: Thomas Ahbe/Michael Hofmann, "Es kann nur besser werden". Erinnerungen an die 50er Jahre, Leipzig 2001.
    6.
    Vgl. Helke Stadtland, Herrschaft nach Plan und Macht der Gewohnheit. Sozialgeschichte der Gewerkschaften in der SBZ / DDR 1945-1953, Essen 2001.