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22.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Michael Hofmann

"Eigentlich unsere beste Zeit" Erinnerungen an den DDR-Alltag in verschiedenen Milieus

II. Schuften und Genießen - Die fünfziger Jahre in der Erinnerung junger Arbeiter

Die fünfziger Jahre tauchen heute vor allem in den Erinnerungen von Arbeitern der genannten Jahrgangsgruppe als eine gute Zeit - gewissermaßen goldene Jahre - auf. Die thematische Ausrichtung der Erinnerungen könnte man pointiert mit "Schuften und Genießen" umreißen. Die Arbeiter berichten mit Stolz von der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit, vom Status und der Verhandlungsmacht der Facharbeiter - aber mehr noch von Freizeit, Entspannung und den geselligen Freuden ihres Alltags.

Der Aufbau des zerstörten Landes und seiner Produktionsstätten forderte zunächst genau das, was typische "Arbeiter-Arbeit" war: handwerklich-technische, disziplinierte, harte, "männliche" und oft auszehrende Tätigkeiten. Dass man sich in diesen schweren Zeiten bewährte, speist heute noch das Selbstbewusstsein der Protagonisten. Herr K. erinnert sich:

"Meine Lehrzeit begann Anfang der fünfziger Jahre. Ich habe Rahmenglaser gelernt. Unter uns Lehrlingen gab es eine strenge Hierarchie - Einjähriger, Zweijähriger und Dreijähriger. Der Einjährige, der musste alles machen. Unsere Arbeit begann früh mit Späne machen, Öfen füllen und Anheizen, dann ging es weiter mit Einkaufen für die Gesellen. Kurz vor Mittag musste ich loslaufen zur Großküche ,Richter und Fischer', in der Nähe der Leipziger Markthalle. Dort gab es markenfreies Essen. Wenn ich mich zu Hause beschwerte über manche Arbeiten, sagte meine Mutter: ,Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Wenn du die Prüfung nicht bestehst, wenn du kein Geselle wirst, bekommst du von mir keine Scheibe Brot mehr.'" Auch Herr R. streicht das heute heraus: "Pflichterfüllung stand auch bei uns obenan, zuerst kam immer die Arbeit. Einmal waren wir Betriebstischler an einem Freitagabend zum Polterabend bei einem Kollegen eingeladen. Da ging es natürlich feuchtfröhlich zu. Mein Kollege hatte dann irgendwie bei der Rückfahrt am Bahnhof den Anschluss verpasst. Nun musste er auf den nächsten Zug warten und ist in seinem Zustand eingeschlafen. Als er wieder munter wurde, war es schon früh um acht. Er kam also an diesem Sonnabend zu spät zur Arbeit. Der Mann, er war über 50 Jahre alt, hat geweint, weil ihm das in seinem Leben noch nie passiert war . . ."

Für die jungen Arbeiter, die mit den Routinen arbeiterlicher Organisation und kollektiver Interessenverteidigung aus der Zeit vor 1933 keine Erfahrungen hatten, die mobil, leistungsbereit und materiell interessiert waren, gab es gute Chancen des individuellen Fortkommens. Herr Z., der im Osten ein Häuschen geerbt und aus dem Westen übergesiedelt war, erinnert sich:

"Ich wollte ja was verdienen und habe mich mächtig ins Zeug gelegt. Nach sechs Wochen sagte der Baustellenleiter zu mir: ,Karl, wenn du so arbeitest, kannst du bei uns was werden.' Ich habe wirklich geschuftet. Mein Baustellenleiter, er war parteilos, kam eines Tages zu mir und sagte, wenn du meine Stelle haben willst, er wollte nämlich weg, dann wäre es besser, in die Partei einzutreten. Ich sagte: ,Du bist doch auch nicht in der Partei.' Aber er sagte: ,Bei mir ist das was anderes, ich bin noch ein Alter.' 1957 trat ich in die Partei ein, und tatsächlich, ein halbes Jahr später wurde ich Baustellenleiter. Da habe ich mich schnell eingefuchst."

Die beiläufige, unideologische oder unpolitische Art des Eintritts in die SED verhinderte jedoch nicht, dass der Mann auch im persönlichen Umfeld seine Mitgliedschaft in der SED verteidigte:

"Wir waren eine gute Truppe, und Politik spielte bei uns kaum eine Rolle. Ich war ja nun in der Partei, einer der hat das immer wieder erzählt und gerufen: ,Die Kommunistenschweine haben meinen Vater erschossen.' Ich sagte zu ihm: ,Gerhard, ich möchte nicht, dass du das in meinem Beisein äußerst. Ich bin in der Partei, ich bin also auch so ein Kommunist. Wenn du dieser Meinung bist, dann bitte äußere sie woanders.' Und dann ging das. Der war nämlich ein sehr guter Arbeiter. Wir spielten nach der Schicht oft miteinander Skat."

Der Stolz, mit dem viele Arbeiter ihre Erinnerungen an diese Zeit ausbreiten, bezieht sich sowohl darauf, aus eigener Kraft vorwärts gekommen zu sein. Gleichzeitig findet man in den Passagen auch ein Gespür für die Bedeutung, die diese Arbeit für weite Bereiche der DDR hatte. In den Erzählungen von Herrn U. wird beides verbunden:

"Ich hatte mich berufsmäßig in den fünfziger Jahren ein bisschen nach vorne gespielt. Ich arbeitete in Dresden im Werk ,Otto Buchwitz'. Ich hatte dort im Juni 1953 angefangen und schon im September bekam ich dann eine kleine Baustelle als verantwortlicher Monteur, als bauleitender Monteur. Und damit ging dann eigentlich so ein bisschen der Aufstieg los. Das Buchwitzwerk fing damals an mit der Elektrifizierung von Baugroßgeräten, das waren vor allem Schaufelradbagger. Das war ein großes Programm und davon hing ja die ganze Energieversorgung der DDR ab. Also, das war eine wichtige Sache, und wir haben 15 Jahre pausenlos Bagger gebaut. Ich bin dann vielfach schon zweiter Bauleiter gewesen, Brigadier. Ab 1959 war ich auch im Ausland, in Polen, eingesetzt und habe dort auch als Bauleiter gearbeitet."

Dass diese stolzen Selbstzuschreibungen tatsächlich in eine gewisse Verhandlungsmacht der Arbeiter gegenüber der staatlichen und politischen Leitung mündeten, illustrieren die Erinnerungen von Herrn U.:

"Das Buchwitzwerk hat in seinem ganzen Bestehen von uns Monteuren nie verlangt, dass wir sonnabends arbeiten. Eine 6-Tage-Woche gab es bei uns nicht. Das erzeugte viel Neid. Andere, gleich gestaltete Betriebe, die haben dann gefordert: Die Buchwitzer sind die einzigen, die nicht sonnabends arbeiten, die müssen jetzt auch die 6-Tage-Arbeitswoche einführen. Aber als sie es versucht haben, hat es einen regelrechten Streik gegeben. 150 Monteure - wir waren insgesamt 180 Monteure - haben erklärt, dass sie sofort kündigen, wenn die Sonnabendarbeit eingeführt wird. Und da hat der Betrieb klein beigegeben und das fallen lassen. Die Leistung wurde an 5 Tagen geschafft und damit war das vom Tisch."

Und dies zeigte sich nicht nur in der Arbeitswelt. Bei ihren alltäglichen Versuchen, die Wohn- und Versorgungssituation zu konsolidieren, konnten Arbeiter - vor allem in den Zeiten des akuten Personalmangels vor dem Bau der Berliner Mauer - auch mit Kündigungsdrohungen auffahren. Frau S. erinnert sich:

"Mein Mann war ein tüchtiger Arbeiter. Schon nach zwei Monaten wurde er als Hauer eingesetzt und begann sich nach Feierabend zu qualifizieren. Gute Arbeiter, die sich nebenbei noch qualifizieren wollten, waren damals rar. Deswegen bekam mein Mann auch die Unterstützung seines Betriebsleiters, als wir beim Wohnungsamt vorsprachen, denn mit dem Antrag tat sich nichts. Ich war mit dabei und hatte die Tochter im Wagen mit. Mein Mann schilderte unsere Wohnverhältnisse und zeigte das Schreiben vom Direktor. Er sagte, dass er den Betrieb wieder verlassen würde, wenn er keine Wohnung bekäme. Im November 1951 wies man uns eine Neubauwohnung zu."

Auch Herr P., Arbeiter im Plattenwerk N. bei Dresden, erinnert sich etwas anders an die erste Zuweisung eigener vier Wände:

"Über meinen Betrieb bekam ich 1952 eine Wohnung, eine Zweiraumwohnung. Meine Frau und ich hatten vorher zur Untermiete gewohnt, und vor Jubel sind wir fast an die Decke gesprungen. Es war ein Altneubau, sogar mit Bad, ich bin zum Himmel gehuppt, es war wie ein Lottogewinn. Die Miete kostete damals 28 Mark."

Die Wohnraumfrage war eines der wichtigsten Alltagsprobleme der Nachkriegszeit. In keinem anderen Milieu werden die Wohnverhältnisse so ausführlich erinnert. Für das traditionelle Arbeitermilieu erfüllten Arbeit und Wohnen die wichtigsten Bedürfnisse. Anders als die Bundesrepublik setzte die DDR hier von Anfang an ausschließlich auf staatlichen und genossenschaftlichen Wohnungsbau. Die "Fürsorgediktatur" [7] verstand sich hier als historische Vollstreckerin einer alten sozialen Forderung der Arbeiterklasse und bevorzugte bei der betrieblichen Wohnungsvergabe Arbeiter.

Die Freizeit und die Regeneration der strapazierten Arbeitskraft spielten sich vor allem in der Familie und bei Geselligkeiten im Kollegenkreis ab, die jüngeren Arbeiter berichten von alterstypischen Beschäftigungen wie Sport und kleinen Reisen. Während in den Erinnerungen an die Arbeitssphäre Geschichten "hoher Moral", von Pflicht, Mühsal, Leistung, Geschick und Erfolg erzählt werden, wurden für die Zeit des Feierabend "Leistung" und "Erfolg" an anderen Maßstäben gemessen, wie sich Herr Z. erinnert:

"Als ich damals geschieden war, konnte ich richtig loslegen, in der Arbeit und auch danach. Wir waren vier Mann in unserem Wohnheimzimmer und wir arbeiteten immer Zwölf-Stunden-Schichten. Freitags war dann Feierabend, offiziell um 11.00 Uhr, aber wir haben meist schon halb zehn Schluss gemacht, viele mussten ihren Zug erreichen. Wir Junggesellen . . . sind dann immer durch die Gegend gereist. Es war kein Problem, ein Mädel abzuschleppen. Ich kann nicht sagen, dass wir nach strengen Moralregeln gelebt haben. Ich habe mich erst mal richtig ausgetobt. Das ging keinen Tag ohne Bier. Und in jeder Gaststätte waren Frauen anzutreffen. . . . In dieser Braunkohleregion gab es viele Klubhäuser, wo wir tanzen konnten. Das Regiser Klubhaus war besonders schön. Es hatte ein großes Foyer, alles mit Marmor und dann den großen Saal, wo die kleine Bar drunter war. Da ist jeden Sonnabend Tanz gewesen. Da saßen so 18-jährige, junge Frauen, die wollten tanzen und haben sich dabei an dich rangemacht. (. . .) Es war eine schöne Zeit gewesen."

Herr K., damals Dreher in einem Leipziger Metallbetrieb, beschreibt das so: "In den fünfziger Jahren gingen das Nachtleben und die Vergnügungen dann richtig los . . . Die Leute sagten, heute habe ich zehn Mark, und damit gehe ich aus. Man traf immer Gleichgesinnte. Allein weggehen gab es nicht. Es gingen immer ganze Gruppen. Diese Gruppen blieben bis zum Schluss in den Lokalen. Sie hielten durch, egal was war. Und am nächsten Tag waren wir wieder auf Arbeit."

Herr S., damals ebenfalls ein junger Arbeiter in Leipzig, erzählt: "Es gab damals noch am Leipziger Königsplatz an der Südseite in dem damals total kaputten Haus das CA-Casino. Das war wunderschön. Es war eine kleine Tanzdiele, und da spielten drei Mann. Damals war es in Leipzig eine Spitzenkapelle, die immer die neueste Musik spielte. Aber dann und wann kam von der FDJ so eine Gruppe, die kontrollierte, ob sich die Leute anständig verhielten. Im CA-Casino gab es aber eine ganz gewiefte Frau in der Garderobe, die hatte da eine Signalanlage. Wenn die vom FDJ-Streifendienst kamen, dann hat man das im Haus hinten schon vorher gemerkt. Die Kapelle änderte sofort die Musik und machte dann eine ganz zünftige, schöne Musik, die niemanden weh tat, und wir tanzten ganz gesittet. Und so wie die wieder raus waren, ging wieder Holiday los."

In den Erinnerungen von Herrn I., damals war er ein junger Tischler, spielt das Motorrad, ein wichtiges Statussymbol für junge Männer aus der Arbeiterschicht, eine große Rolle: "1955 hatte ich die Fahrerlaubnis gemacht und war in der glücklichen Lage, ein Motorrad zu kaufen. Mein ganzes Tischlereinkommen hatte ich gespart und das damalige Traummotorrad, eine Jawa, gekauft. Mit der Jawa sind mein Freund und ich dann gleich nach Westdeutschland gefahren. Das war ohne weiteres möglich. Wir hatten natürlich Ostgeld versteckt, um drüben zu tauschen und um Benzin kaufen zu können. Aber die Leute an der Grenze waren sehr raffiniert und geschult. Sie haben uns am Grenzübergang nach Bayreuth herausgewinkt. Sie kannten alle die Kniffe. Zuerst haben sie mein schönes neues Motorrad zerlegt: die Verkleidung, die Lampenverkleidung und so weiter. Aber da fanden die nichts. Deshalb mussten wir zur Leibesvisitation. Da haben sie natürlich das ganze Geld gefunden. Mein Freund hatte es unter der Einlegesohle und ich so am Körper. Ein Protokoll wurde angefertigt und das ganze Geld wurde weggenommen. Wir sind dann trotzdem rübergefahren. In Heilbronn haben wir uns bei einem Tischlermeister für eine Woche Arbeit besorgt und haben uns das Benzingeld verdient, damit wir mit der Jawa wieder zurückfahren konnten."

Neben den Erinnerungen an altersspezifisches und milieutypisches "Über-die-Stränge-schlagen", das mit Genugtuung zum Besten gegeben wird, spielen auch Erinnerungen an die traditionelle Vereins- und Hobbykultur der Arbeitermilieus eine große Rolle. Herr H. berichtet:

"Ich habe im September 1952 bei der Firma Gebrüder Hörmann in Dresden als Waffelbäcker angefangen. Und ich war vielleicht zwei Tage dort beschäftigt, da spricht mich ein Kollege an und fragt: ,Spielst du Mundharmonika?' . . . Die Firma Gebrüder Hörmann hat ihr Arbeiterorchester auch großzügig unterstützt, zum Beispiel bei der Anschaffung neuer Instrumente. . . . Wir traten am Sonntagvormittag in Krankenhäusern auf. Wir haben fast in jedem Dresdner Krankenhaus zur Erbauung der Patienten gespielt. Dadurch wurden wir immer populärer, und bald spielten wir auch auf dem Weißen Hirsch."

Herr H. erinnert sich vor allem an den Sportenthusiasmus: "Die fünfziger Jahre waren insgesamt eine sportbegeisterte Zeit. . . . Ich war ungeheuer aktiv im Sport, im Fußball. Ich hatte einen Übungsleiterposten übernommen. Mit unserer Mannschaft qualifizierten wir uns dann sogar für den Junge-Welt-Pokal. Viele junge Leute machten Sport und verbrachten damit einen großen Teil ihrer Freizeit. Es wurde natürlich auch reglementiert. Während meiner Lehre als Maschinenschlosser kamen gerade die Nickis auf. In Westdeutschland waren die sogar bemalt. Das war bei uns verpönt. Das kam aus Amerika. Mein Freund und ich haben uns so ein Nicki - heute nennt man es T-Shirt - gekauft. Und weil wir so sportbegeistert waren, sind wir in dieses Textilmalereigeschäft gegangen, um unsere Idole draufmalen zu lassen. Er hat sich einen Fußballspieler draufmalen lassen und ich einen Rennfahrer. Da habe ich den größten Ärger im Betrieb gekriegt. Der FDJ-Sekretär hat mich öffentlich niedergemacht und gesagt: Das ist Lästerung! Ich könne ja auch nicht einfach Wilhelm Pieck da vorne draufmalen lassen. Ich habe das Nicki zwar nicht abgeben müssen, aber ich durfte das nicht tragen, wenn ich in den Betrieb ging."

Diejenigen Arbeiter, die Arbeiter bleiben und nicht aufsteigen wollten, konnten sich in den halböffentlichen und privaten Räumen nach ihren milieutypischen Vorstellungen bewegen und sich dort der Zugriffe von Politik und Ideologie in der Regel erwehren, solange Konflikte nicht politisiert - und damit zu einer prinzipiellen Frage wurden. Sie waren nicht erpressbar, etwa so wie diejenigen, die aufstiegen. Der als störend oder destruktiv empfundene Eingriff der Politik in den Alltag wird in den Erinnerungen zwar nicht ausgeblendet, aber er wiegt dort nicht schwer. Auch wenn die Protagonisten sich in bestimmten Erzählungen der Staatsmacht beugen mussten, dominieren doch Erzählweisen, welche die Protagonisten letztlich als Sieger zeigen, als souveräne, autonome und hartnäckige Personen, die es sich nicht nehmen lassen, sich ihr Stück vom Kuchen abzuschneiden.

Dass die erste Dekade der DDR auf die Arbeiter Integrationskraft ausüben konnte und in den Erinnerungen heute noch nachklingt, liegt wohl weniger daran, dass die DDR noch viel Zukunft vor sich hatte und von Stagnation und Scheitern noch weit entfernt war - sondern eher daran, dass jene gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den fünfziger Jahren im Prinzip realisiert waren, den spezifischen Wert- und Sinnvorstellungen der Arbeiter am ehesten entsprochen haben. Die Facharbeiter und ihre Arbeit hatten in der offiziellen gesellschaftlichen Kommunikation einen bis dahin nicht gekannten hohen Status, und zudem hatten die Arbeiter im Verhältnis zu anderen Beschäftigten gute Entlohnungen erreicht. [8]

Die Erosion der Arbeitermilieus und der Zerfall gewachsener städtischer Arbeiterviertel hatten noch nicht begonnen. Vielmehr waren die fünfziger Jahre, zumindest nach dem 17. Juni 1953, für die Arbeiter eine Phase der Etablierung. Die Arbeiter konnten sich ziemlich früh im "Arbeiterstaat" einrichten. Es gab plötzlich eine Arbeiterversorgung, eine spezielle Arbeiter- und Bauern-Kinderförderung im Bildungswesen, Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften, die bei der Lösung mancher Alltagsfragen durchaus wirksam wurden. Nach dem 17. Juni wurde ein Kompromiss zwischen den Interessen des Staates und den traditionellen Arbeiterinteressen gefunden, der als Stillhalteabkommen bezeichnet werden kann.

Fußnoten

7.
Konrad H. Jarausch, Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/98, S. 33-46; vgl. hierzu auch T. Ahbe/M. Hofmann (Anm. 5), S. 164 ff.
8.
Vgl. H. Stadtland (Anm. 6).