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22.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Michael Hofmann

"Eigentlich unsere beste Zeit" Erinnerungen an den DDR-Alltag in verschiedenen Milieus

III. Aufstieg in die Pflicht: Erinnerungen von Aufsteigern aus dem Arbeitermilieu an die fünfziger Jahre

Bei den aus den Arbeitermilieus stammenden Aufsteigern fällt auf, dass sie in der Rückschau auf ihren Alltag fast nur über ihre Arbeit reden. Zwei Protagonisten eines schnellen Aufstiegs sollen hier zu Wort kommen: Der erste ist Herr C. (*1922); er stammt aus einer sudetendeutschen Arbeiterfamilie, wurde in der Gefangenschaft Dolmetscher, dann Neulehrer (1950), und ging schließlich als Fachlehrer auf ein traditionsreiches Gymnasium, wo er in den fünfziger Jahren zunächst Parteisekretär und 1956 stellvertretender Direktor wurde. Der zweite Protagonist ist Herr P. (*1926), ein Bergmann, der vom Hauer (1948) allmählich bis zum Werkleiter (1955) aufgestiegen war.

Über seinen professionellen Anspruch gibt Herr P., der zeitweise als Instrukteur in verschiedenen Gruben unterwegs war, so Auskunft:

"Einmal waren wir in T. und mussten da eine ganze Reihe von Mängeln aufdecken, da mussten wir Tacheles reden, da gab es zu viele Versäumnisse, bergmännische Fehler, und die Disziplinverstöße waren sehr, sehr stark. Wir haben eine ganze Liste von Maßnahmen vorgeschlagen, um das so schnell wie möglich wieder auf Vordermann zu bringen und die Planerfüllung zu sichern. . . . Ich habe später dann gehört, dass die Steiger nach dieser Kopfwäsche in der Kneipe gesagt haben, ,den P. schlagen wir tot, wenn der noch mal nach T. kommt'. Als ich dann 20 Jahre später nach T. gekommen bin, da hat mich keiner angefasst, ich habe ja danach mit einigen bis zur Rente zusammengearbeitet. Aber damals haben sie das gesagt, weil ich denen zu viele Punkte nachgewiesen hatte, wo die gesaubeutelt haben. Es ging immer nur um die Sache und die Planerfüllung. Für den Bergmann galt es schon immer, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und dieses Ziel immer wieder höher zu stecken, ich weiß nicht, ob man das mit anderen Berufen vergleichen kann, der Ehrgeiz war schon da. Das ist keine neue Geschichte, der Bergmann existiert ja schon über 1000 Jahre und hat viele Traditionen, viel Erbe, gutes Erbe übernommen. Im Schacht ging es eben geordnet zu, offen und ehrlich, es gab auch Auseinandersetzungen dort, wo etwas nicht stimmte, wenn die Disziplin nicht in Ordnung war, oder wenn Menschen untereinander nicht harmonierten, da habe ich dann einen Austausch vorgenommen, das gab es auch, aber die Disziplinverstöße waren im Bergbau wesentlich geringer als in allen anderen Industriebereichen."

Herr P. befindet sich mit seiner Intervention nun gewissermaßen zwischen Baum und Borke, zwischen Arbeitern und Direktoren. Mit Blick auf diese ambivalente Position, in der er sich sowohl mit seiner Herkunft wie auch mit dem neuen Status verbunden fühlt, betont er, dass es immer nur um die Sache geht, um die Planerfüllung, die Tradition, die Ehre des Berufsstandes - nicht um Persönliches. Während die Arbeiter sich in den Fünfzigern etablierten, waren die Aufsteiger aus der Arbeiterschicht noch damit beschäftigt, sich die formellen und informellen Standards ihres Standes anzueignen, sich zu beweisen, zu bewähren und zu behaupten. Geschichten von ausschweifenden Freizeitereignissen, gar von Normverletzungen - wie sie die Arbeiter erzählen - sind hier offensichtlich nicht zu erwarten. Auch von Urlaub oder Reisen gibt es hier weniger zu berichten.

"Urlaub war generell kein Thema, aber für mich im Besonderen war es noch weniger ein Thema, ich war kein Urlaubsfan", meint Herr P. "Wir haben keinen Urlaub gemacht, dafür haben wir kein Geld ausgegeben. Das Geld war am Ende vom Monat immer alle, und dann hatten wir ja noch unsere Mutter in G. zu versorgen, . . . wir haben sie jeden Monat mit hundert Mark unterstützt." Wenn die Kinder Ferien hatten, fuhr Familie P. zu den Eltern aufs Land, da gab es wieder Arbeit im elterlichen Hause und für die Kinder einen großen Garten.

Ähnlich wie bei den traditionellen Arbeitern sind die Schilderungen über Geselligkeiten. Die Werte des Gemeinschaftlichen, das kollegiale Miteinander scheinen den proletarischen Aufsteigern wichtig gewesen zu sein. Frau P. berichtet:

"Wir haben oft private Feiern gemacht . . . wir haben den billigen Wein aus W. geholt, es gab Bowle und Kuchen. Bei jedem Fest wurde eine Sülze gemacht, die gestürzt wurde oder ein Frikassee, alles, wo eben viel Masse war. Wir tanzten viel oder machten Polonaise. Bei uns in der Werkswohnung ging es besonders gut, unten waren ja die Büros, das sind wir mit der Polonaise durch und die Wendeltreppe wieder nach oben."

Über welche Themen unterhielt man sich an diesen Abenden?

Herr P.: "Also auf alle Fälle haben wir nicht über Geld und nicht über Politik gesprochen. Das sind ja heute beliebte Themen."

Frau P.: "Wir haben ein bisschen Spaß gehabt. Auch über die Produktion ist nicht gesprochen worden, da war ja kaum mal jemand vom Schacht dabei."

Herr P.: "Oft waren wir auch im Thüringer Hof. Da gab es keine Unterschiede, ob man Arbeiter war, oder ich als technischer Direktor. Wir hatten andere Aufgaben, aber wir lebten in der gleichen Welt. Das ist so ein bisschen was DDR-Typisches."

Frau P.: "Da hat ja auch keiner den Direktor beneidet."

Die Betonung alltagskultureller Gleichheit, das Fehlen jeglicher Distinktion in den Erinnerungen, illustriert nicht nur die Verbundenheit der Aufsteiger mit ihrem Herkunftsmilieu. Es scheint auch den tatsächlichen Verhältnissen entsprochen zu haben. Die Arbeiter sahen die Anstrengungen und Einschränkungen, die ein Aufsteiger damals auf sich nahm, durchaus kritisch. Auch finanziell wirkte dieser Aufstieg für einen Facharbeiter wenig attraktiv. Vor allem mussten sich die Aufsteiger - anders als die Arbeiter - politisch den Erwartungen entsprechend engagieren. Umso bemerkenswerter aber ist, dass es in den Alltagserinnerungen der Aufsteiger an die radikal politisierten fünfziger Jahre keine Erinnerungen an politische Diskussionen im privaten Bereich gibt und auch die Geschichten über den Eintritt in die SED nur beiläufig auftauchen und recht lakonisch daherkommen.

Herr P. konnte 1952 auf der Bergwerksschule, als er sich zum Steiger qualifizierte, dem Parteieintritt nicht "mehr ausweichen . . . ich glaubte, dass das ein Trend ist, und dass man bessere Chancen hat, wenn man in der Partei ist, ich habe auch keine Nachteile vermutet dadurch und habe nicht geglaubt, dass ich da Unrecht tue". Herr C. erzählt von einem Gespräch mit einem älteren Kollegen und späteren Schulfunktionär ". . . auch ein Landsmann von zu Hause, der wohnte vielleicht 20-30 Kilometer von uns weg, der sagte: ,Horch mal zu, du wirst doch wohl begreifen, worum es hier geht. Warum willst du nicht in die SED gehen, da machst du dir keine Schwierigkeiten, du hast doch eine dolle Perspektive.'"

Beide Protagonisten erinnern sich an ähnliche politische Einflüsse auf den Arbeitsalltag. Sowohl der technische Direktor des Kaliwerks als auch der stellvertretende Direktor der EOS [9] wägen in ihren Erinnerungen zwischen sachfremden ideologiegeprägten Direktiven der zentralen Parteiebene einerseits und dem von ihnen repräsentierten bergmännischen bzw. pädagogischen Experten-sachverstand andererseits ab. Der Bergmann meint:

"Alle leitenden Angestellten waren nun mal in der Partei, auch der Kraftwerksdirektor, der hätte mein Vater sein können. Es war aber auch möglich, dass man nicht in der Partei war, wenn der zuständige Direktor seine Hand drüber hielt und sagte: ,Der versteht sein Fach - und damit hat es sich doch wohl?'" Der Pädagoge erinnert sich: "Da sollten wir Anfang der Fünfziger Schüler von der Schule schmeißen, weil sie in der Jungen Gemeinde waren. Wir sagten: ,Wir billigen das nicht, aber wir schmeißen sie nicht raus.' Auch Herrn S., der seit dreißig Jahren den Kirchenchor im Ort leitete und zwei Jahre vor der Pensionierung stand, sollten wir nötigen. Wir als Schulparteiorganisation sagten gegen die Bezirksschulinspektion: ,Das ist ein phantastischer Lehrer und wir werden auf ihn keinerlei Druck ausüben.' Ständig waren diese - wir sagten immer Mordkommandos - an der Schule, sie hatten das eine oder andere aufgegriffen und wollten uns zu verschiedenen Dingen zwingen. Was wir in unserem Schulalltag machten, hatte mit dem, was die echten, scharfen Parteileute im Bezirk wollten, gar nichts zu tun."

Die entlastende Polarität von "Schuften und Genießen" im Alltag der Arbeiter, die sich im Privatbereich in keiner Weise reglementieren ließen, gab es bei den Aufsteigern nicht. Hier musste mit viel Mühe die Balance zwischen Eigensinn, Disziplin und Konformismus gefunden werden. Der Alltag der Aufsteiger war viel stärker politisiert als jener der Arbeiter. Die neuen Vertreter der "sozialistischen Intelligenz" sahen sich zwar mit ihren egalitären Wertvorstellungen in Übereinstimmung mit der neuen politischen Doktrin, viele versuchten aber auch den radikalen, ideologisierten Kampagnen der politischen Praxis auszuweichen oder diese einzudämmen. Das galt auch für den Privatbereich. Herr C. erzählt, wie er, gerade Parteisekretär der Schule geworden, sich entscheiden musste, ob er am Wohnort der Schwiegereltern katholisch heiratet oder nicht:

"Aber ich habe das gemacht . . . außerdem gehöre ich zu den Menschen, die sich in persönliche Dinge nicht reinreden lassen. Das hat mit meinem Genosse-Sein gar nichts zu tun. Ich meine: Diese Familie war eine traditionelle katholische Familie, nicht eine, die jeden Sonntag in die Kirche springt und dem Pfarrer die Füße küsst. Sie war so, wie es bei uns zu Hause war: anständige, brave, gute Menschen. Also das hätte mir ja leid getan, wenn ich den Eltern hätte sagen müssen: Nee, das machen wir nicht. Um Gottes Willen! Die Schwester hat nämlich nicht kirchlich geheiratet, der Bräutigam war FDJ- Kreissekretär. Ich habe mir gesagt, dass ich das meinen Eltern und meinen Schwiegereltern und der ganzen Verwandtschaft schuldig bin. Wir haben dann ein großes Fest gefeiert . . . eine tadellose Hochzeit gefeiert. Und alle die Leute kamen, die Taufpaten, wie die traditionelle Hochzeit so war, und die waren ja so froh, dass wir uns alle auch mal wieder sehen konnten. Ich bin heute richtig froh, dass wir diesen Leuten noch einmal das Vergnügen machten . . . Ich hab's drauf ankommen lassen. 1955 ging das noch. Später wäre es vielleicht schlechter gewesen."

Diese Geschichte öffnet den Blick auf die Wertvorstellungen, die das Pendant oder das Gegengewicht zu den eigenen, ideologiekonformen Vorstellungen und den offiziellen Verhaltensanforderungen bildeten. Die überkommenen Werte des Herkunftsmilieus wie Traditionalität, soziale Verpflichtung oder "Anstand" und der Versuch, die Kirche im Dorfe zu lassen, ließen sie Distanz zu Radikalität, Ideologisierungen und Überspitzungen halten.

Die fünfziger Jahre zählen in den Erinnerungen der Aufsteiger deswegen zu den besten Jahren, weil sie sich in dieser Dekade am stärksten als Macher fühlen konnten, ohne die "der Laden nicht gelaufen wäre". Sie waren (Aus-)Gestalter eines gesellschaftlichen Systems, für das es noch keinen erprobten Bauplan gab. Das bedeutet für Protagonisten dieser Gruppe einerseits, dass sie mit Stolz ihre Lebensleistung in eine historische Dimension projizieren können.

Der Bergmann erinnert sich, dass man ihn später zum Werkleiter "des schwierigsten Kaliwerks in der DDR" berief, um dort "die Sache ins Laufen zu bringen", und der spätere EOS-Direktor resümiert: "An der Schule ist ein neuer Geist eingezogen, die Tore öffneten sich für Kinder einfacher Leute, während man hier früher nur für ganze hundert Privilegierte, für Kinder von Adligen, hohen Offizieren und Beamten da war." Andererseits sehen die Aufsteiger genau das, was sie mit Stolz als ihr Lebenswerk betrachten, durch den Nachwendediskurs delegitimiert oder entwertet, was natürlich an ihren Lebenserinnerungen nichts ändert. [10]

Fußnoten

9.
EOS = Erweiterte Obeschule.
10.
Wohl aber erhalten die Deutungen und Bewertung der Umwälzungen in den 1950ern mit Blick auf die Umwälzungen und Diskurse in den 1990ern neuen Schwung, was hier nicht ausgeführt werden kann.