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22.5.2002 | Von:
Thomas Ahbe
Michael Hofmann

"Eigentlich unsere beste Zeit" Erinnerungen an den DDR-Alltag in verschiedenen Milieus

V. Fazit und Ausblick

Alltagserinnerungen an goldene Jahre erhellen die integrativen Potenziale bestimmter Gesellschaften. Denn das Erlebnis von guten Jahren hängt eben nicht nur von Jugend, Gesundheit und glücklichen Fügungen ab, sondern auch von den Chancen und Integrationsangeboten, die eine Gesellschaft zu bieten vermag.

In der DDR bildete seit den fünfziger Jahren der Kompromiss zwischen den Interessen des Staates und den traditionellen Arbeiterinteressen ein alltägliches Integrationsangebot, dessen Bindekraft erst in den achtziger Jahren nachließ. Bei den Kleingewerbetreibenden und Selbständigen war es genau umgekehrt, sie konnten sich erst am Ende der DDR halbwegs integriert fühlen. Die Alltagserinnerungen von Verkäuferinnen und Angestellten zeigen wiederum vor allem die sechziger Jahre als goldene Jahre, während Angehörige der Intelligenz und Intellektuelle häufig von den siebziger Jahren als ihrer besten Zeit schwärmen. Auf der Alltagsebene erwies sich die DDR zu unterschiedlichen Zeiten für jeweils verschiedene Generationen und soziale Milieus als ein Land mit Integrationskraft. In den achtziger Jahren jedoch konnte die DDR kaum noch zeitgemäße Beteiligungs- und Integrationsangebote offerieren. Im Jahr 1989 sah so gut wie niemand mehr in der DDR eine Zukunft und eine persönliche Chance für sich.

Die DDR verschwand, die Erinnerungen an sie blieben. Zwar wurden diese Erinnerungen in ihrer Geltung massiv in Frage gestellt. Im Schatten der überfälligen Veröffentlichung von Erinnerungen an Repressionen und beschädigten Lebensläufen in der DDR gerieten Erinnerungen an gute Jahre unter Nostalgie-Verdacht. Doch für die Konstruktion von Lebensbilanzen sind sie wichtig. Für wen übrigens die Transformationszeit der Neunziger goldene Jahre sind, wird die Forschung späterer Jahre zeigen. Vermutlich wird in den Erzählungen über den Alltag nach der Wende deutlich werden, dass sich Beteiligungschancen und gesellschaftliche Integrationsangebote vor allem für die mittleren und oberen sozialen Milieus Ostdeutschlands verbessert haben.