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22.5.2002 | Von:
Dagmar Schittly

DDR-Alltag im Film Verbotene und zensierte Spielfilme der DEFA

V. Unerwünschter Realismus

Zu einem dieser Filme gehörte das Werk eines der erfolgreichsten und renommiertesten Regisseure der DEFA, Konrad Wolf, Bruder des Geheimdienstchefs der DDR, Markus Wolf. Der im Jahr 1958 entstandene Spielfilm "Sonnensucher" schildert den Alltag der Bergarbeiter im sowjetisch verwalteten Uranbergwerk "Wismut" aus der Sicht verschiedener Personen. Die authentische und realistische Beschreibung sparte auch die Probleme und Schwierigkeiten der Menschen nicht aus. Typische Nachkriegsschicksale werden ebenso thematisiert wie die Versuche des Neubeginns Gestrandeter. Die Darstellung stieß bei den Parteifunktionären auf derart heftigen Widerstand, dass sich schließlich das Politbüro im Beisein von SED-Chef Walter Ulbricht den Film ansah und notwendige Szenenschnitte bestimmte. Nach der Überarbeitung versuchte die DEFA, die Freigabe des Films zu erreichen. Doch nachdem nun auch der Sowjetunion die dargestellte Uranförderung missfiel, wurde der Film zurückgezogen und erst 14 Jahre später im DDR-Fernsehen ausgestrahlt.

Ein Film, der die alltägliche Situation der Jugendlichen in der DDR aufgriff, geriet Ende der fünfziger Jahre ebenfalls ins Kreuzfeuer der Kritik: Der Regisseur Gerhard Klein und der Autor Wolfgang Kohlhaase realisierten im Stil der italienischen Neorealisten im Jahr 1957 "Berlin - Ecke Schönhauser". Das eindrucksvolle Portrait zweier Freunde in Ostberlin, die einer Gruppe "Halbstarker" angehören, stand ganz in der Tradition ähnlicher westlicher Produktionen wie "Die Halbstarken" oder "Die Saat der Gewalt" mit Marlon Brando. Auch die Jugendlichen in der DDR, die Klein zeigt, hören Rock n' Roll, verbringen ihre Zeit auf der Straße und lehnen sich gegen Konventionen auf. Obwohl bei "Berlin - Ecke Schönhauser" antiwestliche Tendenzen zu erkennen sind, versuchten die Filmemacher gleichzeitig auch die Schwierigkeiten der Jugendlichen im DDR-Alltag realistisch darzustellen. Dabei wird ihr Umfeld kritisch beleuchtet, die Ursachen werden auch in den gesellschaftlichen Verhältnissen gesucht. Dies drückt sich beispielsweise in einem Satz des Protagonisten Dieter aus: "Warum kann ich nicht leben, wie ich will? Warum habt ihr lauter fertige Vorschriften? Wenn ich an der Ecke stehe, bin ich halbstark. Wenn ich Boogie tanze, dann bin ich amerikanisch, und wenn ich das Hemd über der Hose trage, ist es politisch falsch." Auf die Anwerbungsversuche der Jugendorganisation FDJ antwortet er: "Ich bin genau der Typ, der euch nicht passt." So viel Deutlichkeit ging den Funktionären dann doch zu weit: Schon beim Drehbuch erfolgten Korrekturen, da zu viel Negatives im Vordergrund der Handlung stünde. Doch schließlich konnte der Film gedreht werden. Die für das Filmwesen zuständige Hauptverwaltung Film beim Ministerium für Kultur urteilte jedoch: "Da wir den Film für ein Musterbeispiel einer neuen Form von Dogmatismus halten und da wir davon überzeugt sind, dass er schädlich auf unsere Menschen wirken wird, sind wir der Meinung, dass es unverantwortlich wäre, ihn so zuzulassen, und werden auch Testvorführungen in dieser Form nicht zustimmen können." [7] Doch zu diesem Zeitpunkt gab es auch liberalere Stimmen, die sich für eine Aufführung auszusprechen wagten - darunter der damalige FDJ-Funktionär Joachim Herrmann. Der Film wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem Publikumserfolg. Doch musste "Berlin - Ecke Schönhauser" in den darauf folgenden Jahren, die von einer Verhärtung der Kulturpolitik geprägt waren, immer wieder als Beispiel für negative und unerwünschte DEFA-Filme herhalten.

Fußnoten

7.
Zit. n. Ralf Schenk, Mitten im Kalten Krieg, 1950 bis 1960, in: ders. (Hrsg.), Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg, Berlin 1994, S. 130.