APUZ Dossier Bild

22.5.2002 | Von:
Dagmar Schittly

DDR-Alltag im Film Verbotene und zensierte Spielfilme der DEFA

VI. Neuanfang und Kahlschlag

Anfang der sechziger Jahre befand sich der DEFA-Spielfilm angesichts permanenter Gängelei und Bevormundung im Niedergang: Kaum ein Zuschauer interessierte sich noch für DEFA-Produktionen, international spielte der DDR-Film nahezu keine Rolle mehr. Dies schreckte die Partei auf, die jedoch den Künstlern die Schuld gab: "Die Kenntnisse vieler Filmschaffenden von Problemen unseres Lebens, mit denen sich Millionen Menschen beschäftigen, sind unzureichend." [8]

Aber die Filmschaffenden waren nicht mehr bereit, die für sie unerträglich gewordene Situation stillschweigend hinzunehmen. Immer deutlicher äußerten sie ihre Frustration, wie beispielsweise der Autor Günter Kunert: ". . . denn leider ist es bei uns unmöglich geworden, eine simple Sentenz wie ,Der Winter ist kalt' zu äußern, ohne dass einem vorgeworfen wird, man negiere drei andere wesentliche Jahreszeiten und erkenne außerdem nicht die Kräfte, die in der Lage seien, den Winter zu einem zweiten Sommer umzugestalten." [9] Wie beunruhigt die Funktionäre über diese Stimmung waren, geht aus einer inoffiziellen Mitteilung des Ministeriums für Staatssicherheit hervor: "In vielen Diskussionen ist der Einfluss und die Wirksamkeit der gegnerischen Argumente unverkennbar, z. B. . . . eine wahre sozialistische Filmkunst könne nicht entstehen, weil die propagandistischen Anforderungen, die angeblich von der Partei gestellt werden, mit einer hohen künstlerischen Gestaltung nicht vereinbar seien . . ." [10]

Die Partei reagierte auf die problematische Lage und beschloss einige Neuerungen, darunter finanzielle Anreize und eine personelle Verjüngung der Funktionäre im DEFA-Studio. Die Künstler sollten zudem mehr künstlerische und thematische Freiheiten erhalten. Vor allem der damalige "Filmminister" Günter Witt bemühte sich zu Beginn der sechziger Jahre, eine undogmatischere Linie einzuschlagen.

Vor diesem Hintergrund kam es tatsächlich zu einer Art Aufbruch im DEFA-Film. Es entstanden Filme, die sich mit negativen Erscheinungen im Alltag der DDR - wie Karrierismus, Anpassung und Heuchelei - auseinander setzten. Namhafte Regisseure griffen Themen auf, die aktuell die Menschen beschäftigten, und versuchten, mit ihrer pointierten Darstellung Missstände aufzuzeigen. Doch noch bevor diese Filme ihr Publikum erreichen konnten, griff die Partei ein wie nie zuvor: Nahezu sämtliche zu diesem Zeitpunkt entstandenen DEFA-Produktionen - fast allesamt mit Gegenwartsthematik - wurden verboten, die Verantwortlichen bestraft oder aus dem Filmbetrieb entfernt. Der "Kahlschlag" ereignete sich während des berüchtigten 11. Plenums des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965. Zwei Filme zog die Partei exemplarisch für die gesamte Entwicklung des Filmwesens heran: "Denk bloß nicht, ich heule" von Frank Vogel und "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig. Mit ihrer Darstellung einer angeblich dem "Sozialismus fremden Lebensweise" stellten diese Filme in den Augen der Partei eine Gefährdung für die Bevölkerung dar. Im Hauptreferat von Erich Honecker fielen die deutlichsten Worte: "Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte. . . . In einigen während der letzten Monate bei der DEFA produzierten Filmen, ,Das Kaninchen bin ich' und ,Denk bloß nicht, ich heule' . . ., zeigen sich dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen." [11]

Der spektakulärste Fall war der Fall Maetzig, einer der namhaftesten Regisseure der DEFA - Schöpfer der propagandistischen "Thälmann-Filme". In "Das Kaninchen bin ich" schilderte er die Beziehung einer jungen Frau zu einem opportunistischen und karrieristischen Richter. Der Film sollte "etwas vom Lebensgefühl unserer jungen Generation" vermitteln. [12] Von Beginn an hatte es Probleme mit diesem Filmvorhaben gegeben - bereits die literarische Vorlage von Manfred Bieler wurde nicht freigegeben. Auch im Verlauf der Produktion kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem DEFA-Studio und Parteiinstanzen. Dennoch wurde "Das Kaninchen bin ich" am 26. Oktober 1965 nach einigen Veränderungen zugelassen. Kaum jemand rechnete nun mehr mit Schwierigkeiten. Doch was dann folgte, war ein Paukenschlag: Während des 11. Plenums wurde der Film aufs schärfste verurteilt und die Beteiligten rüde angegriffen. Der Leiter der Abteilung Kultur im ZK der SED, Siegfried Wagner, erklärte, der Film enthielte eine "Verzerrung unserer sozialistischen Wirklichkeit und des Wirkens der Rolle der Partei" [13] . Durch sämtliche Reden zog sich der Vorwurf, mit dem Film hätten die Beteiligten gegen den Staat und die Partei agiert. Nur vereinzelt wagten es Referenten, den Versuch der Filmschaffenden anzuerkennen, "schwierige Konfliktsituationen der Gegenwart zu bewältigen" [14] .

Die DEFA-Produktionen der sechziger Jahre hätten das Potenzial gehabt, das Publikum zurückzuerobern - denn sie zeigten echte, alltägliche Schwierigkeiten und Probleme, mit denen sich die Bevölkerung identifizieren konnte. Doch die Partei verhinderte diesen Neuanfang; die kritischen Filme der Jahre 1965/66, darunter Günter Stahnkes Werk mit dem programmatischen Titel "Der Frühling braucht Zeit" oder der ästhetisch außergewöhnliche erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Jürgen Böttcher, "Jahrgang 45", gelangten nicht zur Aufführung oder wurden mitten in der Produktion abgebrochen. Alle wichtigen Positionen der Organe wurden neu besetzt, die Kontrolle noch stärker ausgebaut als zuvor.

In den Sog des 11. Plenums geriet ebenfalls einer der heute bekanntesten Spielfilme der DEFA: "Spur der Steine" von Frank Beyer mit Manfred Krug in der Hauptrolle. Er gelangte trotz des 11. Plenums des ZK nach einigem Hin und Her zur Aufführung, wurde jedoch wenige Tage später nach von der SED organisierten Protesten aus den Kinos genommen. "Spur der Steine" entstand nach Motiven des gleichnamigen Bestsellers von Erik Neutsch. Während bei der literarischen Vorlage die kritischen Untertöne noch hingenommen worden waren, intervenierte die Partei bei der zugespitzten filmischen Fassung - wenn auch mit Verspätung. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Zimmermannsbrigade "Balla", ein raubeiniges Septett, das ohne Respekt vor Partei und Staat auf der Großbaustelle Schkona regiert. Auch in diesem DEFA-Film werden erneut Karrierismus, wirtschaftliche Mängel und fehlendes Verantwortungsbewusstsein thematisiert. Stilistisch an einen Western erinnernd, sind auch die Methoden der Brigade rau und anarchistisch. Die Identifikationsfigur bildete zweifellos Manfred Krug mit seiner überzeugenden Darstellung des Brigadeführers "Balla". Schon die ersten Diskussionen in der Entstehungsphase zeigten, dass die Partei eine kritische Haltung zu dem Werk einnahm. In der Hauptverwaltung Film hieß es, "dass dieser Film eine falsche Darstellung der Partei und eine uns fremde Ideologie beinhaltet" [15] . Doch offensichtlich herrschte in der Partei keine Einigkeit über den Film - einige Funktionäre hielten an "Spur der Steine" fest. Nach mehreren Änderungen sollte der Film im Politbüro vorgeführt werden.

Etliche Schwierigkeiten und Bedenken wurden schließlich - da sich auch Chefideologe Kurt Hager für "Spur der Steine" einsetzte - überwunden, und im Mai 1966 erfolgte die Zulassung. Nach der Premiere schlug die Stimmung jedoch um: Im Juni wurde durch Politbüro und ZK der SED beschlossen, den Einsatz des Filmes kurzfristig zu beenden. Argumente waren unter anderem die Abwertung der Funktionäre der Partei im Film sowie die angeblich vorhandene Tendenz gegen Partei und Staat. Die Vorführungen wurden daraufhin von bestellten Protestierern gestört, welche die angebliche Ablehnung des Films durch das Publikum deutlich machen sollten. "Spur der Steine" wurde abgesetzt und verboten. Der Regisseur Frank Beyer musste das DEFA-Studio verlassen und wurde aufgefordert, an einem Theater außerhalb Berlins zu arbeiten. Erst nach dem Ende der DDR kam "Spur der Steine" wieder in die Kinos.

Fußnoten

8.
Protokoll der Politbüro-Sitzung Nr. 52/61, SAPMO DY 30/J IV/2/2/794, S. 1 ff.
9.
Antwort von Günter Kunert im Rahmen einer Umfrage, in: Deutsche Filmkunst, (1961) 5, S. 156.
10.
Bericht über einige Gesichtspunkte zur Verbesserung der Spielfilmproduktion der DEFA, 10. Juli 1961, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Signatur ZAIG 442, S. 1-22.
11.
Erich Honecker, Ein sauberer Staat mit unverrückbaren Maßstäben, in: 20. Internationales Forum des Jungen Films 1990, Informationsblatt Nr. 15, Berlin 1990.
12.
Die Union, 2. September 1965.
13.
Referat von Siegfried Wagner vor dem 11. Plenum, SAPMO, Signatur DY 30/IV 2/1/337 (Politbüro), S 328.
14.
So Siegfried Wagner, nachdem auch er während des Plenums angegriffen wurde.
15.
Akte des Ministeriums für Kultur/HV Film. Bericht über Anteil der Abt. Filmproduktion an der ideologischen Auseinandersetzung um den Spielfilm "Spur der Steine" vom 30.'Juni 1966, Bundesarchiv - Filmarchiv, Berlin.