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22.5.2002 | Von:
Dagmar Schittly

DDR-Alltag im Film Verbotene und zensierte Spielfilme der DEFA

VII. Rückzug ins Private

Von dem vernichtenden Kahlschlag des 11. Plenums sollte sich das Filmwesen der DDR nie mehr ganz erholen, das Vertrauen zwischen den Künstlern und der Partei war endgültig zerstört. Nur langsam ging es bei der DEFA wieder aufwärts. Ein Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit gab die Stimmung und Verunsicherung unter Künstlern wie auch Funktionären wieder: "Würden ,risikolose und politisch eindeutige' - gemeint im Sinne von konfliktlosen und einfachen - Filme produziert, erziele man damit keine Resonanz in der Bevölkerung. Würde man sich an kompliziertere und problematische Stoffe wagen, könne man auf Grund der ,Überängstlichkeit und des Unvermögens der Leitungen' noch wegen politischer Fehler kritisiert werden." [16]

Die Situation im Filmwesen entspannte sich scheinbar erst, als auf Druck Moskaus im Jahr 1971 die Ablösung von Staatschef Ulbricht durch Honecker erfolgte. Dessen Äußerungen machten Hoffnung, kündigte sich doch eine "Liberalisierung" der kulturpolitischen Linie der SED an. Aber nach wie vor hatte die DEFA mit einem massiven Besucherrückgang zu kämpfen - die Qualität der Produktionen nahm immer mehr ab. Der Regisseur Günther Rücker erklärte: "Die Filmemacher sollten darüber sprechen, wie so viel Lebenswahrheit aus unseren Filmen verloren ging, denn mit ihrem Verlust ging der Verlust der Besucher in den Kinos Hand in Hand." [17] Die Partei versuchte durch einige filmpolitische Lockerungen, wie beispielsweise die Zuassung bisher verbotener Produktionen, das Filmwesen wieder anzukurbeln. Es sollte ein vertrauensvolleres Klima zwischen Partei und Kunst geschaffen werden.

In den siebziger Jahren wurden "brisante" politische Themen im Bereich des Filmes aber nach wie vor gemieden. Vielmehr gingen die Filmschaffenden dazu über, den Blick auf das Private zu richten. So fand der "dokumentare Realismus" in den siebziger Jahren zunehmend Anhänger unter den jüngeren Regisseuren. Kennzeichnend für diese Stilrichtung war das Drehen an Originalschauplätzen und mit Laiendarstellern. Die Handlung drehte sich überwiegend um Alltagsprobleme in der DDR. Die Filmemacher versuchten, dem bisherigen Dogmatismus sowie gesamtpolitischen Parolen auszuweichen und neue Wege zu gehen. Von nun an rückten verstärkt Einzelschicksale und Ausschnitte des DDR-Lebens in den Vordergrund. Zum Hauptgegenstand der Filme wurde die Frage nach der Möglichkeit, Glücksansprüche im DDR-Alltag zu verwirklichen. Die Partei beobachtete das Entstehen dieser neuen filmischen Bewegung mit Unbehagen - vermutete man doch sogleich eine oppositionelle "Plattform". Zudem wurde kritisiert, dass die entstandenen Werke nicht ausreichend politisch Stellung bezögen und deprimierend auf die Zuschauer wirken könnten.

Schon bald zeigten erneute Eingriffe von Parteiseite, dass es mit der scheinbaren Liberalisierung der Filmpolitik nicht allzu weit her war. Insbesondere der Regisseur Egon Günther hatte mit der Zensur zu kämpfen. Gleich zwei seiner Filme, "Der Dritte" und "Die Schlüssel", waren massiver Kritik ausgesetzt. Den Produktionen, die zu den bemerkenswertesten DEFA-Erzeugnissen gehören, blieben Schnitte, Korrekturen und spätere Verbote nicht erspart. "Die Schlüssel" (1974) zeigt ein junges Paar, das nach Polen reist und dessen Glück durch den tragischen Tod der Frau jäh zerstört wird. Der Film ist in einem dokumentarisch nüchternen Stil gedreht und versucht so, den Blick des Publikums für die Wirklichkeit zu schärfen. Nach zahllosen Änderungen kam "Die Schlüssel" zwar zur Aufführung, wurde aber später nicht mehr gezeigt und Anfang der achtziger Jahre vollständig verboten. In "Der Dritte" erzählt Günther die wahre Geschichte der Margit Fliesser, die nach zwei gescheiterten Beziehungen nun auf der Suche nach dem dritten und richtigen Mann ist. Das differenzierte Frauenportrait zeigt ungeschönt und mit einer ungewohnten Offenheit die Probleme und Schwierigkeiten einer allein stehenden Frau im Alltag der DDR. Bereits in der Produktionsphase gab es Kritik von den unterschiedlichsten Seiten, zum Beispiel vom Demokratischen Frauenbund, aber am Ende bestimmte Kurt Hager persönlich, dass es zur Aufführung des Films kommen solle. [18] Doch folgten bei weiteren Filmprojekten des realistischen, dokumentaren Stils mehrfach Eingriffe durch die Partei. Die Verfilmung des Romans "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann im Jahr 1975 wurde sogar gänzlich untersagt.

Beinahe parallel entwickelte sich bei der DEFA der "dramatisch-emotionale Stil", der dem nüchternen, dokumentaren Realismus Gefühle und Leidenschaft auf der Leinwand entgegensetzte. Diese Filme waren beim Publikum sehr erfolgreich; das bekannteste Werk dieser Richtung, "Die Legende von Paul und Paula" von Regisseur Heiner Carow aus dem Jahr 1972, wurde zu einem der größten Kassenschlager des DDR-Films - trotz kritischer Stimmen, die dem Film zu viel Freizügigkeit vorwarfen. Im Zentrum dieser Filme standen häufig unkonventionelle Hauptfiguren, Ausbruchsversuche aus dem Alltag und das Aufbegehren gegen starre Regeln und Kleinbürgerlichkeit. Sie stellten die Frage, ob ein Ausbruch des Einzelnen aus der "geschlossenen Gesellschaft" der DDR möglich sei. So auch im größten Erfolg der DEFA, Konrad Wolfs "Solo Sunny" (1980), der das Leben der unangepassten Sängerin Sunny (Renate Krößner) im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg erzählt. Milieugetreu schildert Wolf ihre Schwierigkeiten mit Anspruch und Wirklichkeit, ihre Sehnsüchte stoßen auf Ordnungsdenken und Kleinkariertheit. Viele Zuschauer konnten sich mit der Protagonistin identifizieren, die den Ausbruch "im langweiligsten Land der Welt" - wie Hauptfigur Edgar Wibeau die DDR in Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." bezeichnet - wagt. Nach zehn Wochen hatten bereits mehr als eine halbe Million Zuschauer "Solo Sunny" gesehen. Bei den Berliner Filmfestspielen erhielt der Film den ersten Preis der internationalen Filmkritik, Renate Krößner den Preis für die beste weibliche Hauptrolle.

"Solo Sunny" war einer der zahlreichen "Frauenfilme" der DEFA, welche die gesamten achtziger Jahre prägen sollten.

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im Jahr 1976 und die damit einhergehende Spaltung zwischen der Partei und zahlreichen Künstlern ließ auch das Filmwesen nicht unberührt, insbesondere, da nun auch die Staatssicherheit ihre Aktivitäten massiv verstärkte - hatte man ihr doch zahlreiche Versäumnisse im Zusammenhang mit der Biermann-Affäre vorgeworfen. Jeder Schritt derjenigen Filmkünstler, welche die Protestresolutionen gegen die Ausbürgerung unterschrieben oder die Kontakt zu Unterzeichnern hatten, wurde akribisch überwacht. Viele von ihnen bekamen Probleme bei der Arbeit im DEFA-Studio, weshalb einige begannen, im Westen zu arbeiten - wie Frank Beyer oder Egon Günther. Der Einsatz von Filmen, an denen am Protest Beteiligte mitgewirkt hatten, wurde ebenfalls erschwert. So wurden die Filme und die Musik von Manfred Krug nach seiner Übersiedlung in den Westen in der DDR verboten.

Fußnoten

16.
Information über einige Erscheinungen im VEB DEFA-Studio für Spielfilme und in der Leitungstätigkeit im Filmbereich, 30. Januar 1969, BStU, Signatur ZAIG 1648, S. 1-13.
17.
Zit. n. Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR, Köln 1994, S. 154.
18.
Dies wird deutlich aus einer Aktennotiz über ein Gespräch mit "Filmminister" Günter Klein am 23. 12. 1971. SAPMO IV A 2/906/124 (ZK Kultur).