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22.5.2002 | Von:
Dagmar Schittly

DDR-Alltag im Film Verbotene und zensierte Spielfilme der DEFA

VIII. Ringen um Stabilität

Die achtziger Jahre erwiesen sich auch für den Kulturbereich der DDR als Jahre der Stagnation und Resignation. Die Regierung sah sich vor großen wirtschaftlichen und innenpolitischen Schwierigkeiten. Der folgende Schlingerkurs führte zu Verunsicherung und Unzufriedenheit. Angesichts der unveränderten Haltung der DDR-Führung nach dem durch Gorbatschow eingeleiteten Öffnungskurs in der Sowjetunion nahmen die Irritationen und Unsicherheiten unter den Künstlern weiter zu. Für den Filmbereich mehrten sich die Signale, die Künstler sollten es mit ihrer Wahrheitssuche und Offenheit nicht übertreiben. Im SED-Organ "Neues Deutschland" erschien ein Artikel, der die Filmschaffenden erneut einschüchterte. [19]

Das Verbot von "Jadup und Boel" (1980/Aufführung 1988), der Regiearbeit von Rainer Simon, erschütterte das Verhältnis zwischen Partei und Film erneut nachhaltig. Die Geschichte von der Wandlung eines Bürgermeisters in einer typischen DDR-Kleinstadt hatte offensichtlich zu deutlich auf Schwächen des Systems hingedeutet. Obwohl die Filmemacher heftig um die Aufführung kämpften, erteilte die Partei die Zulassung nicht. Derartig zermürbende Auseinandersetzungen hinterließen Spuren im Filmwesen. Die Agonie im DDR-Film schritt Mitte der achtziger Jahre immer weiter fort.

Ende der achtziger Jahre überschlugen sich die Ereignisse. Die Filmschaffenden hofften nun, nach dem Sturz des alten Regimes, auf die Abschaffung der Zensur und auf ein ungestörtes Arbeiten. Doch die angestoßenen Umstrukturierungen innerhalb der DEFA kamen zu spät: Die DEFA wurde 1992 an einen französischen Investor verkauft und die Mehrzahl der Beschäftigten entlassen. Auch die zur Wendezeit entstandenen Werke, viele davon zuvor auf Eis gelegt, fanden keine Zuschauer. Der DEFA-Film stieß auf kein Interesse mehr.

Auch heute sind DEFA-Produktionen, ausgenommen Klassiker wie "Spur der Steine", selten zu sehen. Dabei lohnt sich die Betrachtung aus vielerlei Gründen. Viele DEFA-Filme sind von der aufrichtigen Absicht geprägt, anspruchsvolle Kunstwerke mit einer authentischen Darstellung, einem "oft unbewussten Abbilden von Befindlichkeiten und Umständen", so Egon Günther, zu schaffen. Damit bieten sie als zeitgeschichtliche Dokumente einzigartige Einblicke in die gesellschaftliche Realität der DDR und den Alltag der Menschen. Und die Beschäftigung mit dem DEFA-Filmerbe macht dabei eines ganz deutlich: Alltag war in der DDR nie privat, sondern immer politisch.

Internetverweise der Autorin:

Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv:
www.bundesarchiv.de

Bibliothek der Hochschule für Film und Fernsehen, Potsdam:
www.bibl.hff-potsdam.de

Filmmuseum Potsdam:
www.filmmuseum-potsdam.de

Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin:
www.kinemathek.de bzw. www.filmmuseum-berlin.de

DEFA-Stiftung:
www.defa-stiftung.de

Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur:
www.stiftung-aufarbeitung.de

Fußnoten

19.
Der Brief stammte von einem gewissen Hubert Vater, über dessen Identität viel spekuliert wurde. Hubert Vater, Erwartungen eines Lesers an DEFA und Fernsehen - was ich mir von unseren Filmemachern wünsche, in: Neues Deutschland vom 18. 11. 1981.