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22.5.2002 | Von:
Sylvia Klötzer

"Über-Lebenszeit": Kabarett in der Transformation

Die Dresdner "Herkuleskeule" vor und nach 1989

Wie hat sich satirische Kritik eingebunden in die SED-Parteiöffentlichkeit ausgebildet und sich daraus gelöst? Eine Untersuchung am Beispiel von drei Produktionen der "Herkuleskeule".

Einleitung

"Frustrierte Autoren wollen Partei und Staat beleidigen." [1] Die Beschwerde eines Dresdner Kulturfunktionärs aus dem Sommer 1986 galt der vorletzten DDR-Produktion der "Herkuleskeule". Das Stück "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle", geschrieben von Peter Ensikat und Wolfgang Schaller, inszeniert von Gisela Oechelhaeuser, kam schließlich nach längerem "Lavieren" [2] auf Seiten der zuständigen Kulturabteilungen durch die "Interessentenprobe" - die Zensurabnahme - und hatte kurz darauf am 22. Dezember 1986 Premiere.

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  • In gewisser Hinsicht hatte der Kulturfunktionär Recht: Hier lag tatsächlich ein Kabarettstück vor, das den Zustand der DDR in den Blick nahm - keineswegs wohlwollend. Das bis dahin konsequenteste Programm von Ensikat und Schaller "beleidigt" orthodox gesonnene Funktionäre, indem es sie mit den eigenen Ritualen und Lügen konfrontiert. Das Urteil "frustrierte Autoren" besagt jedoch nicht weniger, als dass auch damals Satire im Sinne Tucholskys gelingen konnte und diese traf. In "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" lässt sich ein letztes Mal ein ernsthaftes Bemühen "gekränkter Idealisten" [3] erkennen, gegen das "Schlechte" im Sozialismus anzurennen in der Hoffnung, dieser könne doch noch "gut" werden, weil er möglicherweise reformierbar sei. Dieser Funke Hoffnung hatte sich an Michail Gorbatschows Glasnost-Politik entzündet und Mitte der achtziger Jahre noch einmal die Energie freigesetzt, gegen die gesellschaftliche Lähmung vorzugehen und sich am Thema der sich weitenden Kluft zwischen offiziell behaupteten gesellschaftlichen Grundsätzen, Zielen und Zuständen auf der einen Seite und der deprimierenden sozialen Wirklichkeit auf der anderen abzuarbeiten. Dieser Ansatz wiederum konnte noch notdürftig als "helfende Kritik" durchgehen, welche die SED von ihrem Kabarett verlangte, die sich jedoch bereits auf die Auftraggeber selbst richtete. Mit dieser Produktion enden - noch vor "Über-Lebenszeit" vom Dezember 1988 - die DDR-Stücke der beiden Autoren an der "Herkuleskeule". "Über-Lebenszeit" weist über die DDR hinaus. Der Gedanke an Reformierbarkeit fehlt. Stattdessen geht es um die Enthüllung des DDR-Systems. Die Satiriker können nur noch bitter und resigniert das Ableben ihres Ideals feststellen, das mit der DDR verbunden war.

    Im Folgenden wird am Beispiel der 1986er Produktion "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" rekonstruiert, was ein Kabarett in der DDR, das zu den Spitzenensembles gehörte, ausmachte. Ein Vergleich zum Programm "Über-Lebenszeit" von 1988, das in der Wendezeit weiter gespielt werden konnte, sowie ein Ausblick auf ein Programm von 1995, "Perlen vor die Säue", das die eigene Vergangenheit - auch die des Kabaretts selbst - zum Thema machte, zielt auf die Frage nach den Prägungen und dem Profil eines nun ostdeutschen Kabaretts.

    Fußnoten

    1.
    SED-Bezirksleitung Dresden, Abt. Kultur, Cassier: Aktennotiz zur Sofortinformation betr. neues Programm der Herkuleskeule vom 24. 6. 1986, in der der Vorwurf des Leiters der Abteilung Kultur im Dresdner Rat des Bezirks, Schumann, festgehalten ist. SächHStA IV E-2/9/02/570. (Säch HStA = Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden).
    2.
    "Es war immer von allen ein Lavieren", beschrieb Wolfgang Schaller zutreffend die Art der Auseinandersetzung von Seiten der Kulturabteilung in der Dresdner SED-Bezirksleitung sowie im Rat des Bezirkes Dresden. Vgl. Interview der Autorin mit Wolfgang Schaller am 4.3.1999 in Dresden.
    3.
    "Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist; er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an." Kurt Tucholsky, Was darf die Satire?, in: ders., Deutschland, Deutschland unter anderen, Berlin 1957, S. 11.