APUZ Dossier Bild

22.5.2002 | Von:
Rainer Gries
Silke Satjukow

Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"

I. Adolf Hennecke, der Held des Aufbaus

Vor allem einer von ihnen behauptete sich jahrzehntelang im Heldenpantheon der DDR - der Bergmann Adolf Hennecke. [8] Dass er die Arbeitsnorm mit sagenhaften 387 Prozent erfüllt hatte, wusste bald jedes Kind. Sprüche wie "Es gießt wie Hennecke", wenn es stark regnete, und "Der rennt wie Hennecke" bei einem, der es eilig hatte, gehörten zur Sprache des Alltags. Wie aber gelangte ein einfacher Mann aus dem Zwickauer Tagebau zu solcher Resonanz?

Als Adolf Hennecke seine legendäre Schicht fährt, ist er dreiundvierzig Jahre alt. Weder sein Alter, noch sein unscheinbares Äußeres erinnern an die jugendlich strahlenden Heroen der gerade abgehängten nationalsozialistischen Propaganda-Plakate. Weder ist er übermäßig muskulös, noch vermögen es seine eingefallenen, schon zerfurchten Wangen und seine blonden schütteren Haare, Menschen in ihren Bann zu ziehen.

Hennecke war 1905 in einem Dorf in Westfalen geboren worden. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er bei einem Onkel auf, der wie sein Vater Bergarbeiter war. Adolf, der als begabter Schüler galt, wollte es einmal besser haben und erlernte den Kaufmannsberuf. Nachdem er jedoch immer wieder arbeitslos wurde, entschloss er sich schließlich doch, Kumpel zu werden. Nach über zwanzig Jahren im Schacht, im Jahr 1946, tritt Adolf Hennecke, der sich bisher nie einer Partei zugehörig gefühlt hatte, in die SPD ein. Er habe das neue Deutschland mitgestalten wollen, erinnert er sich später. Der fleißige Arbeiter wird denn auch im Sommer 1947 zur Parteischule geschickt und steigt zum Schulungsreferenten auf - Hennecke bleibt indes weiter der Adolf von nebenan, weit davon entfernt, sich zum ideologischen Eiferer zu entwickeln. Adolf Henneckes Entscheidung, mit seiner Arbeit zum Aufbau des Landes beizutragen, stellte ihn in eine Reihe mit weiteren entschlossenen Aktivisten.

Bereits seit über einem Jahr versuchte die Partei, nach Vorbild der sowjetischen "Stachanowzen" auf Betriebsebene "sozialistische" Wettbewerbe zu initiieren. Im Juli 1948 meldeten die Verantwortlichen in den sächsischen Steinkohlegruben über 2 000 Aktivisten an die Berliner Zentrale. Kaum jemand allerdings nahm Notiz von ihnen. Die Öffentlichkeit jedenfalls ließ, wenn sie überhaupt aufmerksam wurde, nur Verachtung für die "Russenknechte" erkennen.

Das änderte sich schlagartig mit der spektakulären Schicht von Adolf Hennecke. Wenige Tage nach seiner Tat kannte jeder seinen Namen. Die westliche Presse kommentierte ironisch, die Ostpresse lobpreiste. Manche warfen Hennecke die Fensterscheiben ein, zündeten sein Auto an. Andere schrieben ihm Briefe und Gedichte.

Am Samstag, dem 9. Oktober 1948, saßen die Direktion des Oelsnitzer Steinkohlenwerks "Gottes Segen", Funktionäre der SED und des Gewerkschaftsbundes FDGB sowie Mitarbeiter der von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) herausgegebenen Zeitung "Tägliche Rundschau" beisammen, um eine Aktion zu planen, welche die seit Sommer bedrohlich stagnierende Kohleförderung neu ankurbeln sollte. Die Idee der Funktionäre war, dass man einen Kumpel finden müsse, der ähnlich dem sowjetischen Aktivisten Alexej Stachanow zum Vorbild für die anderen würde. Der "deutsche" Stachanow, den man an diesem Samstag verpflichten wollte, hatte zu beweisen, dass schnelleres Arbeiten mit der nötigen Technik kein Hexenwerk war, sondern von jedem gewöhnlichen Bergmann zu bewältigen sei. Für die Versammelten stellte sich lediglich die Frage, wer diese Leistung denn bringen sollte. Man ließ zunächst den Bergmann Franz Franik aus dem Schacht ausfahren. Der arbeitsame, noch junge Mann galt als erste Wahl, lehnte aber ab. Die nicht zuletzt durch die Kohleforderungen seitens der sowjetischen Besatzer unter Druck geratenen Parteibeaufragten versuchten ihr Glück nun bei Adolf Hennecke. Der gestandene Bergmann war seit September Arbeitsinstrukteur, außerdem Genosse - und stimmte nach einiger Überzeugungsarbeit einer außerordentlichen Schicht zu.

Wenige Tage später, am 13. Oktober 1948, fuhr Hennecke eine Stunde früher als gewöhnlich in den Schacht. Eine solche zukunftsweisende Tat wollten die Organisatoren nicht dem Zufall überlassen, vielmehr musste sie gut vorbereitet werden. Die besten Werkzeuge standen dem Aktivisten zur Verfügung, die Abbaustelle hatte er sich am Tag zuvor selbst ausgesucht. Als er schließlich um 13:15 Uhr ausfuhr, hatte er das Tagessoll zu fast vierhundert Prozent erfüllt. Zwar traf das herbeibeorderte Jubelkomitee zu spät am Schacht ein und auch die anwesenden Kumpel machten keinerlei Anstalten, Hennecke zu seiner Leistung zu gratulieren. - Für die öffentliche Propagierung der Tat spielte dies jedoch keine Rolle. Schon wenige Tage später nämlich "perfektionierte" eine eigens in Auftrag gegebene Pressedokumentation das spektakuläre Ereignis. Nun gab es keine Pannen mehr. Ein propagandistischer Dokumentarfilm, in der Wochenschau und zu unzähligen weiteren Anlässen gezeigt, vermittelte einen ganz anderen Eindruck von den Geschehnissen des 13. Oktober. Hier empfängt nun ein aus Funktionären und Kumpeln bestehendes Empfangskomitee den erschöpften, aber glücklichen Hennecke. Allen schien klar zu sein, dass diese Schicht die genau richtige Tat im genau richtigen Moment war. Und so schien auch die üppige Prämie gerechtfertigt, die an Hennecke ging.

Drei Tage nach der bei den Kumpeln höchst umstrittenen Schicht veröffentlichte die "Tägliche Rundschau" den am Samstag zuvor konzipierten Beitrag. Von jetzt an erschien kaum noch eine Zeitung ohne eine enthusiastische Hennecke-Schlagzeile - kein Leitartikel, in dem nicht seine Tat gerühmt wurde. Der Rundfunk schaltete sich ein, Hennecke hörte man auf allen Wellen. Schlagzeilen wie: "Henneckes Beispiel reißt uns alle mit", "Die Henneckes - Vorbilder für alle", "Wir brauchen viele Henneckes" regierten die Titelseiten der Zeitungen.

Fußnoten

8.
Die folgenden Ausführungen zu Hennecke stützen sich auf Archivbestände des Bundesarchivs Berlin, vor allem auf Adolf Henneckes Nachlass, sowie auf einschlägige Quellen des Sächsischen Staatsarchivs Dresden und des Bergbau-Archivs in Freiberg (Sachsen).