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Der Wahlkampf als Ritual

Zur Inszenierung der Demokratie in der Multioptionsgesellschaft


22.5.2002
Der Beitrag beschreibt zunächst die Strukturen und Funktionen von Wahlkampfkommunikation. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Kampagnen als Rituale.

I. Einleitung



In seinem Polit-Märchen "Dave" (1993) entwirft Hollywood-Regisseur Ivan Reitman eine faszinierende Vision von der Möglichkeit "guter Politik" auch in der modernen Gesellschaft. Der engagierte Sozialarbeiter und begnadete Imitator Dave Kovic gelangt über einen Gelegenheitsjob als Präsidenten-Double plötzlich ins Oval Office und damit ins Machtzentrum der Welt. Bei einem Schäferstündchen mit der Sekretärin hatte nämlich der Amtsinhaber einen Infarkt erlitten, und seine Berater hofften nun, mit Dave eine willige Marionette ins Weiße Haus setzen zu können. Dieser jedoch verselbständigt sich zunehmend und zeigt einer begeisterten Öffentlichkeit, wie man mit gesundem Menschenverstand und moralischer Integrität erfolgreich ein Land regiert. Ein altes Märchenthema zu den Machtbeziehungen zwischen "unten" und "oben".

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  • Die entscheidende, "moderne" Pointe erfolgt jedoch zum Schluss des Films. Dave wird es unbehaglich in seiner Position. Er macht sich klar, dass er sich ungeachtet seiner Erfolge eigentlich ins Amt geschlichen hat und somit keine politische Legitimität besitzt. Durch eine geschickte Inszenierung gelingt es ihm, ohne Gesichtsverlust aus seiner bisherigen Rolle auszusteigen und nun, mit seiner eigenen Identität, tatsächlich eine Karriere als Politiker anzustreben. Diese Karriere beginnt - wie könnte es anders sein - in einem kleinen Wahlkampfbüro. Dort betreibt Dave gemeinsam mit den engsten Vertrauten seine Kampagne für die örtlichen Stadtratswahlen.

    Gute Politik, so die Botschaft der Geschichte, ist ohne ordentliche Wahlen nicht möglich. Für den politischen Akteur - so eine weitere Parallele - bedeuten Wahlkämpfe "rites de passage", Übergangsrituale, die aus "Privatmenschen" Politiker formen. Und auch für die Bürger ist der Wahlkampf ein Ritual, das ihnen die Funktionsfähigkeit ihres politischen Systems sowie ihre eigene Rolle als Evaluator des politischen Prozesses anschaulich vorführt.

    Diese symbolische Dimension des Wahlkampfes als konstitutives Ritual repräsentativer Demokratien wird in den Diskussionen über Sinn und Zweck heutiger Kampagnen oft übersehen. Wir wollen daher im Folgenden aus Anlass des Bundestagswahljahrs einige grundsätzliche Reflexionen dazu anstellen. [1] Im ersten Abschnitt werden Struktur und Funktionen moderner Wahlkampfkommunikation beschrieben. Im zweiten Abschnitt erfolgt eine genauere Analyse des Wahlkampfs als einer rituellen Inszenierung, in der das Selbstverständnis der demokratischen Ordnung sinnfällig gemacht wird. Im dritten Abschnitt des Aufsatzes wird dann das politische Wählen in Beziehung gesetzt zu der Inflation von allgemeinen Wahlakten, die unser tägliches Leben in der "Multioptionsgesellschaft" kennzeichnet.

    Das Wählen wird hier immer stärker zu einem Marktgeschehen, der Wahlakt nimmt Züge eines spontanen Geschmacksurteils an, und der sichtbare Teil der Politik gerät zur professionell inszenierten Dauerwerbesendung. Diese Entwicklung hat ihre Kosten, aber sie scheint in der medialen Erlebnisgesellschaft unserer Tage kaum umkehrbar. Eine Gefährdung der Demokratie besteht solange nicht, wie die Wähler die ihnen im Ritual des Wahlkampfs zugeschriebene Rolle ernst nehmen, indem sie Amts- und Mandatsinhaber bei politischer Erfolglosigkeit einfach abwählen.


    Fußnoten

    1.
    Zur Struktur und Funktion moderner Wahlkämpfe siehe jetzt die Beiträge in: Andreas Dörner/Ludgera Vogt (Hrsg.), Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual, Frankfurt/M. 2002.