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22.5.2002 | Von:
Andreas Dörner
Ludgera Vogt

Der Wahlkampf als Ritual

Zur Inszenierung der Demokratie in der Multioptionsgesellschaft

II. Wahlkämpfe und ihre Funktionen

Wahlkämpfe gibt es, seit sich Akteure auf Wahlämter jeglicher Art bewerben - somit seit Beginn organisierter menschlicher Gesellungsformen überhaupt. Wahlkämpfer - gleich, ob es um die Funktion des Papstes, eines Sheriffs oder eines Parlamentsabgeordneten geht - versuchen bei den Wahlberechtigten Akzeptanz und Zustimmung in Form von Wählerstimmen zu erlangen. Im Normalfall haben wir es mit Konkurrenzsituationen verschiedener Bewerber zu tun, sodass es für die Wahlkämpfer darum gehen muss, besser als die Mitbewerber dazustehen. Aber auch im eher seltenen Fall konkurrenzloser Einzelkandidaturen muss die erforderliche Zustimmung der Wähler erst errungen werden, wenn die Wahl nicht ergebnislos verlaufen soll.

Zielsetzung eines jeden Wahlkampfes ist aus Sicht der Kandidaten die Stimmenmaximierung. Diese wird in aller Regel durch kommunikative Strategien, im Grenzfall - man denke hier nur an die Endphase der Weimarer Republik oder an autoritäre Regime - auch mit Einschüchterung und Gewaltmitteln angestrebt. Wahlkampf ist somit primär ein Kommunikationsgeschehen, dessen Normalkonstellation in modernen Demokratien darin besteht, dass eine Vielzahl von politischen Parteien und Einzelpersonen antritt, um die für ein Amt oder Mandat erforderlichen Voten zu erringen.

Wenn Wahlkämpfe primär Kommunikationsprozesse sind, dann ist es auch plausibel, dass sie heutzutage hauptsächlich im Forum der Massenmedien geführt werden - auch wenn die Relevanz direkter Begegnungen etwa im Kontext von Wahlveranstaltungen und "Versammlungsöffentlichkeiten" [2] mit stärker interaktivem Charakter nicht völlig unterschätzt werden sollte. Die großen Wahlen sind von den Parteien schon im 19. Jahrhundert maßgeblich in der jeweiligen Lagerpresse vorbereitet worden, und heute ist es nicht übertrieben, wenn man Wahlkämpfe primär als Medienereignisse betrachtet, in denen jeweils drei Faktoren eine Rolle spielen: die Parteien (selten: unabhängige Einzelkandidaten), die Medien selbst sowie die Wähler. [3]

Vor diesem Hintergrund lassen sich sechs zentrale Funktionen von Wahlkampfkommunikation benennen:

1. Wahlkampf dient politischen Akteuren dazu, sich selbst und ihre Position im öffentlichen Wahrnehmungsraum sichtbar zu machen. Präsenz in diesem Wahrnehmungsraum ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass man als Option von den Medien und von den Wählern überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Die Akteure müssen auf der Grundlage vorliegender Erkenntnisse - etwa von Meinungsumfragen - jeweils entscheiden, was bei dieser öffentlichen Präsentation berücksichtigt werden soll, was im Vordergrund steht und was im Hintergrund verbleibt. Dabei geht es um Themen und Personen, um Programme und Visionen, aber auch um das ästhetische Erscheinungsbild der Partei, um Lifestyle-Komponenten und Aufmerksamkeit erheischende Pointen, um Medienereignisse und symbolhafte Gesten.

2. Wahlkampfkommunikation richtet sich jedoch nicht nur an die Medien und Wähler, sondern auch an die jeweils eigenen Parteimitglieder und Eliten, die im Wahlkampf integriert, motiviert und mobilisiert werden müssen. Dabei kommt es weniger auf überzeugende Inhalte an als auf eine optimistische Grundstimmung. Der "Feel-Good-Faktor", der insgesamt in der politischen Kommunikation eine zentrale Rolle spielt, ist hier ganz entscheidend: Nur solche Akteure, die vom Erfolg der eigenen Partei völlig überzeugt sind, setzen sich dann auch mit ganzer Kraft in der täglichen Wahlkampfarbeit ein. [4] Wahlparteitage sind ein zentrales Forum für solches Emotionsmanagement, und sie werden - das hat die Entwicklung in Deutschland spätestens seit dem Leipziger "Krönungsparteitag" der SPD im Frühjahr 1998 gezeigt - mit immer ausgeklügelteren Methoden ästhetisch und emotional gestaltet.

3. Eine "klassische" Funktion des Wahlkampfs ist die Mobilisierung des eigenen Wählerpotenzials. Nur dann, wenn eine Partei die ihr aus traditionalen und sozialstrukturellen Zusammenhängen heraus zugeneigte Wählerschaft auch von der Notwendigkeit der Stimmabgabe überzeugen kann, ist ein Wahlerfolg wahrscheinlich. Im 19. Jahrhundert, aber auch noch weit ins 20. Jahrhundert hinein, war dieser Aspekt der Potenzialausnutzung von ganz entscheidender Bedeutung. [5]

4. Schwieriger gestaltet sich ohne Zweifel die Motivierung und Anwerbung von Wählern, die entweder unentschieden sind oder sogar dem gegnerischen Lager zuneigen. Hier zeigt allerdings die gesellschaftliche Entwicklung, dass feste Wählerbindungen, stabile Koalitionen zwischen Bürgern und Parteien, immer seltener werden. Wähler sind eine zunehmend "volatile", d. h. flüchtige Spezies, um die geworben werden muss, wenn man ihre Stimme erlangen möchte. Dazu einige symptomatische Zahlen aus Deutschland: Die früher unverbrüchlichen Koalitionen zwischen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und der SPD einerseits, kirchlich gebundenen Katholiken und den Unionsparteien andererseits sind heute auf die vergleichsweise geringfügigen Anteile von 13 Prozent bei der SPD und 18 Prozent bei der CDU zurückgegangen. [6] Selbst Parteimitglieder, gemeinhin doch als feste Bataillone ihrer Organisationen an der Wahlurne betrachtet, haben einer Studie von Michael Greven zufolge schon seit der Mitte der achtziger Jahre zu einem guten Drittel jeweils eine andere Partei gewählt. [7] Diverse Studien der Konrad-Adenauer-Stiftung schließlich konnten herausarbeiten, dass der Stammwähleranteil seit den siebziger Jahren ständig gesunken ist. Bei den Wechselwählern dagegen ergibt sich das umgekehrte Bild: So ist der Anteil seit 1980 von damals 24 Prozent bis zum Jahr 1994 auf fast 50 Prozent und somit auf das Doppelte gestiegen - Tendenz weiter steigend. [8] Demographisch betrachtet sterben die typischen Stammwähler altersbedingt wohl bald aus. Das aber bedeutet: Wahlkampfkommunikation "lohnt" sich für die Parteien immer mehr, weil es immer häufiger wechselbereite Wähler gibt, die sich situationsabhängig und meist sehr kurzfristig entscheiden.

5. Neben der Mobilisierung von Wählern für die jeweils eigene Partei darf eine weitere wichtige Funktion des Wahlkampfes nicht übersehen werden: die Mobilisierung der Wählerschaft insgesamt. Dieser Aspekt ist keineswegs trivial, wenn man den Gang zur Wahlurne als eine relevante Form politischer Partizipation (an der natürlich die Parteien ihrerseits partizipieren wollen) ernst nimmt. Die Entwicklung der letzten Jahre deutet in vielen Staaten auf eine Abnahme der Wahlbereitschaft hin. Ob damit automatisch eine Destabilisierung des politischen Systems angezeigt ist, mag dahingestellt sein; die notorisch niedrige Wahlbeteiligung etwa bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen ist kein zwingender Indikator für fehlende Systemstabilität. Aber es bleibt doch zu konstatieren, dass die Akzeptanz einer repräsentativ-demokratischen Ordnung und das Vertrauen in ihr Funktionieren auch an der Bereitschaft der Wähler abgelesen werden kann, zur Wahlurne zu gehen - und sei es, dass sie mit einer "Protestwahl" ihrem Unmut über die praktizierte Politik der etablierten Parteienlandschaft Ausdruck geben wollen.

6. Damit aber wird auch der Blick frei auf eine Dimension von Wahlkämpfen, die in der einschlägigen Literatur häufig übersehen wird: ihre symbolische Funktion. [9] Diese erweist sich in der Tat als wichtige Voraussetzung für die Stabilität eines parlamentarischen politischen Systems, und deshalb soll sie im nächsten Abschnitt ausführlicher behandelt werden.

Fußnoten

2.
Friedhelm Neidhardt, Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, in: ders. (Hrsg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 34, Opladen 1994, S. 10.
3.
Zur neueren Entwicklung der Wahlkämpfe in Deutschland vgl. Christina Holtz-Bacha (Hrsg.), Wahlkampf in den Medien - Wahlkampf mit den Medien. Ein Reader zum Wahljahr 1998, Opladen - Wiesbaden 1999; dies., Wahlwerbung als politische Kultur. Partreienspots im Fernsehen 1957-1998, Wiesbaden 2000; Heinrich Oberreuter (Hrsg.), Umbruch 98. Wähler, Parteien, Kommunikation, München 2001.
4.
Zum Feel-Good-Faktor siehe ausführlich Andreas Dörner, Politainment - Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M. 2001, S. 57 ff.
5.
Vgl. dazu im Überblick Karl Rohe, Wahlen und Wählertraditionen in Deutschland. Kulturelle Grundlagen deutscher Parteien und Parteiensysteme im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1992.
6.
Zu dieser Entwicklung vgl. Elmar Wiesendahl, Wie geht es weiter mit den Großparteien in Deutschland?, in: Aus "Politik und Zeitgeschichte, B 1-2/98, S. 13 ff., und ders., Identitätsauflösung. Anschlusssuche der Großparteien an die postindustrielle Gesellschaft, in: Robert Hettlage/Ludgera Vogt (Hrsg.), Identitäten in der modernen Welt, Wiesbaden 2000, S. 275-297.
7.
Vgl. Michael Th. Greven, Parteimitglieder. Ein empirischer Essay über das politische Alltagsbewusstsein in Parteien, Opladen 1987.
8.
Vgl. Ulrich von Alemann, Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2000, S. 184.
9.
Zur symbolischen Dimension von Wahlkampfkommunikation siehe noch immer grundlegend Murray Edelman, Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns, Frankfurt/M. - New York 1976; Ulrich Sarcinelli, Symbolische Politik. Zur Bedeutung symbolischen Handelns in der Wahlkampfkommunikation der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1987.