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2.7.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Seit Anfang der neunziger Jahre sorgt "die" Globalisierung für Aufregung - nicht nur in Deutschland. Kritiker wenden sich dabei vor allem gegen eine Globalisierung der Wirtschaft und Finanzen.

Einleitung

Seit Anfang der neunziger Jahre sorgt "die" Globalisierung für Aufregung - nicht nur in Deutschland. Kritiker wenden sich gegen eine Globalisierung der Wirtschaft, Finanzen und Umwelt, bei der die industriell hoch entwickelten Länder profitieren und die weniger entwickelten marginalisiert werden oder sich durch zunehmende strukturelle Heterogenität auszeichnen. Das wird auch bei der kulturellen Globalisierung befürchtet, wobei hier vor einer Homogenisierung im Sinne einer Verwestlichung gewarnt wird.

Kulturelle Globalisierung muss jedoch nicht zur Beseitigung kultureller Differenzen führen. Der Staatsminister beim Bundeskanzler, Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Julian Nida-Rümelin,

skizziert in seinem Essay das Konzept einer globalen Zivilgesellschaft, dessen Anliegen nicht kulturelle Nivellierung, sondern die Bewahrung unterschiedlicher kultureller Identitäten ist.

Innerhalb der westlichen Welt wird kulturelle Globalisierung als Bereicherung empfunden: Vielfalt, so Dieter Senghaas in seinem Essay, vermehre das kulturelle Angebot, was zum weltläufigen postmodernen Flair dieser Gesellschaften beitrage. Demgegenüber werde kultureller Außeneinfluss westlicher Prägung in den Entwicklungsgesellschaften der Welt in aller Regel als Angriff auf die eigene Identität begriffen.

Bernd Wagner versteht kulturelle Globalisierung als Arbeitsbegriff für hoch komplexe Prozesse und in sich widersprüchliche Entwicklungen, denen er in seinem Beitrag nachgeht. Auf der allgemeinen Ebene, auf der sich die Diskussionen über kulturelle Globalisierung bewegten, könne es kaum konkrete Aussagen geben. Wagner plädiert vor diesem Hintergrund für eine differenziertere Herangehensweise an das Phänomen. Es komme darauf an, sich die Prozesse, Akteure und Handlungsfelder genauer anzusehen.

Nach Joana Breidenbach und Ina Zukrigl handelt es sich bei der kulturellen Globalisierung um einen dialektischen Prozess: Homogenisierung und Ausdifferenzierung, Konflikt und kulturelle Vermischung, Globalisierung und Lokalisierung stellten keine einander ausschließenden Entwicklungen dar, sondern bedingten sich gegenseitig. Bestimmte Konzepte und Strukturen des modernen Lebens würden mit der Globalisierung weltweit verbreitet. Zugleich nähmen kulturelle Besonderheiten vor dem Hintergrund globaler Strukturen schärfere Konturen an oder würden überhaupt erst geschaffen.

In diesem Sinne sieht der britische Kulturhistoriker Peter Burke in der Verteidigung lokaler Kulturen und Identitäten so etwas wie eine Gegenbewegung zur Globalisierung. Interessant und zukunftweisend scheint ihm die Synthese aus beidem - globalen und lokalen Kulturen und Identitäten - zu sein. Es werde eintreten, was aus der Sicht der Puristen als "Verunreinigung" bezeichnet werden könne: eine kulturelle Unterwanderung mit dem Ergebnis einer Durchmischung und damit des Verschwindens der Nationalstaaten.

Kulturelle Globalisierung bringt Menschen unterschiedlichster Kulturen einander näher. So könnte der Begriff interpretiert werden. Zumindest in Deutschland scheint dies nicht der Fall zu sein. Hier besitzt - folgt man Mark Terkessidis - der Ausdruck Fremdheit eine erstaunliche Selbstverständlichkeit: Das Eigene scheint immer noch intakt - als fremd gilt, wer nicht "hierher", wer nicht zu "uns" gehört. Dabei wird Fremdheit vor allem als kulturelle Unterschiedlichkeit verstanden. Der Autor zeigt, wie unbrauchbar der diesem Verständnis zugrunde liegende Kulturbegriff geworden ist, um gesellschaftliche Phänomene zu verstehen.