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2.7.2002 | Von:
Bernd Wagner

Kulturelle Globalisierung

Von Goethes "Weltliteratur" zu den weltweiten Teletubbies

Was ist unter kultureller Globalisierung zu verstehen? Ist der populären Kritik zuzustimmen, nach der eine immer stärker weltweit verbreitete US-amerikanische bzw. westliche Kultur die anderen Kulturen verdrängt ?

I. Der 11. September als Signatur einer kulturell globalisierten Welt

Es gibt ein Bild aus New York vom 11. September 2001, das in seiner Symbolik wie in einem Brennglas vieles von dem festhält, wofür dieses Datum steht: Auf dem Trümmerfeld vor dem zerstörten World Trade Center steht ein staubüberdeckter, leicht beschädigter roter Lieferwagen mit der Aufschrift "Enjoy Coca Cola", dahinter ragen wie mahnende Grabstelen die abgebrochenen Betonsäulen der Eingangsetage des ehemals höchsten Wolkenkratzers in den Himmel.

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  • Das Wahrzeichen westlich-kapitalistischer Wirtschaftsmacht in Trümmern, die Ermordung von rund 3 000 Menschen und eine von Menschenhand herbeigeführte Zerstörung großen Ausmaßes im US-amerikanischem Mutterland mit dem von den zusammenbrechenden Hochhäusern gestoppten Coca-Cola-Wagen - dieses Bild vermischt sich damit, was wir über den Terroranschlag und die Attentäter wissen: Die "Waffen" waren entführte Passagierflugzeuge, gesteuert von jungen Leuten, die in deutschen und englischen Universitätsstädten studiert und dort jahrelang unauffällig gelebt hatten. Ihre Flugkenntnisse lernten sie an nordamerikanischen Flugschulen, und am Abend vor ihrem Todesflug haben sie sich sichtlich gut gelaunt Geld an einem Bankautomaten abgehoben, bei Pizza Hut Fast Food gegessen und bei der weltgrößten Supermarktkette Wal-Mart noch etwas eingekauft. Die etwa 20 Attentäter kamen aus Saudi-Arabien und anderen Nahoststaaten, viele stammten aus der Oberklasse und der gehobenen Mittelschicht und lebten im westlichen Ausland, wo sie studiert, gearbeitet und teilweise sehr vergnügt die dortige Lebensweise genossen haben. Sie waren islamischen Glaubens und sind zu unterschiedlichen Zeiten vor ihrem mörderischen Anschlag zu militanten Fundamentalisten geworden, die Anschläge, Mord und Terror als Teil des Dschihad, des Heiligen Krieges, von islamistischen Gläubigen gegen die Ungläubigen und ihre gottlose Kultur propagieren.

    Deutlicher als McDonalds in Singapur, Pizza Hut in Lagos oder IKEA in Peking, als MTV, Coca Cola und der Marlboro-Mann steht der 11. September für die auch kulturell globalisierte Welt.

    Entgegen dem nach den Terroranschlägen immer wieder zitierten Bild vom "Kampf der Kulturen", des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Samuel P. Huntington markiert der 11. September eine Eskalation der Konflikte innerhalb einer gemeinsamen Weltgesellschaft mit vielen Kulturen, Ideologien, Religionen und Weltanschauungen und nicht zwischen kulturell definierten Großregionen.

    II. Was meint kulturelle Globalisierung?

    Den 11. September als Ausdruck einer mit sich selbst in Konflikt geratenen Globalisierung zu verstehen entbindet nicht von der Aufgabe, genauer zu bestimmen, was mit den allgemeinen Kennzeichnungen unserer Weltsituation durch die Bezeichnungen "Globalisierung" und "kultureller Globalisierung" gemeint ist.

    Wie die Globalisierung insgesamt ist auch die kulturelle Globalisierung ein komplexer Prozess mit sehr widersprüchlichen Formen, Reichweiten und Ausdrucksweisen, der sich einer eindeutigen Kennzeichnung entzieht.

    Weder "Globalisierung" noch "kulturelle Globalisierung" sind wissenschaftliche oder auch nur politische Begriffe, mit denen konkretere Aussagen verbunden sind - ausgenommen jene, dass Ökonomie, Technik, Politik und Kultur heute weltweit in so engen Austausch- und Kommunikationsbeziehungen stehen wie noch nie in der Geschichte. Über den Charakter und die Reichweiten dieser Verflechtung von Menschen, Gütern, Orten, Dienstleistungen und Kapital, die dadurch hervorgerufenen Veränderungen und die Entwicklungsperspektiven sowie die damit verbundenen Chancen und Gefahren ist mit diesen Bezeichnungen noch nichts gesagt. "Globalisierung" und "kulturelle Globalisierung" sind Arbeitsbezeichnungen für sehr unterschiedliche Entwicklungen und keine eindeutig definierten Begriffe. [1]

    1. Nicht Mosaik, sondern Fluss



    In der Diskussion über kulturelle Globalisierung gibt es eine sehr populäre Auffassung, nach der eine sich immer stärker ausbreitende US-amerikanische bzw. westliche Kultur die Kulturen in den anderen Ländern, Regionen und Kontinenten verdränge und alles zum großen Einheitsbrei, der "McDonaldisierung" (George Ritzer), einer "Cocacolization" (Zdravko Mlinar) oder der "McWorld" (Benjamin Barber) zusammenschmelzen würde. [2]

    Die Vorstellungen von der Zerstörung einer Kultur durch eine andere basieren auf einem Verständnis, nach dem Kulturen weitgehend in sich abgeschlossene Gebilde sind, gebunden an Orte und eine Gruppe von Menschen, eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, eine Region oder Nation. Aber solche authentischen Kulturen, ohne prägende Einflüsse von außen, sind eine Fiktion, da Kulturen nie in "Reinform" existieren, nicht statisch und homogen sind und immer aus der Begegnung und dem Austausch mit anderen Kulturen, dem gegenseitigen Aufnehmen und Abgrenzen entstehen. Kulturen sind Produkt von Beziehungen und Durchquerungen und entwickeln sich erst im Kontakt mit dem Fremden, Anderen. Kultur bedeutet immer schon "zwischen den Kulturen" (Alexander Düttmann), ist nie rein und homogen, sondern hybrid und heterogen. Kulturen sind "Bastarde", nicht nur wegen ihrer jeweils früheren Übernahme fremder Kulturelemente in die eigene Kultur, sondern "grundlegender deshalb, weil der Gestus der Kultur selbst einer des Vermischens ist: Es gibt Wettbewerb und Vergleich, es wird umgewandelt und uminterpretiert, zerlegt und neu zusammengesetzt, kombiniert und gebastelt" [3] .

    Im "World Culture Report 2000" der UNESCO bildet dieses Verständnis vom Entstehen und der Entwicklung von Kultur durch den ständigen kulturellen Austausch den Ausgangspunkt der Untersuchung der gegenwärtigen kulturellen Situation. Danach besteht "die Welt nicht aus einem Mosaik der Kulturen, sondern ist ein sich ständig wandelnder Fluss der Kulturen, dessen verschiedene Strömungen sich dauerhaft mischen" [4] .

    2. Weltliteratur, Kosmopolitismus und Nationalisierung der Kultur



    Auch wenn kultureller Austausch zum Wesensmerkmal der menschlichen Entwicklung gehört und in allen Epochen mit unterschiedlicher Intensität stattgefunden hat, nahm er einen gewaltigen Aufschwung mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise, welche die Menschen auf der Jagd nach Gewinn um den ganzen Erdball trieb. Diese neuen ökonomisch motivierten weltweiten Verbindungen schufen qualitativ andere Zusammenhänge als in früheren Zeiten und umfassten nicht nur die materielle, sondern auch die geistige Produktion. "Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur", heißt es 1848 bei Karl Marx und Friedrich Engels. [5]

    Bei Goethe taucht der Begriff "Weltliteratur", der erstmals von August Wilhelm Schlegel 1802 genutzt wurde, nachdem er zuvor der Sache nach schon von Johann Gottfried Herder entwickelt worden war, häufig auf. Goethe spricht davon, dass "die Epoche der Weltliteratur an der Zeit ist, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen" [6] .

    Die Vorstellung einer Weltliteratur war ein Produkt der Aufklärung und eines neuartigen Universalismus, die im neuen Begriff des "Weltbürgertums" im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert ihren Ausdruck fanden. [7]

    Dieser Kosmopolitismus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts konnte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts trotz weiter wachsender und immer engerer ökonomischer und politischer Zusammenhänge nicht weiter entfalten, da die Herausbildung der Nationalstaaten in starkem Maße über den Weg der "kulturellen Nationalisierung" stattfand. Nationalliteratur und Nationalkulturen spielten bei dieser Konstituierung einer Tradition, eines Gründungsmythos und der Idee eines reinen ursprünglichen Volkes eine zentrale Rolle, da mittels Kunst und Kultur die Verknüpfung der Menschen mit der Besonderheit eines national bestimmten Raumes und die Formung einer nationalen Identität am sinnfälligsten zu erreichen waren. Dabei wurden die Pluralität bäuerlicher Regionalkulturen und die universalen Orientierungen der Elitenkultur in der vorindustriellen Welt in den jeweiligen Nationalkulturen eingeebnet.

    Die "Nationalisierung der Kultur" war eine politische Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts prägend blieb und vor allem in den faschistischen und nationalsozialistischen Staaten Deutschland, Italien und Spanien eine besonders widerwärtige Ausformung hatte.

    3. Weltmusik und Weltkunst: frühe Formen kultureller Globalisierung



    Die von der Aufklärung und der deutschen Klassik geförderten Vorstellungen einer Weltliteratur wurden von der Nationalisierung der Kultur im 19. Jahrhundert zwar relativiert, aber nicht aufgesogen. Literatur ist spätestens von da an nicht mehr an eine Menschengruppe und Gegend gebunden, in der es mit der Schrift ein "Speichermedium" gibt. Seither ist jede Literatur von anderen Literaturen beeinflusst und wirkt wiederum auf diese ein. Dieser Austauschprozess gewinnt mit der Erfindung und Weiterentwicklung des Buchdrucks eine neue Dimension.

    Was bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem für die Literatur galt, weitet sich ab der zweiten Hälfte auch auf zwei andere Kunstformen aus: auf Musik und bildende Kunst. Grundlage hierfür war wiederum die Weiterentwicklung der Speichermedien. Natürlich gab es über den direkten Kontakt der Musiker und deren Arbeit in anderen Ländern, über Reisende und Auswanderer auch schon früher einen musikalischen Austausch und gegenseitige Beeinflussungen. Dabei betrifft das Aufnehmen von Musikidiomen aus anderen Kulturen nicht nur die klassische "Kunstmusik", sondern auch jene Musik, die besonders eng an das Lokale gebunden ist, wie die populäre Volksmusik. Ein exponiertes Beispiel dafür ist "La Paloma". Seit etwa 150 Jahren gibt es das Musikstück, das vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Spanier komponiert wurde und auf einer böhmischen Volksweise beruht, in einer Vielzahl von Ländern: als Volkslied, Tanzmusik und Seemannslied, als populäres Bravourstück für Opernsänger, als Tango, Walzer, Marsch, später im Jazz, Twist, Rock, Reggae, Country und als vielfacher Schlagererfolg sowie häufig als Filmmusik. [8]

    Dieser musikalische Austausch und die gegenwärtige Beeinflussung nehmen ähnlich wie bei der Entwicklung des Buchdrucks für die Literatur von dem Zeitpunkt eine neue Dimension an, als eine Speicher- und Wiedergabemaschine für Töne erfunden wurde. Der 1877 von Edison erfundene Phonograph und die 20 Jahre später entwickelte Schelllackplatte markieren den Beginn der ersten Phase der Weltmusik. Die jungen Phono-Unternehmen weiteten rasch ihr Absatzgebiet auf die ganze Welt aus, und um die Grammophone auch in Übersee zu verkaufen, wurde nicht nur europäische Musik auf die Platten gepresst, sondern auch von speziellen Aufnahmeteams aufgenommene Musikstücke aus den jeweiligen Ländern. Schon 1906, zwei Jahre nach ihrer Gründung, hatte die deutsche Musikfirma Odeon 11 000 Titel mit außereuropäischer Musik in ihrem Programm, die von Repräsentanten vor Ort ausgewählt, aufgenommen und vertrieben wurden. [9]

    Die Aufnahme- und Wiedergabemöglichkeiten für Klänge bildeten die Voraussetzung nicht nur für den weltumfassenden Vertrieb von Musikaufnahmen aus allen Ländern, sondern auch für die Vermischung musikalischen Materials und die Entstehung neuer Musik in einem ganz anderen Ausmaß, als es zuvor möglich gewesen war.

    1906 tauchte erstmals der Begriff "Weltmusik" auf. Was für die Entstehung der Weltmusik die Erfindung des Grammophons bedeutete, war für die bildende Kunst das Museum und die Fotografie. Nach den Kunst-, Gewerbe- und Geschichtsmuseen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem im Zusammenhang mit dem expandierenden Kolonialismus Völkerkundemuseen. Gegenstände der Alltagskultur und des religiösen Brauchtums, Schnitzereien und Masken in diesen Museen brachten die Kulturen aus Afrika, Asien und Südamerika nach Europa und beeinflussten hier das künstlerische und kunstgewerbliche Schaffen.

    Hierdurch wurde die Entwicklung der bildenden Kunst entscheidend beeinflusst. Am Beginn stehen Gauguins Südseebilder und Picassos Adaption afrikanischer Plastiken Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitere Stationen sind Malreisen von Klee, Macke, Nolde und vielen anderen nach Afrika, Asien und Südamerika, ferner der Einfluss der mexikanischen und indigenen Kunst auf die nordamerikanische Kunstszene sowie der Dialog zwischen asiatischen und europäischen KünstlerInnen. [10]

    Diese Austauschprozesse in der bildenden Kunst wurden durch die Möglichkeit der "technischen Reproduzierbarkeit von Kunst" über die neuen Medien Fotografie und Film noch einmal erheblich gefördert. Unter dem Einfluss der nun in großem Umfang entdeckten künstlerischen Arbeiten außereuropäischer Völker entsteht der "Weltkunstgedanke, das Sichauftun eines universalen Kunsthorizonts und die Erkenntnis, dass es dringende Pflicht ist, über die Mauern Europas hinauszuspringen, um mit jenen riesigen Kunstprinzipien sich auseinander zu setzen und in lebendige Beziehung zu treten, die außerhalb unseres westlichen Erdteils existieren . . . Die Parole und das Kennwort neuen Strebens lautet: Weltkunst, und das heißt die Gesamtheit aller Stilformen und Kunstbezirke des ganzen Weltkreises." [11]

    III. Grundlagen heutiger kultureller Globalisierung

    Die Herausbildung einer Weltliteratur, einer Weltmusik und einer Weltkunst im 19. und 20. Jahrhundert sind Vorläufer der kulturellen Globalisierung, die heute unser Leben prägt. Es handelt sich dabei um Internationalisierungsprozesse, die einen kulturellen Teilbereich, die Künste, betrafen - und auch hier nur einen Teil.

    Der zentrale Unterschied früherer und heutiger Formen kultureller Globalisierung besteht darin, dass sie heute weit über die Künste hinaus reichen und die Alltagskulturen sowie teilweise auch die mit Kultur und Kunst verbundenen Werthaltungen und Bedeutungen umfassen. Zudem zeichnet sich der gegenwärtige durch die Globalisierung bewirkte kulturelle Wandel durch eine bis in die letzten Zipfel der Erde reichende Ausbreitung aus sowie eine ungeheure Geschwindigkeit und eine gesteigerte Intensität, mit der die Kulturen in Kontakt stehen, sich austauschen, vermischen und neue Kulturen hervorbringen.

    Diese neue Qualität kultureller Globalisierung geht vor allem auf drei zentrale gesellschaftliche Veränderungen zurück, die alle Länder, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß prägen: die Herausbildung einer Weltgesellschaft durch die ökonomische Globalisierung, die weltweiten Migrationsprozesse und die Medienentwicklung.

    1. Eine Welt



    Die Globalisierung der Finanz- und Warenmärkte hat neue Zusammenhänge und Abhängigkeiten geschaffen. Kapital und Waren bewegen sich nahezu grenzenlos über die gesamte Erde, die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen ist immer weniger an bestimmte Orte gebunden. Die enge Verflechtung von Ökonomie und Finanzen bringt auch eine neue Mobilität der Menschen hervor. Führungskräfte und mittleres Management transnationaler Konzerne jetten um die Welt, Fachkräfte arbeiten wechselnd an unterschiedlichen Produktionsstätten auf verschiedenen Kontinenten, und Computerspezialisten werden an- und abgeworben, egal in welchem Land sie bisher oder zukünftig arbeiten. Der Internationalisierung der Arbeit folgt auch zunehmend eine solche der Qualifizierung dafür.

    Und wo die Menschen nicht durch ihre Arbeit und ihre Qualifizierung in andere Länder kommen, reisen sie als Touristen um die Welt. Natürlich betrifft diese neue Mobilität durch die grenzüberschreitende Ökonomie und den Tourismus nur einen kleineren Teil der Menschen. Aber auch viele der anderen, die ihre heimische Gegend nicht verlassen müssen oder können, kommen an ihren Arbeitsstellen oder den Tourismusorten mit den Berufs- und Urlaubsreisenden in Kontakt, lernen etwas von deren Kultur kennen, wie umgekehrt diese etwas von ihrer Kultur aufnehmen.

    2. Migration



    Die aus sozialen, ökonomischen und politischen Gründen erzwungene Mobilität hat in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Ausmaß erreicht, das - trotz Völkerwanderung und Siedlungskolonialismus in früheren Jahrhunderten - bislang unbekannt war. Als "Zeitalter der Migration" (Stephen Castles) wird inzwischen das letzte Jahrzehnt des 20. und das erste des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Nach dem Migrationsbericht der "Internationalen Organisation für Migration" (IOM) gab es 1975 75 Millionen Migranten, 20 Jahre später war die Zahl auf 105 Millionen gestiegen und beträgt nach UN-Schätzung heute 150 Millionen. Dabei finden diese Wanderungsbewegungen vor allem zwischen den Ländern des Südens, innerhalb der so genannten "Dritten Welt", statt, davon ein Drittel in Afrika. Nur 5 Prozent betreffen Europa. Als Folgen des disproportionalen Wachstums - nach dem "Human Development Report" der UN-Entwicklungsorganisation lebten 1996 1,6 Milliarden Menschen schlechter als 15 Jahre zuvor -, mit der zunehmenden Umweltzerstörung und den kriegerischen Auseinandersetzungen ist eine Steigerung der internationalen und interkontinentalen Wanderungsbewegungen absehbar.

    Diese in der Regel erzwungenen Migrationsbewegungen gehören zu den Schattenseiten der Globalisierung und tragen, da die meisten Migranten oft für längere Zeit und viele für immer ihren Heimatort wechseln müssen, erheblich zur kulturellen Globalisierung und der Vermischung der Kulturen bei. [12]

    3. Medienentwicklung



    Wie bei der früheren Herausbildung von weltweiten Austauschbeziehungen zwischen Kunstformen kommt der Medienentwicklung auch bei der gegenwärtigen kulturellen Globalisierung die entscheidende Bedeutung zu. Sie bildet die Voraussetzung für die heutige globale Vernetzung von Kulturen und Künsten. Nach einer UNESCO-Studie vom Ende der neunziger Jahre haben 93 Prozent der Kinder Zugang zu einem Fernsehgerät, und selbst in Afrika können vier von fünf Kindern hin und wieder TV sehen. [13] Anfang der neunziger Jahre erlaubten knapp 700 Millionen Fernsehapparate und zwei Milliarden Radiogeräte, davon allein 800 Millionen in Ländern des Südens, einen weltweiten Empfang von Informationen und Kultur. 1996 kamen auf 1 000 Einwohner in den Industriestaaten 1 005 Radio- und 524 Fernsehgeräte und in den "Entwicklungsländern" 185 Radio- und 145 Fernsehgeräte. [14]

    Die Entwicklung und Verbreitung der audiovisuellen Massenmedien Radio und Fernsehen haben eine neue Stufe grenzüberschreitender Vermittlung von Kulturen hervorgebracht, da sie zum Teil leichter zugänglich und oft attraktiver sind als andere Medien. Und sie haben zur Herausbildung transnationaler Medienunternehmen geführt, die immer mehr kulturelle Angebote für immer mehr Menschen in der Welt bereithalten, von denen jeder Einzelne dann wiederum über eine wachsende Zahl kultureller Produkte verfügen kann.

    Der Übergang von Buch- und Schriftmedien zu den Bild-, Wort- und Tonmedien (Fotografie, Telefon, Schallplatte) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ihre Weiterentwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Radio, Film) und vor allem in der zweiten Hälfte (Ferns