Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Christina Lotter

Editorial

Bereits seit den Ursprüngen der modernen Medizin definieren Ärzte und Ärztinnen, was "normal" ist und was auf welche Weise behandlungsbedürftig. Krankheiten sind somit letztlich immer auch soziale Zuschreibungen, denen der Einzelne mitunter machtlos gegenübersteht, wenn er etwa als "wahnsinnig" oder "hysterisch" etikettiert wird. Aber auch für den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit und erkrankten Personen waren und sind ärztliche Entscheidungen oft von enormer Tragweite.

Vor dem Hintergrund dieser Herrschaftsmechanismen der Medizin, die schon Michel Foucault kritisch untersuchte, bietet die fortschreitende Technologisierung des Gesundheitswesens einige Chancen: Apps und andere technische Hilfsmittel, die individuelle Gesundheitsdaten aufzeichnen, können nicht nur dabei helfen, Krankheiten früher zu entdecken, sondern auch dazu führen, dass Patienten ihrem Arzt mündiger und aufgeklärter gegenübertreten. Dennoch bleiben ethische und sicherheitstechnische Einwände: Wem gehören die gesammelten Gesundheitsdaten? Wer sagt den Algorithmen und Geräten, was "normal" ist?

Darüber hinaus wachsen Verantwortungs- und Leistungsdruck für den Einzelnen, wenn es kein Fachwissen mehr braucht, um den eigenen Gesundheitszustand einzuschätzen, und Gesundheit zu einer vermeintlich vom Individuum zu erbringenden Leistung wird. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und Umweltfaktoren, die ebenfalls die Gesundheit beeinflussen – etwa Einkommen, Arbeitsbedingungen oder Luftverschmutzung –, werden darüber oft ausgeblendet, und soziale Ungleichheiten können sich verfestigen. Gesundheit ist mithin eine Querschnittsaufgabe und mit zahlreichen anderen Politikfeldern verflochten, sei es Wirtschafts-, Arbeits- oder Umweltpolitik.

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Autor: Christina Lotter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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