Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Vera Regitz-Zagrosek

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht

Auch Krankheitsmechanismen unterscheiden sich bei Männern und Frauen: Die klassische KHE mit der Arteriosklerose der großen Gefäße ist ein typisches Bild bei Männern, das bei ihnen zehn Jahre früher als bei Frauen auftritt. Herzinfarkte ohne schwerwiegende Veränderungen der großen Herzkranzgefäße treten häufiger bei Frauen als bei Männern auf. Vor allem bei jungen Frauen finden sich häufig ungewöhnliche Befunde wie Verkrampfungen der Gefäße, Längseinrisse oder stressinduzierte Herzerkrankungen. Diesen unterschiedlichen Mechanismen entsprechen wohl auch unterschiedliche Symptome. Die Interpretation diagnostischer Befunde müsste bei Frauen und Männern unterschiedlich sein, obwohl sich diesbezüglich in den ärztlichen Leitlinien keine klaren Richtlinien finden. Es ist bekannt, dass Frauen bei Herzinfarkt später in die Klinik kommen und häufig über andere Symptome klagen als Männer. Das typische Bild beider Geschlechter muss den Aufnahmeärzt*innen bekannt sein, damit sie optimal handeln können.[5] Insgesamt müssen die typisch weiblichen Mechanismen der Herzerkrankungen jedoch noch besser beschrieben und erforscht werden, damit Frauen und Männer gleich gut behandelt werden können.

Schließlich ist effektive Rehabilitation ein Thema. Frauen sind in der Regel älter beim Infarkt und bekommen weniger häufig eine effektive Rehabilitation. Dies führt zu einer chronischen Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, gepaart mit hoher Belastung für ihr Umfeld, und nicht zuletzt zu hohen Behandlungskosten.

Repräsentanz in Datenbanken
Wir führten im Rahmen von GenCAD eine Suche in europäischen soziodemografischen und medizinischen Datenbanken durch, um zu testen, ob sie geeignet sind für die Analyse von Geschlechterunterschieden bei Herzerkrankungen.[6] GenCAD analysierte daher diese Datenbanken im Hinblick auf Morbidität und Mortalität an Herzerkrankungen, verknüpfte die Daten mit Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Alkoholkonsum und sozioökonomischen Parametern und testete die Daten auf Geschlechterunterschiede. Leider waren die meisten Datenbanken für die Analyse nicht ausreichend ausgestattet. Entweder hatten sie einen relativ niedrigen Grenzwert für das Einschlussalter (65–70 Jahre), oder die Variablen waren nicht geschlechtsspezifisch dargestellt. Geschlechtsassoziierte Kovariablen wie Schwangerschaftskomplikationen, Hormonstatus, hormonell bedingte Erkrankungen, Zahl der Kinder oder Sexualfunktion waren zumeist nicht eingeschlossen. Die Forscher waren sich offensichtlich nur zum Teil bewusst, wie groß die Bedeutung von geschlechtsspezifischen Faktoren ist und hatten in der Regel nicht die Ressourcen, alle erforderlichen Daten für eine solche Analyse zu erheben. Daher müsste das Bewusstsein der Forscher, aber auch die Ressourcenbereitstellung für den Einschluss von geschlechtsspezifischen Aspekten in Studien und Datenbanken verbessert werden.

Politische Vorgaben
Weiter analysierte GenCAD die politischen Vorgaben für eine geschlechtsspezifische Forschung, und zwar auf drei Ebenen: Auf Dokumentenebene suchten wir nach Dokumenten, die spezifisch Bezug zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und geschlechtsspezifischen Aspekten herstellen. Dies zeigte, dass es ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung von biologischem und soziokulturellem Geschlecht (Sex und Gender) für Herzerkrankungen in einigen Ländern gibt, insbesondere in Deutschland, Österreich, Dänemark, Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden und Spanien, dass aber andere Länder diese Aspekte vernachlässigen.

Auf der politischen Ebene versuchten wir anhand von Stellungnahmen und Veröffentlichungen zu bestimmen, in welchem Ausmaß die europäischen Mitgliedsstaaten bereit waren, eine Berücksichtigung von Geschlecht beim Umgang mit kardiovaskulären Erkrankungen zu ermöglichen. Dies geschah durch eine erweiterte Analyse von Positionspapieren zur Gleichstellung in Bezug auf diese Erkrankungen innerhalb der Länder.

Schließlich erweiterten wir unsere Untersuchungen auf die Analyse des globalen politischen Umfeldes in den Ländern und schlossen alle politischen Aussagen und Dokumente ein, die spezifisch Bezug zu Geschlecht und Gesundheit hatten. Dies zeigte, dass es doch deutliche Anstrengungen innerhalb der Mitgliedsstaaten gab, Geschlecht als bedeutenden Faktor im Gesundheitssystem anzuerkennen.

Insgesamt zeigte die Analyse, dass es in den Mitgliedsstaaten eine Bereitschaft gibt, Gleichstellung voranzutreiben und Diskriminierung zu unterbinden, was häufig von führenden Gesundheitsorganisationen oder Nichtregierungsorganisationen unterstützt wird. Allerdings fehlt oft noch die direkte Umsetzung dieser politischen Leitlinien in gesundheitspolitische Aktivitäten und Dokumente.

Fehlendes Bewusstsein
Wichtig ist auch die Frage, wie stark Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen im Bewusstsein von Patient*innen und Ärzt*innen verankert sind. Daher führte GenCAD zwei Befragungen durch: Zum einen wurden zufällig ausgewählte medizinische Laien in sechs Ländern, die insgesamt aufgrund ihrer Bevölkerungszusammensetzung, ihrer regionalen Lage und der Einkommensverhältnisse repräsentativ für die Europäische Union sind (Schweden, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Deutschland, Spanien), telefonisch befragt. Die Umfrage zeigte, dass die Patient*innen von ihren Ärzt*innen nicht sehr gut über Risikofaktoren und Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen informiert worden sind. Es gab sehr große Unterschiede zwischen den Ländern, insgesamt jedoch ein sehr großes Nichtwissen. Zum Beispiel identifizierten nur 7–29 Prozent der Befragten in den unterschiedlichen Ländern KHE richtig als die häufigste Todesursache bei Frauen. Insbesondere Frauen unterschätzten ihr Risiko, an Herzerkrankungen zu sterben, massiv. Als häufigster Risikofaktor wurde Stress erwähnt. Bewusstsein und Wissen über andere Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel und Diabetes müssen dringend verbessert werden. Weniger als die Hälfte der Befragten war gut über kardiovaskuläre Erkrankungen und ihre Risikofaktoren informiert. Massenmedien und das Internet waren die wichtigsten Informationsquellen, nicht die Informationen durch die Ärzte.

Fußnoten

5.
Vgl. The EUGenMed Cardiovascular Clinical Study Group, Gender in Cardiovascular Diseases: Impact on Clinical Manifestations, Management, and Outcomes, in: European Heart Journal 1/2016, S. 24–34.
6.
Vgl. Sabine Oertelt-Prigione et al., GenderMedDB: an Interactive Database of Sex and Gender-Specific Medical Literature, in: Biology of Sex Differences 1/2014, S. 5ff.
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