Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Vera Regitz-Zagrosek

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht

Biologische und soziokulturelle Unterschiede

Geschlechterunterschiede entstehen bei der Zeugung. Aus der Verschmelzung der Eizelle, die zwei X-Chromosome, die weiblichen Geschlechtschromosomen, enthält, mit einem Spermium, das ein X- und ein männliches Y-Chromosom enthält, und den nachfolgenden Zellteilungen können weibliche Zellen mit zwei X-Chromosomen oder männliche Zellen mit je einem X- und einem Y-Chromosom entstehen. Aus einer Keimzelle mit zwei X-Chromosomen entwickelt sich ein weiblicher Organismus. Enthält die Keimzelle ein X- und ein Y-Chromosom, so entsteht ein männlicher Organismus. Diese Geschlechtschromosomen werden bei allen Zellteilungen weitergegeben, mit dem Effekt, dass jede weibliche Körperzelle am Ende zwei X-Chromosomen hat und jede männliche ein X- und Y-Chromosom.

Die beiden Geschlechtschromosomen unterscheiden sich sehr. Während das X-Chromosom über 1.500 Gene trägt, die Herz, Hirn und Immunsystem beeinflussen, hat das menschliche Y-Chromosom im Lauf der Evolution Gene verloren und trägt nur noch weniger als 100 Gene, mit dem Schwerpunkt Geschlechtsentwicklung und Sexualfunktion. Eigentlich sollte bei weiblichen Zellen eines der beiden X-Chromosomen in allen Zellen inaktiviert werden – möglicherweise eine Strategie der Natur, um Frauen und Männer anzugleichen. Dies geschieht jedoch nur unvollständig, sodass etwa 15 Prozent der Gene des zweiten X-Chromosoms in allen weiblichen Zellen erhalten werden. Dies bedeutet einen biologischen Vorteil für die Frauen – sie haben Reservegene, zum Teil mit Schutzfunktion. Das schützt sie zum Beispiel bei X-chromosomal vererbten Erkrankungen.[10]

Die Gene auf den Geschlechtschromosomen steuern die Produktion der Sexualhormone – Testosteron treibt bereits beim männlichen Embryo die Hodenentwicklung an und stimuliert vor allem Wachstum, zum Beispiel der Muskeln. Sexualhormone bestimmen bereits beim Ungeborenen im Mutterleib die Verpackung zahlreicher Gene. Östrogene haben eher regenerative Wirkungen und schützen bei der Frau. Auch Verhaltensmuster, wie etwa Aggressivität, werden durch Sexualhormone mit beeinflusst.[11]

Schließlich spielt für die Entwicklung zur Frau oder zum Mann auch "Gender" eine Rolle. Gender beschreibt die soziokulturelle Dimension des Frau- oder Mann-Seins oder -Werdens in einer Gesellschaft. Gender wird von Gender-Normen, Gender-Identität, Gender-Konstrukten in Beziehungen und in Institutionen bestimmt. Es bestimmt Grundhaltungen und Handlungen im sozialen Umfeld und wirkt sich im Gesundheitsbereich auf Lebensstil, Ernährung, Bewegung, Prävention, etc. aus. Daher ist Gender eng damit verknüpft, wie stark man welchen Umweltfaktoren (Rauch, Feinstaub, Pestizide) ausgesetzt ist, sowie mit Stress und der Freisetzung von Stresshormonen und körperlichen Belastungen und Reaktionen. Ernährung, Stress, Rauchen, Staub und sogar Waschmittel beeinflussen die Verpackung unserer Gene, sodass sie mehr oder weniger aktiv sind. Dies geschieht unter dem Einfluss der Sexualhormone bei Männern und Frauen unterschiedlich. Das mag der Grund dafür sein, dass stressinduzierte Erkrankungen, im Herzen, Magen, in der Leber und anderswo, sich bei Männern und Frauen deutlich unterscheiden. Insgesamt ist die Trennung von Sex und Gender bei der Erforschung menschlicher Erkrankungen schwierig. Bei vielen von ihnen spielen beide eine Rolle. Daher befasst sich die Gendermedizin mit beiden.

Fußnoten

10.
Vgl. dies., Sex and Gender Differences in Health. Science & Society Series on Sex and Science, in: EMBO Reports 7/2012, S. 596–603.
11.
Vgl. ebd.
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